Sie sind verdammt

Die Menschheit ist längst ausgestorben, sie weiß es nur noch nicht. In Joseph Loseys Sie sind verdammt stellen verstrahlte Kinder existenzielle Fragen, während um sie herum die Zivilisation zerfällt. Ein Film aus einer Zeit, als Doomsday-Storys noch keine Zombies brauchten, liegt jetzt als DVD vor.

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Eine der außergewöhnlichsten Produktionen der vor allem für ihre wollüstigen Gothic-Horror-Filme bekannt gewordenen britischen Hammer-Studios ist der 1961 entstandene Science-Fiction-Film Sie sind verdammt (The Damned), der nach Meinungsverschiedenheiten mit den Produzenten (und angeblich massiven Eingriffen) erst mit zwei Jahren Verspätung herauskam, dann jedoch den Großen Preis des Science-Fiction-Filmfestivals von Triest 1964 erhielt. Gedreht hatte ihn der renommierte US-Regisseur Joseph Losey (Der Diener, The Servant, 1963; Monsieur Klein, 1976), der sich als erklärter Marxist und Exilant der McCarthy-Ära in seiner Wahlheimat England angesiedelt hatte, nach dem Roman Kinder des Lichts des wenig bekannten Autors H.L. Lawrence.

Eine Studie über Spiralen der Gewalt

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Für Losey war die Geschichte um ein Geheimprojekt der Regierung, dessen Anspruch, die letzte Rettung der Menschheit zu sein, und seine tatsächliche berechnende Unmenschlichkeit in krassem Gegensatz zueinander stehen, Anlass für eine Studie über einander durchschneidende und gegeneinander gespiegelte Spiralen der Gewalt, in der die überkommenen Regeln und Gesetze nicht mehr zu gelten scheinen. Zum einen sind da die Teddyboys, die zeittypischen jugendlichen Motorradrowdys unter ihrem Anführer King (Oliver Reed), die, ohne je deswegen belangt zu werden, mithilfe von Kings kurvenreicher Schwester Joan (Shirley Anne Field) routinemäßig Touristen in erotische Fallen locken, dann zusammenschlagen und berauben, dabei in Wahrheit eher einem ideologischen Prinzip der Aggression und Zerstörung folgen. Für King hat die Brutalität immer auch strafenden Charakter. Sein Hass auf die ältlichen Lüstlinge mit ihren vermeintlich schmutzigen Gedanken ist nur die Verbrämung der inzestuösen Begierde, mit der er seine Schwester vor anderen Männern schützt. Simon Wells (Macdonald Carey), der amerikanische Business-Aussteiger und Tourist, der ihnen diesmal in die Falle geht, ist jedoch ein Mann, der Joanie tatsächlich fasziniert. Die Wiederbegegnung der beiden wird zur Schicksalswendung, als Joanie vor ihrem Bruder an Bord von Wells’ auslaufender Jacht flieht und King diesem den Tod androht, sollte er wieder einen Fuß an Land setzen.

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Parallel dazu agieren Projektleiter Bernard (Alexander Knox) und seine militärische Hilfstruppe, die in einem hermetisch abgesicherten Sperrgebiet an der nahen Küste unter staatlicher Sanktionierung ebenso einem eigenen Kodex folgen, der sich nicht mehr an bestehende Gesetze zu halten braucht und an dessen Ende Bernard entscheidet, wer überleben darf und wer nicht. Und zum Dritten ist da das nukleare Armageddon, das nach Bernards Meinung unmittelbar bevorsteht und von dem der Mensch unweigerlich vom Planeten hinweggefegt wird – wenn er sich nicht darauf vorbereitet, einen gangbaren Weg zu finden, einen Nukleus der menschlichen Art zu erhalten: In einer Höhle unter dem Stützpunkt stoßen Simon und Joan auf der Flucht vor King auf eine Gruppe radioaktiver Kinder, die gegen den Fallout immun sind und von Bernard darauf vorbereitet werden, das Erbe der Menschheit anzutreten, „wenn die Zeit kommt“. Allerdings ist der direkte Kontakt mit ihnen tödlich …

