Silent Waters – Kritik

Während der Islamisierung Pakistans im Jahre 1979 schließt sich Saleem, der Sohn der verwitweten Ayesha, einer Gruppe islamistischer Fundamentalisten an. Mit Sorge verfolgt Ayesha die Veränderung ihres Sohnes. Silent Waters ist die filmisch konventionell umgesetzte Tragödie eines Einzelschicksals in den religiösen und gesellschaftlichen Wirrungen des Landes, die mutig Stellung bezieht zur aktuellen politischen Situation des indischen Subkontinents.

Silent Waters

Politisches Engagement ist in, und Festivaljurys scheinen momentan in ihren Auswahlkriterien darauf abonniert. Michael Moores Fahrenheit 9/11 hat die Goldene Palme beim diesjährigen Festival in Cannes sicherlich nicht wegen seiner besonderen ästhetischen Qualität, sondern wegen seiner aufklärerischen Mission erhalten. So wirkt auch der Goldene Leopard, mit dem der pakistanische Wettbewerbsbeitrag Silent Waters der Regisseurin Sabiha Sumar beim 56. Filmfestival von Locarno ausgezeichnet wurde, mehr als ein politisch-gesellschaftliches Statement denn als ein ästhetisches Urteil.

Der Film fokussiert drei historische Momente in der Geschichte des jungen Staates Pakistan. Der Hauptstrang der Handlung spielt 1979, zu der Zeit, als General Zia ul-Haq nach einem gelungenen Putschversuch neuer Präsident der Republik wird und das islamische Gesetz ausruft. Im Zentrum stehen die damit verbundenen politischen und gesellschaftlichen Umwälzungen, die die Bewohner des Dorfes Charkhi, und insbesondere die verwitwete Ayesha (Kirron Kher), am eigenen Leib zu spüren bekommen. Aus ihrer Perspektive wird in Flashbacks die Gründung Pakistans im Jahre 1947 erzählt, die mit der Abspaltung von Indien und der Vertreibung der hinduistischen Sikh – der „Ungläubigen“ – aus dem islamischen Staat vollzogen wurde, und mit der Ayesha traumatische Erlebnisse verbindet. Der Epilog schließt die narrative Klammer zum Jahr 2002, das mit der Produktionszeit des Films zusammenfällt, und das zum Zeitpunkt eines neu aufkeimenden Fundamentalismus wie eine rhetorische Frage an die politische Vernunft des Publikums appelliert.

Silent Waters

Ayeshas geordnetes Leben wird zur Tragödie, als ihr verträumter 18-jähriger Sohn Saleem (Aamir Malik), der seine vorgezeichnete Zukunft als bescheidener Bauer nicht hinnehmen will, in die Fänge von militanten Islamisten gerät, die im Dorf Station machen. Anstatt weiter brav auf seiner Flöte zu spielen und mit seiner Musik seine Angebetete Zubeida (Shilpa Shukla) wie bisher zu umwerben, verfällt Saleem dem Reiz der Waffe und führt nun Hetzparolen brüllende Horden durch die Straßen Charkhis. Skurrile Aktivitäten sollen der moralischen Bekehrung der Bevölkerung dienen. Betend rücken die Fundamentalisten mit Zement und Ziegeln an, um die Mädchenschule des Dorfes durch die Erhöhung der Mauer vor unzüchtigen Blicken zu schützen. Der religiöse Hass im Dorf wird durch die Präsenz indischer Sikhs geschürt, die auf Grund eines diplomatischen Abkommens erstmals seit der Staatsgründung ihre heiligen Stätten in Pakistan zum Gebet wieder aufsuchen dürfen. Ayesha wird mit einem der hinduistischen Pilger konfrontiert, der in ihr seine 1947 bei der Flucht nach Indien zurückgelassene Schwester wiedererkennen will. Der Film beruht auf wahren Begebenheiten und verbindet ein komplexes Einzelschicksal mit den politischen Entwicklungen in Pakistan.

Der dezidiert weibliche Blick von Regisseurin Sumar – Perspektiventrägerinnen sind auch die beiden Frauen Ayesha und Zubeida – inszeniert Frauen als sanftmütige, letztendlich (im Tod) überlegene Opfer aggressiver, religiös legitimierter männlicher Machtbestrebungen. Dumme Männer beten und ballern, während kluge Frauen verstehen und verbessern, aber das war ja schon immer so. Höchste Zeit also, endlich die Frauen an die Macht zu lassen.

Silent Waters

Die Geschichte ist handwerklich solide umgesetzt, aber abgesehen von ein paar sehr schönen Szenen, wie die der farbenprächtigen Dorfhochzeit zu Anfang des Films, die Charme und unbändige Lebensfreude versprüht, ist die Geschichte sehr konventionell erzählt, die Charakterisierung der Figuren teils oberflächlich und deren Handlungsmotivation nicht immer nachvollziehbar. Beachtenswert ist die Schauspielleistung von Kirron Kher, die für ihre Rolle der Ayesha auf dem Filmfestival von Locarno verdient mit dem Bronzenen Leoparden als Beste Darstellerin ausgezeichnet wurde. Die internationale Koproduktion, die u.a. vom „Kleinen Fernsehspiel“ des ZDF und Arte mitfinanziert wurde und in Frankreich von Eric Rohmers Hausmarke „Les films du Losange“ vertrieben wird, unternimmt den schwierigen Spagat zwischen anspruchsvollem Kunstkino und Abendunterhaltung für die Masse. Die mutige politische Stellungnahme, das Plädoyer für einen friedlichen Umgang der Religionen miteinander sind seiner Regisseurin, der einzigen unabhängigen Filmemacherin Pakistans, in jedem Fall hoch anzurechnen.

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