Sieniawka

„A Space Odyssey“ durch ein polnisches Irrenhaus, eine Irrfahrt durch Zeit- und Lebensräume.

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Der Film fängt schon mal gut an – mit einem Rätsel und vielen Fragen. Was machen die da? Wer sind die? Was soll das werden? Zwei Männer rollen einen bewegungslosen Körper in einer Schubkarre unter den Fenstern eines großen Hauses vorbei, legen die Leiche vor dem Hauseingang ab und verschwinden. Eingewickelt ist der unsichtbare Tote in einen rosafarbenen Stoff. Statt Fragen zu beantworten, wirft Sieniawka in den folgenden Szenen gleich noch weitere auf: Ein Mann in einem weißen Weltraumanzug steht auf einem Abflussrohr und blickt auf eine karge, menschenleere Landschaft hinab; ein Fließband zieht sich durch diese Landschaft, ohne etwas zu transportieren; ein anderer Mann in einer weißen Zwangsjacke liegt schlafend vor zwei Abflussrohren in einem Wald, wacht auf und schnuppert an dem Abwasser. Der mysteriöse Eingezwängte bittet einen weiteren Mann, ihn loszubinden. Das könne er nicht, erwidert dieser – aus Angst, beklaut zu werden. Denn er hat den obdachlosen Irren dazu eingeladen, in seinem rosafarbenen Zelt zu übernachten.

Eine Küchendurchreiche als Kinoleinwand

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Die Zusammenhänge, die der polnische Autor und Regisseur Marcin Malaszczak in seinem Debütfilm darstellt, sind auf den ersten Blick nicht klar erkennbar. Frei assoziative Bilderfolgen scheinen zunächst vor allem durch Farben und Formen miteinander verknüpft zu sein: Das Weiß des Weltraumanzuges greift das Weiß der Zwangsjacke wieder auf, und der durch einen Pfeiler in zwei Hälften unterteilte Hauseingang ähnelt im Aufbau den zwei Abflussrohren im Wald. Sieniawka ist ein Dokumentarfilm ohne Aufklärungs- oder Authentizitätsanspruch, der seine subjektiven Wahrnehmungen ganz offen darlegt; eine klare Trennung zwischen Dokumentation und Fiktion existiert ebenso wenig wie die zwischen Gestern und Heute, krank und gesund. Die Künstlichkeit der Inszenierung und die Kinohaftigkeit der Realität betont der Regisseur, der auch die Kamera führte, in einer Einstellung besonders deutlich, in der er das gemeinschaftliche Essen in einer Psychiatrie durch die Durchreiche einer Küche zeigt, deren Rahmen an das Format einer Kinoleinwand erinnert. In einer anderen Szene wechselt die Blickrichtung, und wir schauen aus dem Esssaal in die Küche. Eine spätere Sequenz spielt in den Ruinen eines alten Kinos, in dem einer der Protagonisten vergangene Zeiten heraufbeschwört, bevor „die Demokratie alles kaputt machte“.

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Sieniawka ist eine Ortschaft im Grenzgebiet zwischen Polen, Deutschland und Tschechien, die für ihre gleichnamige psychiatrische Anstalt bekannt ist und in Malaszczaks Film aus der Zeit herauszufallen und von der restlichen Welt vergessen zu sein scheint. Das Leben in der Psychiatrie wird von einem tranceartigen, traumähnlichen Rhythmus bestimmt. Die Patienten dösen, rauchen oder schlafen, während im Fernsehen Schneewittchens sieben Zwerge unbeachtet über den Bildschirm laufen – Beschäftigungstherapie ist hier noch ein Fremdwort. Der Regisseur filmt das in langen Einstellungen, mit einer Kamera, die geduldig einen Klavierspieler, einen Tanzenden, Rauchenden oder Zähneputzenden fokussiert, bevor sie durch die Räumlichkeiten schwenkt, diese erweitert und den Zuschauerblick auf ein anderes Geschehen oder eine bislang unbemerkte Person lenkt – nicht ohne Sinn für lakonische Schlusspointen. Die hypnotische Wirkung der Inszenierung, ihr choreografisches Gespür und das Zusammenspiel von Bildern und Tönen erinnern nicht zufällig an Stanley Kubricks 2001: Odyssee im Weltraum (2001: A Space Odyssey, 1968), den der Regisseur als wichtigen Einfluss nennt und auf den er nicht nur mit dem Weltraummann in der Exposition und in der Schlussszene von Sieniawka verweist.

Zerstörte Gebäude und eingefallene Gesichter

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Malaszczaks ambitioniertes, im beste Sinne größenwahnsinniges Erstlingswerk thematisiert neben philosophischen Fragen auch den Blickwechsel zwischen Zuschauern undDarstellern/Dokumentierten. Wir beobachten und studieren die vermeintlich Kranken, doch diese blicken mehrfach direkt in die Kamera und damit auch uns an. Vielleicht ist es gerade diese gespiegelte Schaulust, die dem mitunter bedrückenden Film von manchen Seiten als Voyeurismus vorgeworfen wird. Bilder von Ruinen dienen als wiederkehrendes Motiv, und hier sind nicht nur die Gebäude eingefallen, sondern auch die Gesichter der Psychiatriepatienten, die von der Zeit, ihren Erfahrungen und Erinnerungen gezeichnet wirken. Mit der Widmung, die am Anfang von Sieniawka steht, fällt Marcin Malaszczaks nicht leicht zugänglicher, aber durchweg faszinierender Film auch aus unserer Zeit der permanenten Updates heraus: „To everything, that can’t be retrieved from the past“. Manches bleibt für immer verschüttet oder verborgen, nicht alles ist abrufbar oder erneuerbar.

Trailer zu „Sieniawka“


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