Siebzehn Jahr, blondes Haar

1966 – Papas Kino bebt (4): Ricky denkt immer noch an Mary, die von den Rockern zu den Mods überlief, die ihn anlächelte wie BB und sich schützend vor ihn warf, die echter war als alle Societydamen der Welt und lebendiger als alle Menschen, die er je getroffen hat.

 

Aufpeitschende Trommeln, raue Rufe, ein unrasierter Gastarbeitergesang im Stil von Adriano Celentano, dazu lebendige, körnige Außenaufnahmen geheimnisvoll trister Arbeitergegenden. Wir sind in Liverpool. Angelockt von dem hypnotischen Rhythm and Blues, der aus einer Beatkneipe kommt, fahren wir hinein, und auf einmal… sehen wir ihn, IHN:

Ricky Shayne! Ein feuchter Teenietraum aus weichen Lippen, tiefen Augen, üppig dunklem Haar und den schwarzen Nüstern eines mühsam gezähmten, wilden, großen Ponys. Es gab nichts Heißeres als Ricky Shayne („Ich sprenge alle Ketten“) in der ZDF-Hitparade. Solche Jungen und ihre süße, ungestüme und naive Musik waren ein Hauptgrund, dass wir eine glückliche, vielversprechende Kindheit hatten.

Ricky ist mit seiner Gitarre Mittelpunkt einer Gruppe frenetisch zuckender und groovender Mini-Mädchen und Enge-Hosen-Jungen. Auch später, in Paris, Genua und Rom: Immer trifft man ihn inmitten verrückter, zappeliger Yeah-Yeah-Leute, im freudigen Getümmel einer spontanen Party, die er wohlig und gelassen genießt. Shayne sagte einmal in einem Interview, er sei damals ständig bekifft gewesen. Aus der Menge strahlt ihn ein Mädchen, wildes Mädchen, wie BB an: Mary, die von den Rockern „zu den Mods übergelaufen“ ist. Schon rauschen die Raubrittersilhouetten ihrer alten Gang heran; Scheinwerfer im britischen Nebel. „Nieder mit den Schwächlingen, den Weichlingen, den Mods!“, schwören die Rocker, „recht haben nur die Stärkeren!“ Die Mods wehren sich tapfer, aber …

 

SPOILER ANFANG. „Sie war fast noch ein Kind“, sagt Inspektor Landers (Rudolf Lenz!) über Marys Leiche. SPOILER ENDE. „Alles, was unter 30 ist und nicht einen Haarschnitt hat wie ein Marineinfanterist, kommt in Untersuchungshaft!“ Lenz, der gestandene Heimatfilmmann, nimmt seine autoritäre Rolle nicht sehr ernst; er ist hier fast wie 00 Schneider.

Ricky findet Unterschlupf in der ungeheizten, mit geklauten Straßenschildern vollgestellten Bretterbleibe eines jungen Mods, der aussieht wie einer von den Monkees (der mit dem blonden Seitenscheitelpony) und besorgniserregend hustet, wenn er sich in seine alte Häkelstola hüllt. Mary und er sind die ersten der internationalen, trampenden Hippies und Gammler, die Ricky auf seiner Reise durch Europa weiterhelfen. Solidarische, freudig interessierte, großherzige Leute. Und Ricky ist wie sie – charismatisch, sexy, fast ein bisschen heilig. Ein schwarzes Schaf, rebellischer Sohn reicher Familie. Orpheus Descending für Arme. Für Teenager, wie dieser ganze, fotografisch und musikalisch und auch sonst so hübsche Film.

 

In Paris hilft ihm eine junge, hippe Französin mit apartem, dunklem Pagenkopf. „Na los, ich zeig dir meine Stadt!“, sagt sie, und er so: „Wunderbar!“ Mancher wäre an seiner Stelle zerbrochen, seit Mary, seit Liverpool, als sie sich schützend vor ihn warf und … doch Ricky nimmt das Leben, wie es kommt. Auch wenn er manches nie vergisst.

Und plötzlich ist da Udo Jürgens. Auf dem Weg nach Rom macht er für einen Abend Halt hier in Paris. In einem existenzialistischen Beatkeller setzt er sich mit einem Glas Rotwein ans Klavier. Rucksäcke türmen sich, ein langer Tisch ist voller Käse, Brot und Wurst; der Keller gehört einem alten Exilrussen mit einem Herz für heimatlose Blumenkinder. Ohne sich lang bitten zu lassen, hämmert Udo für sie „Siebzehn Jahr, blondes Haar“. Wie er sich dann erhebt und, selbstbewusst und munter weiter singend, mit leuchtendem Gesicht durch ihre Reihen geht! Keiner sang den Vokal „ie“ so hoch und federnd wie er; wie eine kleine Lerche löst sich der triumphierende Klang von seinen Lippen. Ein Freund von mir vermutet, Udo Jürgens strahlte deshalb solche Siegesgewissheit und Freude aus, weil er wusste, dass er einen sehr großen Schwanz hatte, mit dem er sehr gut umgehen konnte. Mir persönlich waren seine Schlager dennoch oft zu brav, zu klassisch auf Niveau gekämmt. Hier aber hören ihm selbst langhaarige Hippies, ideologische Intellektuelle und hippe Ray-Charles-Typen anerkennend zu, nicken, schunkeln, schmettern den Refrain. Es ist unfassbar. Und sehr süß. Man muss es liebhaben. Regie und Udo haben in Sachen Mobilisierung von Begeisterung erstklassige Arbeit geleistet.

