Shoah

Asynchron: Das Werk eines besessenen Spurensuchers, ein Meilenstein der Filmgeschichte und die bis heute eindrucksvollste und wichtigste filmische Auseinandersetzung mit der Judenvernichtung.

Shoah

 Von den neuneinhalb Stunden des Films darf man sich nicht abschrecken lassen – Shoah zu sehen, ist Gewinn und schreckliche Erfahrung, macht vieles deutlich, was gleichzeitig unfassbar bleibt. Claude Lanzmann überschreitet die Grenzen eines einfachen Dokumentaristen und Interviewers und damit auch die künstliche Trennung zwischen Gegenwart und Vergangenheit. Schon der Beginn macht die Methode deutlich: Simon Srebnik, der mit 13 Jahren als Sklavenarbeiter nach Chelmno deportiert wurde und zur Belustigung der SS regelmäßig singen musste, fährt als erwachsener Mann auf das Drängen des Filmemachers hin zum ersten Mal wieder nach Polen. Lanzmann nimmt Srebnik auf, wie er auf einem Kahn den Fluss Ner entlanggleitet – wie früher – und singt. In einer späteren Szene werden sich die polnischen Dorfbewohner an den Jungen von damals erinnern. Während er in ihrer Mitte zunehmend versteinert und wieder zum ausgelieferten Kind wird, redet man auf dem Kirchplatz über die gerechte Bestrafung „der Juden“. Wie früher.

„Das Vergangene ist nicht tot; es ist nicht einmal vergangen. Wir trennen es von uns ab und stellen uns fremd.“ – So geht das berühmte Zitat nach Christa Wolf. Das Abtrennen, das Fremdstellen wird von Shoah durchbrochen. Lanzmann bringt seine Gesprächspartner in Situationen, die ein Nacherleben der Vergangenheit auslösen: Er lässt sie die ehemaligen Lager wiederaufsuchen oder ihre damaligen Tätigkeiten wiederholen. Selbst wenn sie kurz vor dem Zusammenbruch stehen, treibt der Regisseur sie weiter zum Reden an. Lanzmann ist grausam, und er muss es sein, um diese Zeugnisse einzufangen, die von erstaunlicher Unmittelbarkeit sind. Hier wird die Vergangenheit nicht historisiert: Sie ist keine Geschichtsdarstellung im Fernsehformat mit Off-Kommentar und Archivmaterial, sie wird auch nicht durch naturalistisches Schauspiel und Kausal-Dramaturgie zur begreifbaren Fiktion. Sondern sie ist plötzlich wieder präsent, obwohl die Kamera an den ehemaligen Orten der Vernichtung meist nur Wälder, Felder und immer wieder Schienenstränge vorfindet. Die Erzählungen, die in Landschaft und Körper eingeschriebenen Spuren, das kluge und immer wieder schmerzhafte Insistieren des Fragestellers erzeugt mehr Nähe zu dem, was hier geschehen ist, als es das immer wieder gesehene Dokumentarmaterial je könnte.

Shoah

 Claude Lanzmann fand seine Gesprächspartner in Polen, Deutschland, Israel oder den USA. Darunter sind Überlebende der Ghettos und Konzentrationslager: Mehrere von ihnen arbeiteten in Kommandos, die zu Leichenexhumierungen gezwungen waren, auch ein ehemaliges Mitglied des Krematoriumkommandos von Auschwitz oder ein gelernter Friseur, der den zu Tötenden im Vorraum der Gaskammer die Haare abschnitt, sind dabei. Oft ist der Regisseur selbst im Bild präsent, seine Fragen werden ebensowenig ausgeblendet wie die Antworten der Übersetzerinnen und die Konflikte, die manchmal zwischen beiden Positionen entstehen. Zusätzlich zu den Überlebenden werden verschiedene Zeitzeugen miteinbezogen: Anwohner der Lager, Bauern, Bahnarbeiter, auch Dorfbewohner, die auf ihrer Erinnerung bestehen, reiche jüdische Frauen hätten sich in den Deportationszügen frisiert und geschminkt. Ebenso schwer erträglich sind einige der Interviews mit Tätern, manche davon mit versteckter Videokamera aufgenommen. So kann man erleben, wie der Filmemacher einem früheren SS-Unterscharführer schmeichelt, er sei ein wichtiger Augenzeuge, worauf dieser nicht ohne fachlichen Stolz mit Zeigestock die Organisation des Lagers Treblinka erläutert.

Shoah

 Seit Mitte der 70er Jahre arbeitete Lanzmann mit enormem Durchhaltewillen an seinem Interviewfilm, der in der Bundesrepublik zum ersten Mal auf den Berliner Filmfestspielen 1986 gezeigt wurde. Lanzmann zeichnete 350 Stunden Material auf. Die Montage nahm vier Jahre in Anspruch. Es verwundert nicht, dass einer, der sein Leben derart diesem Thema gewidmet hat, sich bis heute immer wieder mit großer Vehemenz in die Debatten um die Darstellbarkeit des Holocaust einschaltet, Produktionen wie Schindlers Liste (1993) verurteilt und mit dem Untergang (2004) erst gar nicht in einem Atemzug genannt werden will. Den Massenmord als Spielfilm zu inszenieren, sei blasphemisch, so Lanzmann. Man mag seine Haltung als die eines alttestamentarischen Gottes kritisieren, der sein Bilderverbot eifersüchtig verteidigt. So wenig es gerechtfertigt ist, alle weiteren Filmprojekte ausschließlich an Shoah zu messen, lässt sich doch sagen, dass diese radikale Dokumentation durch ihr Beharren auf Fakten, Kontinuitäten und auf die Kraft des gesprochenen Wortes immer noch den größtmöglichen Gegenpol zu allen vorangegangenen und späteren Versuchen ganzheitlicher Erzählungen vom Nationalsozialismus und Holocaust bildet. Shoah ist und bleibt ein Ausnahmefilm.

Trailer zu „Shoah“


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