Silence

Heilige Mission oder kulturelles Kräftemessen? Martin Scorsese schickt einen portugiesischen Priester ins Herz der japanischen Christenverfolgung.

Silence  5

Sobald die portugiesischen Priester Sebastião (Andrew Garfield) und Francisco (Adam Driver) die japanische Küste erreicht haben, ist eine enorme Anspannung zu spüren. Unterhaltungen mit den christlichen Einheimischen erfolgen nur im Flüsterton und versteckt in weitläufigen Schilffeldern, dunklen Höhlen und stickigen Hütten. Die atemberaubende Natur kann nicht darüber hinwegtäuschen, dass wir uns in einem Schattenreich befinden, das von ständigem Misstrauen und nackter Angst regiert wird. Wir befinden uns am Ende des 17. Jahrhunderts; in einer Zeit, in der die japanische Regierung mit unbarmherziger Hand gegen christliche Missionare und einheimische Konvertiten vorgeht. Die Unterdrückten versuchen in diesem feindlichen Klima einige wenige Schutzräume zu bewaren. Erst wenn sie sich im warmen Kerzenschein in Sicherheit wiegen, werden Kreuze verteilt und sehnsüchtig an den Körper gepresst, wird die Beichte abgenommen und vor allem viel geweint, getröstet und gehofft.

Silence  2

Was das Fundament der Angst in Martin Scorseses neuem, auf dem Roman von Shusako Endo basierendem Film ist, führt uns gleich die Eröffnungsszene vor Augen.Wer dem Christentum nicht abschwört, den erwartet ein langsamer und qualvoller Tod. Die Gläubigen, die sich weigern, werden mit kochend heißem Wasser verbrüht, in Strohmatten eingewickelt und angezündet – oder auch kopfüber aufgehängt, während sie ausbluten. Es ist ein bisschen wie früher bei den Märtyrern, aber das Leiden hat hier nichts Erhabenes oder Triumphierendes, sondern bleibt sinnlos und bestialisch. Man muss kein Atheist sein, um sich zu fragen, warum sich jemand freiwillig diesen Martern aussetzt.

Vernünftig ist nur der Feigling

Silence  1

Denn es gibt einen zumindest scheinbar sehr einfachen Ausweg: Dafür müssen die Gläubigen lediglich auf eine bronzene Jesus-Darstellung treten und damit beweisen, dass sie mit dem Erlöser nichts zu tun haben. Wie leer diese symbolische Handlung ist, wissen selbst die Christenjäger. Einmal bettelt ein Inquisitor seine Gefangenen regelrecht an, diesen Kompromiss mit ihm einzugehen, damit beide Parteien endlich nach Hause gehen können: „Ihr könnt auch nur ganz leicht darauf treten.“ Doch Silence interessiert sich gerade für diese Opferbereitschaft oder, besser gesagt, den inneren Kampf, der sich dahinter verbirgt. Immer wieder stellt sich hier die Frage, was wichtiger ist: der Glaube an etwas Immaterielles oder der Schutz eines Menschen, der ganz leibhaftig neben einem steht; der einen mit verweinten Augen und zitternden Lippen anschaut und auf sein Schicksal wartet. Für Sebastião, der vor die Wahl gestellt wird, entweder seine Glaubensbrüder oder seinen Glauben zu verraten, ist es eine Lose-Lose-Situation. Einfacher macht es sich da der von allen verachtete Trunkenbold Kichijiro (Yosuke Kubozuka), der zwar selbst ein glühender Christ ist, sich aber – fast schon als Running Gag – ein ums andere Mal verleugnet, um seine Haut zu retten. Ethisch ist das durchaus fragwürdig, weil er dabei auch andere ans Messer liefert, aber unter allen Figuren scheint er noch der Vernünftigste zu sein.

Silence  4

Was Silence zu einem so außergewöhnlichen, packenden und komplexen Film macht, ist nicht nur seine konzentrierte, für Scorseses Verhältnisse fast asketische Inszenierung – statt einem klassischen Score haben Kim Allen und Kathryn Kluge etwa eine Ambient-Collage aus elektronischen Klangflächen und Naturgeräuschen konzipiert –, sondern auch seine konsequente Weigerung, parteiisch zu sein oder seinen Figuren einfache Lösungen für ihre Zwickmühlen aufzuzeigen. Die Religion ist hier ebenso Heilmittel wie Sinnbild für das ewige Scheitern an den eigenen Ansprüchen. Sebastião sieht mit seinem verhärmten Gesicht und seinem Rauschebart zwar aus wie Jesus, schafft es ansonsten aber nicht, seinem Vorbild gerecht zu werden. Wie ein nicht sonderlich sympathischer Streber will er seinem spirituellen Lehrer ständig beweisen, dass er der Klassenbeste ist – und vergisst dabei die wahren Werte seines Glaubens. Dass Silence in jeder Pore ambivalent bleibt, verdankt er vor allem seinen selbst in den statischsten Momenten noch mitreißend inszenierten Gesprächsszenen. Nie haben sie zum Ziel, dass jemand von der Meinung des anderen überzeugt wird. Vielmehr werden sie von einem nicht aus der Welt zu schaffenden Zweifel beherrscht. Erst im Verhältnis zu anderen zeichnen sich die engen Grenzen der eigenen Weltanschauung ab. Wie eitel und hochmütig Sebastião eigentlich ist, zeigt sich bei einer Unterhaltung mit dem verstörend harmlos wirkenden Ober-Inquisitor Inoue – vom Komiker Issei Ogata mit subtiler Körperkomik gespielt. Ein allegorisches Streitgespräch zwischen den beiden wird zum kulturellen Schwanzvergleich: das Christentum zu einem Haufen zänkischer Konkubinen und die japanische Kultur zu einer alten hässlichen Frau. Lange befanden wir uns auf der Seite des Priesters, ganz einfach, weil wir ihn bei seiner schmerzhaften Reise begleitet haben. Nun offenbart sich aber endgültig, dass seine Missionsarbeit eigentlich nichts anderes als Kolonialismus ist.

Selbstüberschätzung und Erlösungswahn

Silence  10

Dass sich Silence nie ganz greifen lässt, hat auch damit zu tun, dass er immer wieder seine Perspektive wechselt. Zunächst beobachtet Sebastião noch von einem Hügel aus, wie sich die japanischen Dorfbewohner (unter ihnen so hochkarätige Namen wie Theaterschauspieler Yoshi Oida und Horror-Auteur Shinya Tsukamoto) zwischen ihrem Leben und der Liebe zu Gott entscheiden müssen. Der Priester zeigt sein Mitgefühl, aber eben auch seine Überheblichkeit gegenüber Kichijiro und seinem unerschütterlichen Lebenswillen. Im Mittelteil hat Sebastião dann selbst mit diesem Konflikt zu ringen und erweist sich dabei als nicht weniger egoistisch. Wie so viele Scorsese-Helden vor ihm – zuletzt etwa Leonardo DiCaprio als zugekokster Broker in The Wolf of Wall Street (2013) – begibt sich der Geistliche mit einer Mischung aus Selbstüberschätzung und Erlösungswahn auf ein Himmelfahrtskommando, das ihn fast in den Wahnsinn treibt. Und gerade als Gott sein scheinbar ewiges, qualvolles Schweigen bricht, geht der Film wieder einen Schritt zurück, um die Geschichte aus der Perspektive eines holländischen Händlers weiterzuerzählen – und damit wieder über einen Außenstehenden, dessen Blick beschränkt bleiben muss.

Andere Artikel

Trailer zu „Silence“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.