Düstere Naturemphase, allgegenwärtige Todessymbolik

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Loseys Sie sind verdammt galt lange als so kuriose wie prätentiöse Fingerübung des bedeutenden Regisseurs, dessen Oeuvre fantastische Sujets ebenso wie mehrere „harte“ Genrefilme umfasst, wobei ihm der Gangsterfilm (Die Spur führt ins Nichts, The Criminal / Concrete Jungle, 1960) oder der Kriegsfilm (King and Country, 1964) ebenso nur mehr als Folien für soziologische Studien dienen. Gerade das Moment des vage Kafkaesken, in dem das Individuum zum ohnmächtigen Spielball meist undurchschaubarer Mächte wird, zieht sich als roter Faden durch sein Werk, und Sie sind verdammt fand im acht Jahre später entstandenen Im Visier des Falken (Figures in a Landscape, 1970) zu einem Pendant und einer Weiterführung; dort sind es zwei Entflohene in einem nicht näher bezeichneten, offenbar totalitären System, die von anonym bleibenden Verfolgern gejagt werden. Die Atmosphäre des Paranoiden – in Sie sind verdammt manifest auch dadurch, dass der visuelle Stil des Films an die vorangegangenen Quatermass-Filme derselben Produktionsfirma erinnert –, in dem die Motivik von Verschwörung und Beobachtung, vages Polizeistaat-Klima und Apokalyptik zueinander finden, verbindet sich mit einer düsteren Naturemphase und einer Vielzahl weit über den Genreplot hinausweisender Symbolismen: In beiden Filmen wirken die Figuren in die raue Landschaft hineingeworfen wie in existentialistischen Dramen, in beiden Filmen allgegenwärtig ist eine stets miteinander verbundene Vogel- und Todessymbolik – hier wie dort am emblematischsten im Motiv der Hubschrauber, die über ihren Opfern kreisen wie Aasgeier; überdeutlich auch in den makabren, expressionistischen Skulpturen, die Bernards Freundin, die Künstlerin Freya (Viveca Lindfors), schafft (eine Figur, die in der Vorlage nicht vorkommt) und die den Atomtod bereits vorwegzunehmen scheinen.

Der Weltuntergang dämmert bereits herauf

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Prägnant stehen die Wildheit der englischen Westküste und das zerfallen wirkende Weymouth der Futuristik der Bunkeranlage gegenüber, in der die Kinder großgezogen werden, die selbst die größten, existentiellen Fragen an ihre Lehrer dort oben haben und von sich selbst glauben, sie seien in einem Raumschiff unterwegs zu einem anderen Planeten, den sie besiedeln sollen (was so falsch gar nicht ist). Sie sind verdammt ist wie viele Doomsday-Geschichten auch ein philosophischer Exkurs über die Conditio humana. Der Weltuntergang, auf den Bernard wartet, scheint bereits heraufzudämmern, als der Film endet; die Zivilisation, die die Kinder erhalten sollen, obwohl sie sie nie kennengelernt haben, ist längst dabei, zu zerfallen und sich selbst zu fressen. Die Menschheit ist schon ausgestorben, sie weiß es nur noch nicht.

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Zu naturalistisch, zu unspektakulär und natürlich zu künstlerisch schien der Film damals seiner Distribution, der internationale Verleihtitel These Are the Damned versucht, sich auf gerade noch rechtlich zulässige Art an den Genreerfolg des Horrorgespanns Das Dorf der Verdammten (Village of the Damned, 1960) und Die Kinder der Verdammten (Children of the Damned, 1964) anzuhängen, obwohl es keinen inhaltlichen Zusammenhang gibt. In Deutschland erlebte er seine Premiere erst 1973 im Fernsehen, lief dann noch einmal 1978 als 9. Titel in der legendären Science-Fiction-Reihe der ARD, bevor er für zunächst 15 Jahre völlig verschwand. Bisher nur als „second feature“ auf einer US-DVD greifbar, ist dieser inzwischen fast unbekannte Klassiker seit 2015 erstmals in einer würdigen deutschen Heimkino-Veröffentlichung zugänglich; nach wie vor einer der wichtigsten Vertreter im Genre Doomsday-Film der Cold-War-Ära, aus einer Zeit also, als man dafür noch keine Zombies brauchte.

Dieser Text erschien erstmals in der Online-Ausgabe der Splatting Image; Wiederveröffentlichung mit freundlicher Genehmigung des Autors.

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