Shoppen

Liebe in Zeiten des Kapitalismus bringt effiziente Formen der Partnersuche hervor. In seinem Spielfilmdebüt hat Ralf Westhoff das unromantische Ritual des Speeddating zu einer temporeichen Redekomödie verarbeitet.

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Die Idee ist so gut, dass man sich fragt, warum nicht schon vorher ein Drehbuchautor darauf gekommen ist, aus dem Singlekarussell des Speeddating – der organisierten Kontaktaufnahme zu möglichst vielen Kandidaten im Fünf-Minuten-Takt – eine rasante Revue über Liebeserwartungen, Paarungsverhalten und Einsamkeit in Großstädten zu machen. Erst beim weiteren Nachdenken kommen die Einwände, die vermutlich auch jeder uninspirierte Fernsehredakteur hervorbringen würde: viel zu viel Personal für einen Film (ganze 18 Figuren sind es bei Shoppen), keine herkömmliche Dramaturgie, stattdessen eher komödiantische Nummernabfolge und nur episches Gerede über Liebe und Sex. Genau. Und genau das sind die bestechenden Stärken des Films, dessen Struktur so effektiv und abwechslungsreich ist wie das Prinzip der Dating-Dienstleistung, um die es hier geht.

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Da sind zunächst die eineinhalb Dutzend gut unterscheidbaren Charaktere: der verkniffene Öko-Faschist, die sinnenfreudige Blondine, der gemütliche Koch, die Unentschiedene, die vor ihrer eigenen Hochzeit flieht, der potente Naturbursche, die überdrehte Plappertasche, der penible Unternehmensberater, die überforderte Krankenschwester ... In einem leeren, weißgetünchten Raum, platziert auf zwei sich gegenüberstehenden Stuhlreihen, werden sie aufeinander losgelassen: im ständigen Wechsel, kontrolliert von der Stoppuhr. Sie preisen sich an – „I bin a Designerstück. Haute Couture statt Wühltisch!“, erklärt der Hallodri im Nietenhemd –, sie flirten, sie beschimpfen sich, sie fühlen sich wie die Restposten auf dem Grabbeltisch. Es gibt Emotionsausbrüche und keinen Mangel an Pointen und Geständnissen: „Meine Treffen enden im Bett und nicht vor dem Fernseher“, beklagt die Rothaarige mit heimlichem Kinderwunsch: „Dabei wäre das alles, was ich mir wünsche.“

Das Singleleben hedonistischer Großstädter mit dem dauernden Cappuccino-Getrinke in Straßencafés, der rastlosen Jagd nach Sex beim gleichzeitigen Wunsch, die wahre Liebe zu finden und dem logischen Zielort jeder Beziehung im nächsten Ikea-Markt ist überall wiedererkennbar, sei es Berlin, Hamburg oder Köln. In Shoppen ist München die Stadt, über die es heißt, sie sei eine „Lebensfalle“ und ein „verdammtes Verhütungsmittel“. Die Probleme und Verhaltensweisen urbaner Singles ab Ende 20 sind jederorts die gleichen, aber deshalb noch keine Klischees – genausowenig wie die 18 verschiedenen Typen, die einander ideale Reibungsflächen bieten.

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Autor und Regisseur Ralf Westhoff hat für seine vielstimmige Partner-Parade nicht nur größtmögliche Gegensätze gewählt, sondern vor allem Schauspieler gefunden, die die Figuren mühelos glaubwürdig machen. Ein Großteil des Ensembles rekrutiert sich aus Münchner Theaterdarstellern, was gut zur Bühnentauglichkeit der Vorlage passt. Denn was tut man beim Speeddating? Reden, reden, reden. So gestaltet sich dann auch die gesamte erste Stunde des Films. Die Kamera zeigt dabei leicht variierte halbnahe Einstellungen ihrer Protagonisten: Schuss, Gegenschuss, manchmal über die Schulter gefilmt, ab und an eine Totale mit dem Rest der Gruppe im verschwommenen Hintergrund – „großes Kino“ gibt es nicht zu sehen, dafür bleibt alle Konzentration auf den Gesichtern, keine Details lenken ab. Das wird nicht eintönig, weil durchgehend Witz und Timing stimmen. Am Ende der Verpartnerungs-Tour-de-Force glaubt der Zuschauer tatsächlich, jeden einzelnen aus der Gruppe gut zu kennen und hat sich vermutlich schon überlegt, wem er selbst gern seine Telefonnummer geben würde. Einigen der Kandidaten wird in den letzten 30 Minuten des Films dann sogar noch ein echtes Date gegönnt – und nach dem ganzen Gerede on speed ein wenig spannungslösender Sex.

Shoppen, der bei seiner Premiere auf den letzten Hofer Filmtagen bereits ein Lacherfolg war, schaut man für den größtmöglichen Effekt am besten in einem vollbesetzten Kino in der Großstadt. Und geht danach mit einem Partner der Wahl Cappuccino trinken.

