Shopping-Center King

Im von Geschmacksfragen nur noch wenig eingeengten Komödienfach versucht diese Geschichte um einen geltungssüchtigen Wachmann, noch einen Schritt weiter zu gehen als andere – und beschert der Filmgeschichte eine der unsympathischsten Hauptfiguren seit langem.

Shopping-Center King

Ronnie (Seth Rogen) ist Sicherheitsmann in einer Shopping Mall, hält sich aber für einen begnadeten Polizisten. Die Kluft zwischen seiner Selbstwahrnehmung und dem Bild, das seine Umgebung von ihm hat, ist so groß wie der Parkplatz vor dem Einkaufszentrum. Ronnie geht seine uniformierte Autorität über alles, er ist ein so aggressiver wie pedantischer Rechthaber und Waffennarr mit Allmachtsfantasien, dem das Drehbuch statt treffender Dialog-Pointen rassistische Tiraden in den Mund legt. Die Frage, wie man um Gottes Willen mit so einer Figur eine Komödie drehen soll, beantwortet Shopping-Center King (Observe & Report) nicht im Geringsten. Möglicherweise hat sie auch niemand gestellt.

Ronnie also ist auf der Jagd nach einem Exhibitionisten, der die Shopping Mall unsicher macht. Die Ermittlungen der Polizei – personifiziert durch das Cop-Gesicht von Ray Liotta – gehen ihm dabei ziemlich gegen den Strich.  Handlungsort und Personage stehen voll im Trend: Ähnlich wie in dem kürzlich angelaufenen, freundlichen Kaufhaus Cop mit Kevin James träumt auch hier ein kleiner Mann vom großen Leben. Im Gegensatz zu James spielt Rogen den Wachdienstleiter aber mit erstaunlich wenig Interesse daran, den Zuschauer für sich einzunehmen. Er ist genau die Art von Typ, die gut zum Amokläufer werden könnte. Immer wieder lädt er eine imaginäre Pump-Gun durch oder „schießt“ mit den Fingern auf Kunden, wie Travis Bickle. Regisseur und Drehbuchautor Jody Hill, der Taxi Driver (1976) allen Ernstes als Referenz nennt, wollte vermutlich eine abgrundtief schräge, grenzüberschreitende aber trotzdem lustige Erforschung eines extremen Charakters drehen. In Wahrheit ist sein Film ebenso misogyn, rassistisch und selbstgewiss wie seine Hauptfigur.

Shopping-Center King

Welch hinterrücks verlogene Erzählhaltung eingenommen wird, kann man deutlich an einer Szene mit der Parfümverkäuferin Brandi sehen, in die Ronnie heimlich verliebt ist (Anna Faris, der einzige Lichtblick in diesem Monstrum von einem Film: Niemand spielt ordinäre Frauen so lustig wie sie.). Betrunken und unter Medikamenteneinfluss liegt sie schlafend unter Ronnie, mit ihrem Erbrochenen auf dem Kopfkissen. Es handelt sich um nichts weniger als eine Vergewaltigung. Aber damit nicht genug. Als Ronnie seine Hüfte für einen Moment stillhält, wacht sie auf und beschwert sich über die Unterbrechung. Dadurch ist es dann sozusagen offiziell kein date rape. Derselbe Trick wird später noch einmal angewandt, da ist dann ein Toter doch nicht tot. Den Schock-Moment, das Gefühl, etwas jenseits des Üblichen zu sehen, gönnt der Film dem Zuschauer jeweils nur für einige Sekunden.

Es hat auch nichts mit kreativer Überschreitung der politischen Korrektheit zu tun, dass sich Ronnies lispelnder mexikanischer Kollege (Michael Peña) als drogensüchtiger Krimineller entpuppt oder dass der arabische Kosmetikverkäufer, der wegen seiner Hautfarbe schon aus Prinzip als Dieb verdächtigt wird, seine Kundinnen angrabscht. Am Schluss, bei der unvermeidlichen Verfolgungsjagd durch die Mall, mit dem Exhibitionisten (Randy Gambill) in wabbeliger full frontal nudity, schlägt Ronnie diesen Kosmetikverkäufer ohne Grund nieder, einfach so, im Vorbeilaufen. 

