Silvi

Dann doch lieber einen Cowboy als Mann.

Silvi 02

Schon in seinem erfolgreichen Kurzfilm von 2011 Vaterlandsliebe (1. Preis interfilm 2012, Nominierung First Steps 2012) spielte Nico Sommer auf subtil entlarvende Weise mit dem vermeintlichen Schubladendenken seiner Zuschauer: Der Film begleitet einen jungen Mann auf seinem aus dem Selbstbild, ein stolzer Deutscher zu sein, entstandenen Rechtfertigungstrip. Mit viel intelligentem Witz lotet er dabei die brüchige Grenze zwischen Nationalstolz und rechtem Gedankengut aus und übersetzt diese formal im Stile einer behutsam austarierten Mockumentary. Der Verwischung von vermeintlich fiktionalem und dokumentarischem Material bleibt Sommer in seinem ersten Langspielfilm Silvi treu, auch wenn auf Ebene der Montage eine klarere Setzung greift: Die Geschichte wird immer wieder mit Interviewsequenzen der Protagonistin, die hell ausgeleuchtet in die Kamera spricht, gebrochen. Ihr Pathos, sei es Betroffenheit oder Erheiterung, ziehen diese Szenen dabei immer aus ihrer Korrespondenz zum erzählten Geschehen.

Silvi ist 47 und ihre Ehe, wie sich später herausstellt, schon lange am Ende: „Ich fühlte mich wie ein Möbelstück, nicht einmal mehr abgestaubt hat er.“ Gleich zu Beginn verlässt sie ihr untreuer Ehemann in einer toll inszenierten Autoszene, stilecht nach einem Waschstraßenbesuch und mit Bier in der Hand. Sie solle die Chance für einen Neuanfang nutzen, meint er. Aber was heißt das eigentlich nach 30 Jahren Ehe? Silvi probiert es aus und landet mitten im Dating-Wahnsinn: Ein netter, leicht bemitleidenswerter Nerd (Harald Polzin) stellt sich als Sexmaschine und egoistischer Schweinehund heraus, der romantische Südländer (Iván Gallardo) packt plötzlich Koks, Latex und die Peitsche aus. Die eben noch verfluchte Unlust des Ehemanns verkehrt sich in der Protagonistin selbst zustoßende Lüsternheit. Glücklicher oder zufrieden macht das nicht. Gut, dass es da ja auch noch die sichere Variante, den treudoof schleimenden Familienmenschen Thomas (Peter Trabner) gibt.

Silvi 01

Sommer arbeitet episodenhaft, zieht jedoch über den ganzen Film hinweg auch immer wieder Spiegelungen ein. Zum einem im großen erzählerischen Bogen – Silvi befindet sich plötzlich auf der anderen Seite, ist die Affäre – aber auch in zahlreichen sich entsprechenden Gesten, die immer wieder mit dem zuvor Erlebten kommunizieren: das brüderliche Trinken, das Füttern des Partners, die Fetisch-Spielchen. Über das Tragikomische dieser Verknüpfungen baut Silvi ein starkes Identifikationspotenzial seiner Hauptfigur auf, das dann in den erwähnten Interviewsequenzen immer wieder untergraben wird, nicht zuletzt ob der optimistischen Naivität der Protagonistin. Das auf Improvisation vertrauende Spiel, ein allgemein zu beobachtender Trend im jungen deutschen Film, wirkt im Vergleich zu den Kollegen Doose (Staub auf unseren Herzen, 2012), Lass (Kaptn Oskar, 2013) oder Ranisch (Dicke Mädchen, 2011) kalkulierter. Sommer will inszenieren, wie auch ein dynamischer, immer wieder mit Jump-Cut-artigen Raffungen arbeitender Schnitt und der offensive Einsatz von Gitte Haennings Schlagermusik der 1960er und 70er Jahre verdeutlichen. Scheinbar beiläufige Beobachtung verkehrt sich so immer wieder zu einer auf den Punkt gebrachten und mit komischen Momenten gespickten Tragik, die Mechanismen des Sozialen entlarvt und auf den Zuschauer zurückwirft: sei es das politisch Unbewusste in Vaterlandsliebe oder die Krux der eigenen Liebesmüh in Silvi. Jedem Lachen folgt ein unruhig betretenes Herumrutschen im Kinosessel. Film als bloßlegende Spiegelung.

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