Silip: Daughters of Eve

Ein Dorf, in dem religiöser Wahn und Geilheit miteinander ringen. Mit einem eigensinnigen Erotikfilm erzählt Elwood Perez von einem Sündenfall der anderen Art.

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Bei der Eröffnungsszene von Silip: Daughters of Eve (Silip, 1985) wird mir bewusst, dass ich doch noch nicht alles gesehen habe. Gerade in den letzten Jahren, wo sich im Festivalkino ungestellte Tiertötungen als neuer Trend etablierten, habe ich mich bei aller Sensibilität gegenüber realer Gewalt doch irgendwann ein wenig abgestumpft gefühlt. Das hier ist aber nun wirklich schwer mitanzusehen: Ein brutaler Lackel im Lendenschurz (Mark Joseph) haut einem Büffel immer wieder die Rückseite seiner Axt auf den Kopf. Das Tier taumelt und bricht zusammen, versucht sich mit aller Mühe wieder aufzurappeln und wird mit dem nächsten Schlag erneut niedergestreckt. Mehrmals wiederholt sich dieser Vorgang, so lange, bis der Büffel auf dem Rücken liegt und nur noch apathisch mit den Füßen zuckt.

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Während dieses grausamen, mehrere Minuten in Anspruch nehmenden Schauspiels hat sich eine Gruppe weinender und schreiender Kinder um den Grobian namens Simon versammelt. Ihre Tränen straft er mit Verachtung. „Jeder muss mal sterben“, brüllt er ihnen entgegen, oder: „Wer wird nachher von seinem Fleisch essen? Ihr alle!“ Später schneidet er dem Büffel den Kopf ab, hält ihn vor die verstörten Kinder und prophezeit, dass sie schon bald ihre Unschuld verlieren werden, dass sie dann endlich sehen werden, wie die Welt wirklich ist. Just in diesem Augenblick beginnt eines der Mädchen zum ersten Mal zu menstruieren.

Vor dem Sündenfall

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Nach so einem Einstieg ist man verständlicherweise erst mal benommen. Aber jeder Zuschauer, den zu diesem Zeitpunkt noch nicht der Mut verlassen hat, bekommt von nun an die Möglichkeit, einen bestialischen, aber auch sehr zärtlichen Film zu sehen. Zunächst wird das Bildformat breiter, und der experimentelle Jazz-Soundtrack weicht harmonischeren Klängen. Wir befinden uns in einem von der Außenwelt isolierten Dorf. Obwohl die Bewohner direkt aufs weite Meer blicken können, fühlt es sich hier beklemmend an. Das Leben spielt sich zwischen zwei Extremen ab: Zwischen Triebhaftigkeit und einer konservativen, vom Christentum diktierten Moral. Das Private ist dabei zwangsläufig immer öffentlich. Wenn nicht gerade vor, sondern in den luftigen Strohhütten gefickt wird, bekommt es trotzdem jeder mit. Für die Dorflehrerin Tonya (Maria Isabel Lopez) ist es unerträglich, zwischen dem Gerammel ihrer Nachbarn leben zu müssen. Sie hat sich dem Glauben verschrieben und bringt ihren Schützlingen einen Katholizismus wie aus dem Mittelalter bei. Heimlich verzehrt sie sich aber nach Simons verschwitztem Körper. Manchmal kann sie nachts nicht mal schlafen, weil sie vor Geilheit am ganzen Leib zittert. Eines Tages taucht auch noch ihre Jugendfreundin Selda (Sarsi Emmanuelle) mit einem Amerikaner auf. Im Gegensatz zu Tonya lebt sie ihre Lust ohne Schuldgefühle aus. Vor allem aber hat sie auch ein Auge auf Simon geworfen.

