Shotgun Stories

Jeff Nichols’ elegisches Drama über die Fehde zwischen zwei Familien zeichnet sich vor allem durch das aus, was es nicht zeigt.

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In seinem Debütfilm Shotgun Stories porträtiert Jeff Nichols ein ursprüngliches, ländliches Amerika, in dem die Zeit irgendwann in den 60er Jahren stehen geblieben ist. Die wenigen Menschen, die in der namenlosen Kleinstadt im Südwesten des Landes wohnen, leben noch von der Landwirtschaft. Die Männer – Frauen tauchen nur am Rande auf –, wirken durch die körperliche Arbeit und ihre Wortkargheit auf den ersten Blick ein wenig stumpf und roh. Doch hinter dieser Fassade verbergen sich sensible und zutiefst verletzte Menschen.

Son (Michael Shannon) lebt mit seinen beiden jüngeren Brüdern Boy (Douglas Ligon) und Kid (Barlow Jacobs) zusammen, nachdem er wegen seiner Spielsucht von Frau und Kind verlassen wurde. Als eines Nachts die Mutter vor der Tür steht, um ihren Söhnen völlig emotionslos die Nachricht vom Tod ihres Vaters zu übermitteln, zeigt sich langsam, wie zerrüttet die Familie eigentlich ist. Der Vater hat seine Kinder zurückgelassen, als sie noch klein waren, ist zum Christentum konvertiert und hat eine neue Familie gegründet. Diese Enttäuschung haben die Söhne nie verkraftet. Als Son die Beerdigungszeremonie stört und den Sarg des Vaters bespuckt, entspinnt sich ein erbitterter Kampf zwischen den Söhnen der alten und neuen Familie.

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Ein wenig distanziert und teilnahmslos beobachtet der Film, wie mit diesem Vorfall eine Kette an Reaktionen mit steigendem Gewaltpotenzial losgetreten wird. Nichols konzentriert sich bei seiner Inszenierung aufs Wesentliche, erzählt seine Geschichte geradlinig und schnörkellos und schafft doch dazwischen immer wieder impressionistische Kompositionen, die das etwas trostlose Leben seiner Figuren ästhetisieren. In einigen Sequenzen geraten diese Stimmungsbilder allerdings ein wenig platt. Wenn die Kamera an Baumwollfeldern in der Abendsonne entlang fährt und dazu der melancholische Folk-Soundtrack der Band Lucero erklingt, ergeht sich der Film in klischeehafter Südstaatenromantik.

Auch an anderen Stellen bedient sich der Film wenig subtiler Mittel. So tragen etwa die Namen von Son, Boy und Kid überdeutlich die Gleichgültigkeit des Vaters gegenüber seinen Söhnen nach außen. Solche Kleinigkeiten fallen nur deshalb ins Gewicht, weil Nichols ansonsten seine Geschichte auf sehr zurückhaltende und unaufgeregte Weise erzählt. Vor allem das zentrale Motiv der Vergeltung, das im amerikanischen Genrekino in der Regel zu einem brutalen Showdown führt, behandelt Shotgun Stories betont unspektakulär.

Nichols zieht den Zuschauer nicht auf eine Seite der beiden Parteien, sondern lässt beide Standpunkte nachvollziehbar werden. Da sich zudem die Lage mit jedem weiteren Racheakt nur verschlimmert, wird weder der Vergeltungstrieb des Protagonisten noch der Gerechtigkeitssinn des Zuschauers befriedigt. Am entschiedensten grenzt sich Shotgun Stories aber von gewöhnlichen Rachegeschichten ab, indem er auf die Darstellung von Gewalt und die damit verbundene Katharsis verzichtet.

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Am auffälligsten sind diese elliptischen Momente in zwei dramaturgisch bedeutenden Schlägereien. Genau in jenem Augenblick, der im Actionkino den Höhepunkt darstellen würde – während eines Faustkampfs fügt Nichols eine Großaufnahme ein, die zeigt, wie einer der Beteiligten ein Messer aus seinem Stiefel zieht –, blendet der Film ab. Damit verlagert der Film den Schwerpunkt von der Gewaltdarstellung auf die Folgen für die Beteiligten. Man sieht nicht den eigentlichen Kampf, sondern wie die Familie mit dem daraus resultierenden Verlust eines Angehörigen umgehen muss.

Wie sehr Shotgun Stories über solche Leerstellen funktioniert, verdeutlicht ein weiteres Motiv, das sich durch den gesamten Film zieht. Mehrmals wird der Blick des Zuschauers auf die mysteriösen Schusswunden, die sich auf Sons Rücken befinden, gelenkt. Arbeitskollegen spekulieren über ihre Herkunft und seine Brüder meiden das Thema bewusst. Indem der Film dem Zuschauer diese Antwort schuldig bleibt, offenbart sich ein weiteres Mal Nichols’ Interesse für die körperlichen und seelischen Spuren, die Gewalt hinterlässt.

Filmkritik von Michael Kienzl

Veröffentlicht am 23.09.2009

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