Sieranevada

Warten, bis es endlich Essen gibt: Cristi Puiu stopft eine kleine Wohnung in Bukarest mit einer Großfamilie voll und zeigt, wie sie sich nicht unter einen Hut bringen lassen kann.

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Die letzte Szene aus Cristi Puius Sieranevada macht noch einmal deutlich, wie kurios, fast schon absurd, es eigentlich ist, wenn eine Familie zu Ehren eines ihrer Mitglieder zusammenkommt, das gar nicht mehr unter ihnen ist. Eine Gedenktradition in Rumänien: Zum Leichenschmaus trifft man sich nicht nur nach der Beisetzung, sondern auch in regelmäßigen Jahresabständen nach dem Ableben des Verstorbenen. Lary (Mimi Brănescu) und seine Frau Sandra (Judith State) sind auf dem Weg dorthin. Im Auto streiten sie eine ganze Weile über Disney, die Brüder Grimm und die Öffnungszeiten des Postamts. Die Kamera bleibt auf Sandra gerichtet, die sich immer wieder zu Lary dreht und wegen Kleinigkeiten zetert. Sie nimmt den gesamten Raum ein, akustisch wie visuell; Lary sieht man ab und zu im Rückspiegel, manchmal lächelt er beschwichtigend zu seiner Frau, der er in diesem harmlosen Alltagsfight mehr oder weniger routiniert das Zepter überlässt. Es ist eine wunderbare Szene – ein Streit ohne konkretes Problem, und eine Ehe, die sich genau dadurch selbst bestätigt. Mit dieser Szene wird aber auch schon angekündigt, was in Sieranevada auf dem Spiel steht, nämlich ein stabiles Zentrum, eine klare Perspektive, eine leitende, durch den Film führende Bewegung. Sandra, die die erste Viertelstunde dieses Films beherrscht, wird gleich zu Beginn der Familienveranstaltung nochmal kurz zum Einkaufen fahren und für die kommenden zwei Stunden verschwunden sein.

Dezentralisierung

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Puiu geht es – und dieses Prinzip wird über fast volle drei Stunden auf unterschiedlichsten Ebenen sehr kunstvoll und präzise durchgespielt – um Dezentralisierung; darum, die inneren Dynamiken einer Großfamilie zu entfesseln, eine Pluralität von Einzelbewegungen in Gang zu setzen, die sämtlich auf ein Zentrum bezogen sind, das nicht mehr existiert: der verstorbene Vater Larys. Dezentralisierung – und in diesem Begriff löst sich der eigentlich ziemlich rätselhafte Titel dieses Films noch am ehesten ein – bedeutet aber nicht Orientierungslosigkeit. Sie bedeutet vielmehr, ein Verhältnis zwischen Bild und Off auszutarieren, Zwischenräume auszubilden, in denen die Bewegungen der Figuren – und davon gibt es eine ganze Menge – einander ablösen, sich ergänzen, aufeinander zulaufen und auseinanderstreben, manchmal einander widerstreben. Für diesen Zwischenraum findet Puiu einschlägige Einstellungen: Aufnahmen im Flur jener kleinen Wohnung, in der sich die Mütter, Väter, Onkel, Tanten, Nichten, Neffen, Großmütter, Großtanten etc. den allergrößten Teil des Films über aufhalten, die sie bespielen, ein jeder geleitet von seinen eigenen Motiven, Zielen und Aufgaben, sei dies das Tischdecken, das Ausruhen, das Kochen, das Reparieren von Computern, das Warten, das Versammeln um ein YouTube-Video auf dem Tablet oder auch der Gang aufs Klo.

Der Flur als Zwischenraum

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Nicht zufällig ist dieser Zwischenraum ein breiter Flur, ein Raum, von dem aus jedes andere Zimmer dieser Wohnung abgeht, ein Ort mit vielen Türen, die geöffnet und geschlossen werden, durch die permanent hindurchgegangen wird, vom Wohnzimmer in die Küche, vom Schlafzimmer ins Badezimmer. Der Flur ist der Ort, an dem die sich ständig fortsetzende Dezentralisierung ihren Ausgang nimmt, ein Ort, der kaum mehr ist als ein Transitraum, der eben durchschritten werden muss, wenn die Blase drückt, und der genau deshalb so interessant ist, weil sich hier am deutlichsten entscheidet, ob die Bewegungen, die ihn durchziehen und die ihn derart erst hervorbringen, in ihren Zielen eingelöst, umgeleitet oder unterbrochen werden. Oft filmt die Kamera in diesem Flur, während das Geschehen in der Küche oder im Wohnzimmer stattfindet, dann hört man nur – und Puiu nutzt das nicht selten ironisch aus – , was dort vor sich geht, bis sich dieses Geschehen früher oder später wieder in den Flur ergießt, und sei es einfach nur deshalb, weil in diesem Haushalt offensichtlich nur in der Küche geraucht wird und die ein oder andere Auseinandersetzung im Wohnzimmer nach einer ausgleichenden Zigarette verlangt.

Die Stellvertreterin

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Fortlaufende Dezentralisierung heißt auch, dass sich das zentrale Ereignis, nämlich gemeinsam am Tisch zu sitzen und eine ganze Menge Selbstgekochtes zu essen, einfach nicht herstellen lassen will. (Dem deutschen Kino, das ja selten etwas anderes macht als Familienkonflikte um Esstische herum zu organisieren, wünscht man an dieser Stelle pauschal und unmittelbar, dass es sich von Sieranevada unterrichten lässt.) Die Konflikte und Auseinandersetzungen, die das verhindern, reichen von tränenreichen Beziehungskrisen über zerstörte Vater-Sohn-Beziehungen bis hin zu umgeschütteten Weingläsern und der sich permanent erbrechenden, wahrscheinlich sturzbesoffenen Freundin einer Nichte Larys, die diese zum Ärger aller Anwesenden mitgebracht und zum Ausnüchtern ins Bett gelegt hat. Als tatsächlich einziger Fremdkörper in dieser von einer Großfamilie gefluteten Wohnung ist dieses kotzende Mädchen, das man keine drei Minuten im Film zu sehen bekommt, eine tragende Hauptfigur – sie ist es gerade deshalb, weil auch sie eines dieser Zentren ausbildet, das, obgleich komatös und abwesend, die permanente Entkoppelung des Familiengetriebes am Laufen hält. Fast ist sie die Stellvertreterin des Verstorbenen: abwesend anwesend, schweigend, halbtot und als solche für Unruhe sorgend. Da kann man am Ende, nach einer fantastischen, dreistündigen Aufschiebung dessen, worum es eigentlich geht, nach einer sich endlos zerschlagenden Totenzeremonie, gar nicht anders als zu lachen.

Trailer zu „Sieranevada“


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