Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf

Mit poetischen, ruhigen Bildern präsentiert der israelische Regisseur Joseph Pitchhadze Die Geschichte vom bösen Wolf als melancholisches Porträt der Bewohner der israelischen Großstadt Tel Aviv.

Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf

Sanft gleitet die Kamera über die Körper und Gesichter der Menschen, die sich als Protagonisten in Joseph Pitchhadzes Film Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf (Shnat Effes) herausstellen werden: über die des blinden Eddie (Moni Moshonov), der Tai Chi-Übungen macht und dessen treuer Hund Maxim neben ihm sitzt, der allein erziehenden Anna (Sarah Adler) und ihres Sohns (Zuki Ringart), dem sie sanft über die Haare streicht. Der Radiotechniker Cagan (Danny Geva) schläft unruhig in seinem Bett, Robinson (Ezra Kafri), ein Freund von Cagans Eltern aus deren Punkrockzeiten sitzt im Krankenhaus, gerade hat er eine schlechte Diagnose bekommen. Die Radiojournalistin Michal (Keren Mor) hat einen Schwangerschaftstest in der Hand. Erschrocken blickt sie auf ihr Spiegelbild. Ihr Partner, der Immobilienmakler Reuven nämlich, so wird man später erfahren, hat in seinem Leben wenig Platz für Kinder.

Aus allen sozialen Schichten und ganz verschiedenen Berufszweigen rekrutiert Pitchhadze seine Hauptfiguren: Reuven (Menashe Noy) mit der schicken Wohnung, den die Ankündigung seiner Freundin Michal, dass sie ein Baby erwarten, erst einmal emotional aus der Bahn wirft. Die Studentin Anna verliert ihren Halbtagsjob, mit dem sie sich und ihren Sohn finanziert, wird dadurch obdachlos und sieht sich zur Prostitution gezwungen. So unterschiedlich die Lebensgeschichten sein mögen, Pitchhadze verbindet sie auf der Erzählebene sehr geschickt miteinander. Alle Personen sind, wenngleich manchmal sehr entfernt, miteinander verbunden: Reuven, zum Beispiel, arbeitet für Annas Vermieter. Diese wiederum schläft aus Not mit dem Chefredakteur des Radiosenders bei dem Michal angestellt ist. Michal wiederum schläft mit Cagan, dessen Begegnung mit Robinson sein Leben verändert. Und Robinson wiederum lässt sich von Eddie physiotherapeutisch behandeln, dem Mann, dessen Hund Reuven versehentlich überfährt. Die Protagonistenriege erscheint fast als große, weit verzweigte Familie, deren Mitglieder irgendwie miteinander in Beziehung stehen, bisweilen auch ohne den anderen zu (er)kennen.

Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf

Ihre Geschichten handeln fast alle von Verlust und dem Versuch sich damit zu arrangieren: Verlust der Freiheit, des Arbeitsplatzes und der Wohnung, des geliebten Hundes oder gar der sicher geglaubten Biographie. Mit wenig Pathos und Gespür für den richtigen Ton haben Regisseur Pitchhadze und der Cutter Dov Steuer diese Geschichten und Dialoge geschrieben. Sie porträtieren Menschen, die einerseits als filmisches Subjekt glaubhaft handeln, und zur selben Zeit auch für eine bestimmte Schicht der israelischen Gesellschaft stehen sollen. Ebenso wie der im Titel vorkommende Wolf – der übrigens dem Märchen Rotkäppchen entstammt – nur als Metapher steht für die ständigen Gefahren des Lebens vor denen man sich nicht schützen, auf die man nur re-agieren kann.

Pitchhadze nimmt sich Zeit, die einzelnen Geschichten zu entfalten. Ganz langsam offenbart er die Vielschichtigkeit der Charaktere, wird das Dilemma jedes Einzelnen klar. Dabei folgt die Kamera, die nahezu immer in Bewegung ist, den Hauptpersonen unablässig und begleitet sie auf ihren mitunter schweren Gängen. Diese Kamerabewegungen aber sind ohne Hast, wirken ruhig, man möchte fast sagen beruhigend. Zusammen mit dem weitgehenden Verzicht auf Filmmusik schafft Pitchhadze dadurch eine stille, melancholische Atmosphäre, welche die Basis für die zum Großteil tragisch endenden Alltagsgeschichten aus dem modernen Israel bildet.

Shnat Effes – Die Geschichte vom bösen Wolf

Dennoch ist Shnat Effes kein schwermütiger Film. Die Verwendung verschiedener Genres in den einzelnen Erzählungen, von der zarten Romanze über die Thrillerhandlung bis zur Tragikomödie, sorgt beständig für Abwechslung und die Stränge fügen sich doch virtuos ineinander. In seiner Kunstfertigkeit erinnert der Film an Robert Altmans stargespicktes Los Angeles-Porträt Short Cuts (1993). Wie Altman stützt sich Pitchhadze dabei auf sein eindringlich spielendes Ensemble. Durch die privaten Geschichten der Protagonisten, die sich an Alltagsorten wie Cafés, Wohnungen, Straßenzügen ereignen, entsteht das Porträt der Stadt Tel Aviv und seiner Bewohner.

Wie Momentaufnahmen, wie Teile eines israelischen Quilts wirken die Situationen, die geschichtenübergreifend miteinander verbunden werden. Erst durch das geschickte Arrangieren von Farben und Formen und das Ineinanderfügen werden die Fetzen bei einem gut gemachten Quilt zu einem Ganzen. Mit eben solchem Geschick erzählt Joseph Pitchhadze seine ganz unterschiedlichen Stories aus Tel Aviv, die er zu einem bewegenden Porträt verknüpft.

 

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.