 

Der Schlager „Siebzehn Jahr …“ ist Udos Liebeserklärung an die Mädchen seiner Zeit. Mädchen, die zärtlich wie Maria Magdalena den Bart ihres Freundes streicheln, der im Haschrausch auf ihrem Schoß liegt. Lebenskünstlerische Mädchen, die, um das bisschen Geld, das sie brauchen, zu verdienen, Teller bemalen, Schmuck entwerfen, Schaufenster dekorieren. Mädchen, die einem fremden, jungen Musiker leicht und zärtlich vorschlagen, mit ihnen zu leben, über den Dächern von Paris. „Willst du?“ – „Es geht leider nicht. Au revoir, Jasmine!“ Ricky muss sich nicht erklären. Jasmine wünscht ihm viel Glück und sammelt freundlich unter ihren kosmopolitischen Freunden sein Fahrgeld nach Italien.

Jede Nationalität kann man an liebevoll zusammengestellten, typischen Merkmalen erkennen: Der englische Konsul in Genua und seine Sekretärin arbeiten penibel und teetrinkend unter dem Porträt der Queen. Am Hafen schenkt ein junger, humpelnder Tramp (wie ein Jahr zuvor Dustin Hoffman in Asphalt Cowboy) Ricky eine Gitarre. Dann bringt ein Kellnerlehrling Fisch, sie sitzen mit Matrosen auf dem Pier, und Ricky singt „ein Lied auf Italienisch über meine Freunde, die Mods von Liverpool.“ Überall scharen sich die Leute um ihn, werden aufmerksam und lauschen. In der Musicbox einer Hafenkaschemme laufen die Rokes mit ihrer Originalversion der verliebten, hedonistischen Hymne „Let’s live for today“ (später wurde das der große Hit der Grass Roots), Text und Musik eskalieren, explodieren im ekstatischen Tamburinschangel, es wird einem weit und weh ums Herz.

 

In Rom lernt Ricky Kakao und seine Clique kennen. Kakao, dieser süße, verpeilte Pilzkopfjunge, hängt mit seinen Leuten auf der spanischen Haschertreppe herum. Er erklärt Ricky die Soziologie der hiesigen Jugendgrüppchen – wer dazugehört, wer nicht. Das schüchterne Mädchen dort ist zum Beispiel eine der vielen „Anwärterinnen“ auf die Aufnahme in eine Crowd. Man kann Geld gewinnen, indem man bei einem Beatmarathon den Rekord (75 Stunden) bricht. Kakao, jetzt Rickys Drummer, wäscht und rasiert ihn während des tagelangen Auftritts. Udo Jürgens lehnt inzwischen irgendwo in Rom an einer Mauer und singt „Merci, Cherie“: „Kein Meer ist so wild wie die Liebe“. Fließender, sommerlicher Verkehr brandet hinter seinem Rücken.

 

Von Rickys Vater, Mr. Fuller, sehen wir anfangs nur seinen silbernen Anzugrücken. Nachdenklich betrachtet er in seinem Büro die Wandkarte der ölreichen Krisengebiete im Nahen Osten. Dann dreht er sich um, nimmt seine Pfeife aus dem Mund und ist: Joachim Fuchsberger! Papa (chice Betonung auf der letzten Silbe – das gab es nur in Filmen und hat mich als Kind oft erstaunt) ist ein großer Player im Ölgeschäft. Das bestätigt auch sein Pumpenposter an der Wand. „Ich habe einen Auftrag in Persien angenommen. Ich kenne das Kaspische Meer und freue mich aufs Fischen. Und Isfahan ist herrlich um diese Jahreszeit!“ Seine Begeisterung ist aufgesetzt, ein Pfeifen im Wald. Es bekümmert ihn, dass Ricky nicht in seine Fußstapfen tritt und sie nun wohl „die letzten Fullers“ bleiben werden, vielleicht sogar ohne Frauenliebe. Er werde sein Landgut verkaufen, sagt er; es sei zu einsam und zu melancholisch dort geworden, und von seiner Geliebten – der mondänen, lasziven und mokanten Sonia (Elga Andersen) – will er sich trennen. Für Sonia, diese gelangweilte, buntgemusterte Schlange in den immer neuen, letzten Modeschreien, ist Liebe doch ja nur ein Spiel. Und sie ist scharf auf Ricky. Das merkt man, als sie zu dritt ein spektakulär flambierendes Restaurant besuchen. Ricky aber fremdelt. „Ich habe eine gekannt, die war siebzehn Jahr, blondes Haar, die war richtig“, ätzt er leidenschaftlich, „die war echter als alle Societydamen der ganzen Welt. Sie lebt nicht mehr, aber als sie gelebt hat, war sie lebendiger als alle Menschen, die ich getroffen hab.“ Nach einem solchen Mädchen sucht sein Herz, noch immer. Vielleicht passt Sonias jüngere Schwester, Martine, zu ihm. Sie kann noch nett sein, unschuldig, sie kann noch lieben. Sie treffen sich; ein Solotrompeter spielt an ihrem Tisch „Merci, Cherie“. Martines Clique jedoch will sie zu zynischen Sexpartys mit Striptease-Mutproben verleiten. Im letzten Moment gelingt es Ricky, das zu vereiteln. Eng umarmt, spazieren sie auf einem alten, pastoralen Weg vor den Toren Roms. Antike Statuen, Zypressen, eine Schafsherde – es hat etwas Ewiges. „Es ist besser, wenn man zu zweit auf dieser Welt ist“, sagt Ricky, aber ich glaube, er denkt immer noch an Mary.

Auf Ricky Shaynes offizieller Website kann man nachlesen, dass die Figur des Ricky durchaus biographische Züge trägt.

Trailer zu „Siebzehn Jahr, blondes Haar“


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