Kommentare


Herr Lose

ich war überzeugt eine schlechte Nachmache von "Shoppen" zu schaun (den mir doch so viele empfohlen haben) bis ich gemerkt hab: Das ist das Original! Und was das für ein unsagbarer Schmarn ist, scheint niemand verstehen zu wollen. Peinlich klischeebehaftete Stereotypen sitzen sich gegenüber und unterhalten sich völlig witz -und geistlos über Probleme, die uns scheinbar alle betreffen. Not! Es sind wild herbeigewünschte Realitäten, die schlecht (überzogen) gespielt und noch schlechter abgefilmt sind. Es herrscht null Stimmung in diesem Raum, der so unsäglich hässlich und unpersönlich ist, dass man nur vermuten kann, die Insassen sind während dem Dreh im Hof Basketball spielen.

Völlig daneben getimte, lieblos geschnittene Nichtkomödie mit keinerlei Tiefgang. Schade, Herr Westhoff. Das hätte ich eher einem Bewerbungsfilm für die Macromedia zugetraut...


Walter Neumeyer

FILM: SHOPPEN

(Ich weiß ja nicht, was der Herr Lose für einen Film gesehen hat - ich sah einen anderen.)


Es muß nämlich nicht immer GROSSES KINO sein.

Alltägliches, einfühlsames, schönes, trauriges, lustiges Kino reicht allemal.

Es ist eine wunderbare, bunte Palette mit den unterschiedlichsten Persönlichkeiten, bei der Mimik, Gestus und Sprache eine solche Faszination entwickeln, daß einem nie langweilig wird.

Na klar, es kommen einem auch schon mal Klischees, Überzeichnungen und Vereinfachungen unter - das ist aber in gerade mal eineinhalb Stunden nie ganz zu vermeiden und wird außerdem von der Viefalt der Eindrücke und dem sichtbaren Spaß der Akteure locker lächelnd überspielt.

Dies alles in viele, viele Schnitte aufzuteilen, bietet sich das Dating als Rahmen des Ganzen geradezu an.

Und wie die Mitwirkenden es schaffen dabei z.B. mit sehr viel Sorgfalt darauf zu achten, daß die Dargestellten nie ihre Würde verlieren und daß auch ein auf den ersten Blick noch so verschroben scheinender Mensch seine ganz eigene Geschichte hat, und im Laufe der Handlung durchaus andere Seiten von ihm sicht- und hörbar werden, setzt mit Sicherheit keine eben leichte Recherche und Filmarbeit voraus.

Und ein hier selbstgestecktes Ziel bezüglich Akzeptanz der Akteure hat Herr Westhoff allemal erreicht: "Man soll über sie lachen, aber man soll sie mögen."

Ein lebendiger Reigen von Erfahrungen, Enttäuschungen, Hoffnungen, Ausrastern, Ängsten, Selbstwahrnehmungen, Mißverständnissen, Kommunikationsproblemen, Lebensgeschichten und zarten Banden macht diesen Film zu einem einzigen Genuß.

Hier braucht´s keine Effekte und keine dramatische Musike mit 20 Dolbysurround-Lautsprechern und Schwindel provozierender Wackelkamera.
Hier geht´s mal endlich wieder um Wesentliches, hier lebt etwas aus sich, mit Herz und Verstand und Körpereinsatz und mit ziemlich gut dem Leben abgelauschten Dialogen und Weltsichten.

Hier ist etwas entstanden, was für mich z.T. hohen Wiedererkennenswert hat, und was durchaus mit der Lebenswelt der Menschen zu tun hat.

Ich weiß nicht, wie die Beteiligten das alles hingekriegt haben. Es ist soviel an Inhalt, Stoff, Essenz darin, daß ich´s einfach mehrfach ankucken muß.

Es gibt leider immer mehr schlabberig inszenierte und auch noch schlecht kopierte Konfektions- und Ramschware in der verwüsteten Medienlandschaft - hier haben wir eine Oase gefunden, wo man sich endlich mal wieder mit Begeisterung laben kann.

Dickes Kompliment für eine schöne Sendung, die ich mir zum wiederholten Male gegönnt habe.

Für mich ist dieser Film ist eine richtig gute Medizin - völlig ohne diesige Nebelwirkungen.



MEHR DAVON!


ulle

Der Film funktioniert exakt für diejenige Klientel, die in ihm vorgeführt wird. Doppelte Spiegelung. Kein Wunder, dass viele Menschen, die exakt so drauf sind wie die überzeichnet dargestelltenTypen im Film denselbigen lustig finden, sogar "intelligent". Sie lachen über sich selbst , solange bis sie wieder an den Ort zurückgelangt sind, von dem sie weggelaufen zu glauben schienen. Der begeisterte Kommentator Walter Neumeyer ist bereits angekommen.






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