Shoot ´Em Up

Bang Bang beim Kiss Kiss: In Shoot ´Em Up kommt das Actionkino hyperventilierend zu sich selbst.

Shoot Em Up

Shoot ´Em Up hat eine sehr einfache Philosophie, und weil Drehbuchautor und Regisseur Michael Davis gerne einen selbstreflexiven Film drehen wollte, bekommt man sie von einer der Hauptfiguren auch etwa in der Mitte des Films zu hören: „Violence is one of the most fun things to watch.“

Ohne die Bereitschaft, diese Grundhaltung einzunehmen, wird man an Shoot ´Em Up nichts Sehenswertes finden – hier wird, der Name ist Programm – eine Schießerei oder Verfolgungsjagd mit Waffeneinsatz an die andere gereiht. Davis und die Produzenten geben freimütig zu, dass die Handlung um die bereits bestehenden Konzepte für die Choreographie der Kämpfe herumentwickelt wurde – und so wirkt sie denn auch.

Shoot Em Up

Ein leicht heruntergekommen wirkender Mann (Clive Owen), der in einem leerstehenden Haus wohnt, wartet an einer Bushaltestelle, als er beobachtet, wie eine schwangere Frau von einem bewaffneten Mann verfolgt wird. Leicht widerwillig folgt er den beiden, kann die Frau gerade noch retten, indem er den Mann mittels einer Karotte tötet. Ja doch, mit einer Karotte, Mohrrübe, Möhre: dies Gemüse durchläuft in Shoot ´Em Up eine ganz erstaunliche Karriere zur Allzweckwaffe.

Smith hilft der Frau, das Kind zur Welt zu bringen, kurz darauf wird sie getötet – und es stellt sich heraus, dass die Killer – im Lauf des Films kommen noch so einige nach – gar nicht hinter der Frau, sondern hinter dem Kind her sind. Smith wendet sich auf der Suche nach Babynahrung an die Prostituierte Donna Quintana oder kurz „DQ“ (Monica Bellucci), deren Brüste Milch geben. Gemeinsam versuchen sie schließlich herauszufinden, wer den Jungen aus welchem Grund umbringen will. Die Auflösung dieser Frage, die hier nicht verraten werden soll, ist insbesondere im Kontext des Films wiederum so bizarr, dass man nicht recht weiß, ob man das richtig gut oder richtig bescheuert finden soll.

Shoot Em Up

Das gilt im Grunde für den ganzen Film, in dem es die ganze Zeit gewaltig kracht. Schon innerhalb der ersten zehn Minuten brennt Davis ein Feuerwerk wüster, aber größtenteils hervorragend choreographierter und inszenierter Kampfszenen ab, dass die Kugeln nur so fliegen. Davis lässt seinen Star Owen Treppenhäuser hinunterhechten, über Ölteppiche rutschen und Fallschirmspringen, während er mit stets wohl gezielten Schüssen die bad guys in Dutzenden aus der Welt schafft.

Im hochtourigen körperbetonten Actionkino, das insbesondere mit Casino Royale  (2006) und Das Bourne Ultimatum  (The Bourne Ultimatum, 2007) in den letzten Jahren eine Frischzellenkur erhalten hat, ist Shoot ´Em Up die Popcorn-Variante. Er ist dabei deutlich unterhaltsamer als der ähnlich laut auftretende, allerdings noch witziger gemeinte Smokin´ Aces  (2007).

Shoot Em Up

Dazu greift Davis nach allen möglichen Versatzstücken nicht nur des Actionkinos – das fängt bei der Figur von Smith an, einem wortkargen, schlechtgelaunten Mann mit Vergangenheit, und über Belluccis Hure mit dem goldenen Herzen (und Muttermilch) will man gar nicht nachdenken. Shoot ´Em Up nimmt über die Filmmusik ironisch Bezüge auf den Western und auf James-Bond-Filme, und natürlich schießen die Bösen eigentlich immer daneben; die wilden Sprünge und Tänze der Schießereien sind schließlich eine einzige Reverenz an und Referenz auf John Woo: Ohne ihn wäre dieser Film nicht denkbar.

Eine Schießerei des Films beginnt, während Smith und DQ miteinander schlafen – und natürlich setzt der Held den Geschlechtsakt fort und bringt die Angreifer zugleich mit gezielten Schüssen um. Der sich daran anschließende Kalauer führt ob seiner Plattheit zu sofort einsetzenden Kopfschmerzen. Davis bezieht sich hier auf eine – allerdings deutlich eleganter choreographierte – ähnliche Szene in Robert Rodriguez´ Desperado (1995). Zumindest in diesem Fall hat sich der Regisseur ein wenig verhoben.

Shoot Em Up

Hinter all den Schusswechseln treten die Figuren deutlich zurück. Am interessantesten ist dabei sicher noch Owens Gegenspieler, Hertz, den Paul Giamatti mit großer Lust am Bösewicht spielt – „fuck me sideways“ schimpft er einmal über Smith, und das darf man gern als Anspielung auf einen seiner letzten Filme lesen, in dem er, wie zumeist, den sympathischen Loser gab. Hier ist Giamatti alles andere als sympathisch und alles andere als ein Loser. Hertz, so wird berichtet, war früher Profiler; und mit dem Rückgriff auf diese wiederum stereotype, meist als leicht seltsam, aber genial beschriebene Figur erklärt der Film, mit welch absurder Geschwindigkeit die Verfolger immer wieder zu Smith und DQ aufschließen können, ohne je im Detail auf ihre Mittel eingehen zu müssen.

Davis´ immer leicht distanzierte Inszenierung und Erzählhaltung, die ihre Künstlichkeit in der schieren Unmöglichkeit der Actionsequenzen zur Schau stellt, soll das Actionkino zugleich ironisch von außen kommentieren und im Spektakel überbieten. Das Ergebnis ist einerseits sehr erfreulich, weil sich Shoot ´Em Up nicht so unendlich ernst nimmt und trotzdem für Fans ein großes Vergnügen sein wird. Andererseits fehlt es an originellen Ideen, die eine wirkliche Brechung der von dem Film so zahlreich eingesetzten Klischees vornehmen könnten oder über sie hinausgreifen würden. In der Anfangssequenz tanzen die von Smiths Pistole ausgeworfenen Patronenhülsen auf dem Bauch der Schwangeren – das ist zwar originell, aber auch ein eher billiger und leicht geschmackloser Lacher.

Shoot ´Em Up trägt vielleicht nicht weiter als bis zum Ausgang des Kinosaals, aber in den knapp gehaltenen anderthalb Stunden, in denen der Film läuft, ist er sehr unterhaltend – wenn man Schießereien unterhaltsam finden mag.

Kommentare


John Doo

Ohne Zweifel Der film ist ein Meisterwerk, aber mit dem Kritiker Rochus Wolff ist ebenfals zweifellos ein befangener Selbstbeweihräuchernder seines Faches am Werk.
PS: Dies ist keine Beleidigung, sondern eine Schlussfolgerung. Eine Indizierung dieses Posts ist , ziemlich offensichtlich eine Nichtduldung von Kritik an Kritik.






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