Shopping-Center King

Shopping-Center King haut immer drauf auf die Schwächeren und zieht aus jeder Gemeinheit einen Witz. An mindestens zwei Stellen ist nicht klar, ob es sich um die Realität oder um Wahnvorstellungen handelt, aber an einer Erkundung dieses Wahns scheint niemand interessiert zu sein.

Es gibt seit einiger Zeit Filme, die erfolgreich eine Art Ehrenrettung für den Typus männlicher Verlierer – neudeutsch: Nerd – versuchen. Titel wie Napoleon Dynamite (2004), die Filme von Wes Anderson oder Todd Solondz, und vor allem die Werke aus dem Umfeld von Judd Apatow. In Superbad (2007), Ananas Express (2008) oder Beim ersten Mal (Knocked Up, 2006) werden männliche Schwächen gefeiert und die Schönheit im Hässlichen gesucht, oft mit durchaus deftigen Scherzen. In einigen dieser Filme ist Seth Rogen als Verkörperung des liebenswerten Nichtsnutzes zu sehen, meist als ein Charakter, der als Unperfekter an seiner perfekten Umwelt leidet oder der, wie in Beim ersten Mal, sich mit Genuss der harmlosen Verantwortungslosigkeit ergibt. All diese krummen Persönlichkeiten haben stets ein großes Herz.

Shopping-Center King

Shopping Center King versucht noch einen Schritt weiter zu gehen. Nach der Ehrenrettung der Nerds soll die Ehrenrettung der Soziopathen, Rednecks, Rassisten und potenziellen Amokläufer versucht werden. Man kann aber keine Komödie drehen, ohne sich weitgehend mit seinem Protagonisten gemein zu machen – mit seinen Spleens und mit seiner Wahrnehmung. Doch Ronnie und wie er die Welt sieht – das ist einfach kein Spaß.

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Kommentare


Martin Z.

Man fühlt sich gut unterhalten von dieser Komödie. Die Gags sind nicht flach und die dargestellten Szenen nicht all zu überdrallert. Die meisten Figuren des Sicherheitspersonals sind echte Typen, wie die Zwillinge oder Dennis die ’rechte Hand des Chefs’. Sie sind alle etwas schräg, aber liebenswert. Sie albern nicht bloß rum, sondern kommen mit einem natürlichen Charme daher, der so zwischen armer Sau und skurrilem Sonderling angesiedelt werden kann. Dabei verlieren sie nie ihr soziales Umfeld in der Shopping Mall aus den Augen. Gemäß ihrem Auftrag ’Beobachten und Berichten’.(Originaltitel)
Die Hauptperson Ronnie (Seth Rogen) ist kein Depp, nur etwas unbedarft, stur und sehr selbstbewusst, der wichtige Erfahrungen macht: er muss erkennen dass das geile, strohdumme Blondchen (Anna Faris) die personifizierte Oberflächlichkeit ist, dagegen die vorübergehend geschiente Kaffeeverkäuferin (Collette Wolff) ein goldenes Herz hat.
Neben ihnen fungiert als Konkurrent und Edelcop Ray Liotta. Da ist genug Platz für Situationskomik. Die Jungs werden schon mal vom jugendlichen Übermut gepackt. Nach dem Fehlversuch zur Polizei zu gehen, wird Ronnie ein echter Held und fängt einen Blitzer. Auch an Mutti (Celia Weston), bei der er immer noch wohnt, wird noch eine menschliche Seite aufgedeckt. Sodass wir am Ende eine muntere amerikanische Erfolgsstory haben.






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