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Regisseur Elwood Perez hat in seiner üppigen Filmografie mit sehr unterschiedlichen Genres wie Abenteuerfilmen, Komödien und Liebesfilmen gearbeitet. Silip wurde seinerzeit als Sexploitation-Film vermarktet, wofür er handwerklich eigentlich zu gut und inhaltlich zu eigensinnig ist. Über Schauwerte verfügt er allerdings genug – mehr als man im ansonsten deutlich züchtigeren philippinischen Kino erwarten würde. Den Genitalien seiner Figuren widmet sich der Film nicht selten in Großaufnahmen. Hauptdarsteller Mark Joseph (der damals wegen seiner Rollen in Sexfilmen den Spitznamen pene king, „König der Penetration“, bekam) lässt er sogar mehrmals seine Erektion präsentieren. Perez preist solche Momente aber nicht als große Attraktion an. Zwar wirkt der Sexualtrieb in seinem Film streckenweise wie eine Sucht, mit der gegen das fromme Klima aufbegehrt werden muss, die nackten Körper sind dabei aber sehr unaufgeregt und natürlich in Szene gesetzt, so als befänden wir uns noch vor dem Sündenfall.

Der Film zersetzt sich selbst

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Eigentlich legt der internationale Verleihtitel Daughters of Eve eine reaktionäre Prämisse nahe: Die Frauen sind es mal wieder, die das Elend bringen und die armen Männer verführen. Aber Perez geht bei der Verteilung der Schuld sehr viel egalitärer vor. Der sich langsam anbahnende catfight zwischen Tonya, Selda und einer dauergeilen Nachbarin wandelt sich zunehmend zu einer Hexenjagd, die in einer orgiastisch mörderischen Raserei gipfelt. Die Botschaft ist unmissverständlich: Religion predigt keine Nächstenliebe, sondern eher das Gegenteil. Die eigene Lust wird verheimlicht und der Egoismus als moralische Wachsamkeit verkauft. Und während Perez sogar den unsympathischsten Figuren eine tragische Dimension zugesteht – selbst dem wüsten Simon, der fast jede Frau haben kann, nur nicht die, die er begehrt –, zeigt er ebenso, dass niemand in seinem Film unschuldig ist. Nicht die Frauen und nicht die Männer, nicht die Erwachsenen und – das ist vielleicht die größte Besonderheit dieses Films – auch nicht die Kinder.

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Man kennt das zu Genüge aus dem Kino: Ein Film kann noch so brutal oder anzüglich sein, die Kinder bleiben dabei unantastbar, hoch oben, auf einem Sockel der Erhabenheit. Und die kleinen Gören, die das Horrorkino manchmal bevölkern, sind letztlich nur die – zugegeben sehr unterhaltsame – Folge einer Trotzreaktion. Perez traut sich dagegen, das Tabu zu brechen, Kinder in jeder Hinsicht für voll zu nehmen. Selbst die Jüngsten werden in den Kreislauf von Lust und Tod miteinbezogen, in dem das ganze Dorf gefangen ist. Nackt tollen sie am Strand herum und erzählen sich, für wen sie gerade schwärmen. Nur weil sie noch keine Schamhaare haben, heißt das nicht, dass kein sexuelles Verlangen in ihnen brodelt. Jedoch nicht füreinander, sondern für die Erwachsenen. In einer Szene steht das Mädchen, das gerade erst zur Frau geworden ist, vor dem nackten Simon und sagt: „Lass mich dein Horn berühren“. Bevor der Schnitt einsetzt, kommt die Hand der jungen Darstellerin Josephs Schwanz so nahe, dass man glaubt, der Film müsse sich gleich selbst zersetzen.

Das Blut verwandelt sich

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Obwohl Silip über reichlich Material verfügt, das sich zur Provokation eignet, zeichnet sich schnell ab, dass Perez höhere Ambitionen hat. Anhand eines dörflichen Mikrokosmos zeigt er, wie der Mensch in einem Dilemma gefangen ist: Einerseits kann er seinen Trieben nicht ganz nachgeben, weil sonst völliges Chaos herrschen würde, andererseits ignorieren die strengen Regeln des Christentums gerade im Hinblick auf Sexualität die menschliche Natur. Dieser nie ganz lösbare Konflikt führt in Silip zu einer unglücklichen Kette an Ereignissen, einem Sündenfall der anderen Art. Die „Tochter Evas“ sind bei dieser radikalen Aktualisierung der Schöpfungsgeschichte keine Verführerinnen mehr, sondern lediglich die Sündenböcke. Und auch ich als Zuschauer habe gewissermaßen meine Unschuld verloren. Wie im Garten Eden verändert sich der Blick auf die nackten Körper. Wo es zuvor noch Unbefangenheit zu bewundern gab, denkt man jetzt nur noch an Vergewaltigung und Tod.

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