Sightseers

Viele Morde, viel Gelächter, zu wenig Wahnsinn.

SIGHTSEERS 2

Liebe kann tödlich sein. Meist ist das ja metaphorisch gemeint, aber der Brite Ben Wheatley versteht die Alltagsweisheit wörtlich. Schon mal eine romantische Komödie mit Serienkillerpärchen gesehen? In Sightseers fahren Tina (Alice Lowe) und Chris (Steve Oram) mit ihrem Wohnwagen durch die britische Provinz, klappern Sehenswürdigkeiten von eher geringer Attraktivität ab (Bleistiftmuseum, Tropfsteinhöhle, Tram-Erlebnispark) und bringen nebenbei ein halbes Dutzend Menschen um. Manchmal hat das eher pädagogische Gründe, manchmal blitzt ein wenig Sozialneid durch, aber immer geht es essenziell um die Beziehung und darum, den Streit untereinander in Gewalt nach außen zu kanalisieren.

Das Abgründige lauert hier im Normalen, oder in seiner Steigerung: dem Spießertum. Auf Campingplätzen hüpfen Hippies zu Trommelmusik über den akkurat gestutzten Rasen und opfern Hühner, Stricknadeln können zur Todesfalle werden, und wer seinen Abfall nicht aufsammelt, hat kein Recht zu leben. Wheatley ist sich treu geblieben mit dieser verqueren Melange aus schwarzem Slapstick, überzogener Gewaltdarstellung und satanistischen Untertönen. Aber nachdem er mit dieser kruden Rezeptur in Kill List (2011) eine magische Suppe aus Horrorschocker, Beziehungsdrama und Gangsterthriller zusammenbraute, die jeder Sehgewohnheit auf haarsträubend-grandiose Art zuwiderlief, klappt die Alchemie in Sightseers nur bedingt.

SIGHTSEERS 1

Der Film fängt stark an mit einer ätzenden Persiflage auf das Leben im britischen Reihenhaus, wie sie Wheatley ganz ähnlich schon in Down Terrace (2009) betrieb. Eine ältere Hausfrau (Eileen Davis) ergibt sich den Depressionen, seit ihr geliebtes Schoßhündchen vor einem Jahr tragisch zu Tode kam. Zwischen Porzellanhündchen, Hundefotos und Halsbändern mit Silberherzchen macht sie ihrer Tochter Tina das Leben zur Hölle. Hier schimmert schon der sadistische Genuss am Leiden anderer durch, der die triste Kleinstadthölle unterspült.

Danach wird es beliebiger. Obwohl Wheatley das Drehbuch diesmal nicht selbst geschrieben hat (die beiden Hauptdarsteller sind auch das Autorenduo), bleibt er seiner Vorliebe für inkonsistente Figuren treu. Tina und Chris haben mehr Stimmungsschwankungen, als man je nachvollziehen könnte, sie handeln immer unter Druck, immer aus Affekt. Bei Kill List war das noch faszinierend, weil die Abgründe zwischen den disparaten Handlungen unendlich tief wurden und sich die Figuren allmählich aufzulösen begannen. Gleiches galt für die Inszenierung: Man konnte bei keinem Bild erahnen, welches folgen würde. Aber Sightseers ist gemäßigter, seine Road-Movie-Geschichte stringenter, Tina und Chris sind leichter zu durchschauen. Kurzum, der Film ist langweiliger. Viel Blut und viel erzwungene Situationskomik können nicht verbergen, dass hier ein sehr schlichtes Gemüt verborgen liegt.

SIGHTSEERS 3

Natürlich ist manche Szene lustig, aber so gut wie nie auf hintergründige oder beziehungsreiche Weise, sondern stets in Form von In-die-Fresse-Humor. Die Morde sind wie immer bei Wheatley explizit, aber auch hier regiert eher der Slapstick als der Horror. Sightseers stichelt gegen die Spießerkultur, gegen die provinzielle Kleingeisterei, gegen die Machtspiele der Liebe, aber landet keine wirklich schmerzhaften Treffer.

Sightseers 4

Doch bei Wheatley kam es nie auf schlaue Analyse der Welt an, sondern auf schlaue Analyse der Genrekonventionen und ihrer inszenatorischen Codes. Jeder seiner Filme riss Grenzen ein und schneiderte Frankensteinkostüme, und auch Sightseers will zugleich Road-Movie, Serienmörderfilm, Sozialdrama, Romantic Comedy und Persiflage all dessen sein. Aber die Nähte halten nicht, das Muster wirkt zu beliebig. So hat Wheatley zwar wieder eine einmalige Genre-Rhapsodie geschaffen, aber diesmal ohne den nötigen Schuss Wahnsinn, der für Genialität unabdingbar ist.  

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