Sie küssten und sie schlugen ihn
Mit großer stilistischer und inszenatorischer Intelligenz erzählt François Truffaut das Unglück des missverstandenen Jungen Antoine Doinel. Bei den Filmfestspielen in Cannes 1959 schlug der Film ein wie eine Bombe.

Der Film von morgen wird individuell und autobiographisch sein wie ein Tagebuch, schrieb François Truffaut während seiner Zeit als Filmkritiker. Sein eigenes Leben war immer auch der rote Faden für sein filmisches Werk, in dem sich die bedeutenden Momente seines Daseins zusammenfügten. Insbesondere in seinem Debütfilm Sie küssten und sie schlugen ihn (Les quatre cents coups, 1959), der auf den Filmfestspielen von Cannes 1959 den Regiepreis gewann und damit die kinoästhetische Revolution der Nouvelle Vague so richtig ins Rollen brachte, ist die autobiographische Dimension ganz eindeutig. Truffaut erzählt in der Geschichte des zwölfjährigen Antoine Doinel (Jean-Pierre Léaud) seine eigene schwierige Kindheit. Als uneheliches Kind von der Mutter ungeliebt und von den Erwachsenen unverstanden, reiht Antoine Streiche und Possen aneinander, bis er mit dem Diebstahl einer Schreibmaschine im Büro seines Stiefvaters den Bogen überspannt.

Truffaut hatte sich als Kritiker mehrmals über die heuchlerische Darstellung der Kindheit im französischen Nachkriegskino aufgeregt, insbesondere in Jean Delannoys Melodrama Wie verlorene Hunde (Chiens perdus sans collier, 1955), das ein kitschig herzzerreißendes Bild jugendlicher Straftäter aus der erwachsenen Perspektive eines Jugendrichters malt. In seinem Debütfilm hingegen setzt er filmische Mittel wie Großaufnahmen und Schuss-Gegenschussverfahren mit großer stilistischer Intelligenz so ein, dass die Geschichte konsequent und authentisch aus der Sicht des Jungen in Abgrenzung zur Erwachsenenwelt erzählt und die Empathie des Zuschauers für seinen Protagonisten gewonnen wird. Das Talent seines Hauptdarstellers Jean-Pierre Léaud, der zu einem Star der Nouvelle Vague werden sollte, beeindruckt insbesondere in der berühmten Szene des Fragegesprächs zwischen Antoine und einer Jugendpsychologin, in der Truffaut seinen Schauspieler die Antworten improvisieren ließ und mit Direktton aufzeichnete.

Aufgrund der zahlreichen Parallelen zur Kindheit des Regisseurs wirkt der Film wie eine scharfe Abrechnung mit seiner familiären Vergangenheit. Indigniert brachen Truffauts Eltern nach dem Kinostart den Kontakt zu ihrem Sohn für drei Jahre ab. Sie küssten und sie schlugen ihn, dem vier weitere Filme über zwei Jahrzehnte folgen werden, eröffnet den Zyklus Antoine Doinel, der eine wahre éducation sentimentale des jungen Antoine als Alter Ego des Regisseurs erzählt.
Filmkritik von Almut Steinlein
Veröffentlicht am 02.12.2009
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Film-Angaben
Titel: Sie küssten und sie schlugen ihn
Originaltitel: Les quatre cents coups
Frankreich 1959
Laufzeit: 93 Minuten
Regie: François Truffaut
Drehbuch: François Truffaut
Produktion: Georges Charlot
Bildgestaltung: Henri Decaë
Montage: Marie-Josèphe Yoyotte
Musik: Jean Constantin
Darsteller: Jean-Pierre Léaud, Patrick Auffay, Claire Maurier, Guy Decomble
Kinostart: 20.10.1959
DVD-Angaben
Titel: Sie küssten und sie schlugen ihn - Arthaus Collection Französisches Kino
Vertrieb: Kinowelt Home Entertainment
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 1.0), Französisch (DD 1.0)
Untertitel: Deutsch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 95 Minuten
Extras: Kurzfilme „Die Unverschämten“ (1957) und "Antoine und Collette" (1962); Probeaufnahmen von Jean-Pierre Léaud; Patrick Auffay und Richard Kanayan; Booklet mit exklusiven Texten zum Film; Alle Filme der Arthaus Collection im Überblick
Verleih ab: k.A.
Verkauf ab: 14.07.2011
Copyright Sie küssten und sie schlugen ihn
Fotos: © Concorde Home Entertainment
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