Sieben Tage Sonntag

„Kannst du einen Menschen töten?“, fragt Tommek. Adam kann. Regisseur Niels Laupert begibt sich auf die Suche nach den Motiven für einen Mord und nimmt dafür die Perspektive der Täter ein.

Sieben Tage Sonntag

Für Adam (Ludwig Trepte) hat die Woche sieben Sonntage. Die Schule hat er abgebrochen und zum Arbeiten hat er keine Lust. Gemeinsam mit Tommek (Martin Kiefer) streift er ziellos durch die triste Vorstadt oder hängt mit der ganzen Clique einfach herum. Die Party am Abend soll der Höhepunkt des Tages werden, aber dort langweilt sich die Gruppe in unveränderter Besetzung nur weiter. Bis Tommek und Adam beschließen, einen Menschen zu töten.

Niels Lauperts Debütfilm beruht auf einer wahren Begebenheit. Im Winter 1996 bringen zwei Jugendliche in der polnischen Kleinstadt Pabianice einen Mann mit einer Besteckgabel um und misshandeln einen anderen mit einer abgebrochenen Wodkaflasche so schwer, dass er noch heute an den Folgeschäden leidet. Im Vorfeld des Films hat der Regisseur mehrere Gespräche mit den Tätern geführt und arbeitet gerade an einem Dokumentarfilm über die beiden.

Sieben Tage Sonntag

Sieben Tage Sonntag ist aber keine reine Rekonstruktion dieses Falls. Laupert inszeniert seine Erzählung wie eine Art Parabel, von der Gesellschaft entrückt. Die Stadt ist eine Geisterstadt - völlig menschenleer. Einsam vegetieren die Jugendlichen im endlosen Raum zwischen den deprimierenden Fassaden der Stahlbetonbauten vor sich hin. Die Stadt ist völlig austauschbar, ohne den Hauch einer eigenen Identität.

Adam und Tommek sind eigentlich zwei normale Jugendliche. Wenn sie einen Fremden auf dem Bahnsteig abziehen oder in der Kirche Messwein stehlen sind das Mutproben und als solche Bestandteile einer Coming-of-age-Geschichte. Laupert zeichnet die beiden Figuren nicht als stereotype notorische Kapitalverbrecher. Erwachsene – und hier steckt das sozialkritische Potenzial der Geschichte – kommen in Lauperts Erzählung kaum vor. Wenn Adams Großmutter von der Nachtschicht kommt, wechselt sie nur wenige Worte mit ihm, bevor sie einschläft. Mit ihm beschäftigen kann sie sich nicht. Tommek scheint überhaupt keine Familie zu haben.

Sieben Tage Sonntag

Von der Gesellschaft allein gelassen, wird die Clique zur Ersatzfamilie der Jungen. Laupert sieht im Komplex aus sozialer Verwahrlosung und emotionaler Verrohung eine strukturelle Ursache für den radikalen Ausbruch der Gewalt. Das interessiert ihn aber nur am Rande. Vielmehr geht es ihm darum, zu verstehen, warum zwei Jugendliche plötzlich den Schalter umlegen und einen Menschen auf so bestialische Art und Weise umbringen. Sieben Tage Sonntag fängt genau diesen Moment der Grenzüberschreitung ein, den man nicht erklären kann, nicht einmal die Jungen selbst. Laupert zeigt, wie aus einer fixen Idee, aufgeputscht von Alkohol und Endorphinen, plötzlich ein bestialischer Mord wird, ohne jede Zwangsläufigkeit.

Die körperliche Gewalt befriedigt, ebenso wie das Tätowieren des eigenen Körpers oder das Zerschlagen von Fensterscheiben, das Bedürfnis der Jungen nach Selbsterfahrung. Nachdem sie ihr erstes Opfer halb totgeschlagen haben, zittert Adam vor Erregung und betrachtet ungläubig, aber dennoch begeistert seinen blutverschmierten Körper. So intensiv hat er sich noch nie gespürt.

Sieben Tage Sonntag

Hier könnte der Film aufhören und den Zuschauer ähnlich verstört zurücklassen, wie Thomas Clays The Great Ecstasy of Robert Carmichael (2005). Doch Lauperts Erkenntnisinteresse geht weiter. Im Gefängnis erhalten wir einen Außenblick auf die Selbstwahrnehmung des Täters. Wenn Adam über die langen Flure geführt wird, wirkt er in Laupert Ästhetik des Gefängnisses nicht wie ein schuldiger Gewaltverbrecher, sondern eher wie ein unschuldig Verurteilter. Noch Jahre nach der Tat ist er nicht in der Lage, das Geschehene zu reflektieren. Als er gefragt wird, ob er den Mord rückgängig machen wolle, wenn er könnte, antwortet Adam nur mit Schweigen.

Auch Sieben Tage Sonntag liefert keine Antworten. Aus Sicht der Täter versucht er einen Mord zu verstehen, den sich niemand erklären kann. Er stößt dabei an die Grenzen aller Rationalität, versteigt sich aber nicht in einseitige Schuldzuweisungen an Eltern, Behörden oder die Gesellschaft im Allgemeinen. Dass er die Gründe für die Tat, nach denen er sucht, eigentlich nicht findet, ist keine Schwäche des Films, sondern macht gerade seine Qualität aus.

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Kommentare


Romy

Salute Felix,
hab Dank für Deine Kritik dieses wahrlich aufreibenden Films, den ich im letzten Oktober auf einem Festival gesehen habe. Zuerst ging es ähnlich wie bei "Der Kick" - Filme, die schon alleine dadurch wirken, weil man um die wahre Begebenheit dahinter weiß. Im Anschluss rein moralisch zum Nachdenken gezwungen ist. Doch 7 Tage Sonntag ist auch aus filmischer Sicht gut inszeniert und vermittelt authentisch das gefühl der tristesse. gewundert hat mich nur, dass Du kein Wort über die Schauspieler verloren hast - nur über die Figuren. Glücksfall für Ludwig Trepte, der mit der Rolle des Adam ohne Zweifel mehr Potenzial zeigen kann als Martin Kiefer und das auch durchaus tut. Und eine letzte Anmerkung noch: haben dich gewisse Einstellungen nicht an American History X erinnert? ich meine alleine der Gefängnissgang am Schluss und die Inszenierung von Adam? Kurz und gut: Inhaltich beschreibst du in deiner Kritik den film sehr treffend! voilà, gruss aus paris.
romy






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