Shit Year

Es war ein beschissenes Jahr für die Hollywood-Diva Colleen West. Wenn daraus aber solche Bilder entstehen wie in Cam Archers kunstvollem Drama, dann braucht das Kino noch mehr tief deprimierte Figuren.

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Colleen West (Ellen Barkin) steht nach ihrem finalen Theaterauftritt in der Mitte der Bühne, ihr Körper verdeckt einen Scheinwerfer – bis sie sich vor dem Publikum verbeugt und das helle Licht der öffentlichen Aufmerksamkeit ein letztes Mal auf sie scheint. Als sie sich wieder aufrichtet und damit erneut den Strahl des Scheinwerfers blockiert, wird es endgültig dunkel um sie. Im Hotelzimmer schließt sich die Gardine ebenso wie im Theater der Vorhang, im TV-Studio gehen nach ihrem letzten Interview alle Lichter aus. Die alternde Diva mit den aufgespritzten Lippen tritt ab, aus dem gefeierten Star wird eine Privatperson, die nicht weiß, was sie mit sich und dem neuen Leben ohne Schauspielerei anfangen soll. „Jemand anderes zu sein kann süchtig machen“, sagt sie einmal und begreift, dass sie jahrzehntelang vor allem in ihren Rollen gelebt hat.

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Am Beginn von Shit Year steht das Ende von Colleens Karriere und ihrer Affäre mit dem blutjungen Beau des Theater-Ensembles, Harvey West (Luke Grimes), dessen Nachname „das Einzige ist, was die beiden gemeinsam haben“. Trotzdem kann sie ihn nicht vergessen, und so versinkt Colleen in einer schweren Depression, die von ihrer Einsamkeit und der plötzlichen Leere des nicht mehr von Aufgaben und Zielen erfüllten Alltags nur noch verstärkt wird. Sie zieht sich in eine Waldhütte zurück, hadert mit den verpassten Chancen, falschen Schritten und unglücklichen Wendungen ihres Lebens. Kraftlos schleppt sie sich in ausgelatschten Riesenstiefeln durch die Sinnkrise, eine komplett abgedunkelte Sonnenbrille verdeckt ihre traurigen Augen und verwehrt jeden Blick in ihr gealtertes Gesicht. Ihrem Bruder gesteht Colleen: „Mein ganzes Sein ist voller Schmerz.“ Und so flieht sie in eine Welt, in der Realität, Erinnerungen und Fantasien für sie und den Zuschauer manchmal ununterscheidbar werden.

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Den Plot mag das so weit zusammenfassen, über den Film Shit Year sagt diese Beschreibung indes denkbar wenig aus, denn der junge Regisseur Cam Archer (Jahrgang 1982) interessiert sich weitaus mehr für Strategien der Ästhetisierung als für den narrativen Inhalt, den das experimentelle Drama nur fragmentarisch und nicht-linear wiedergibt. Shit Year wurde auf schwarzweißes 16mm-Material gebannt – eine fast schon archaische Geste im Zeitalter von CGI, 3D und Digitalkameras. Das kontrastreiche, ausgefeilte Spiel von Licht und Schatten wird in seiner Eleganz noch gesteigert durch den häufigen Einsatz von Zeitlupen und anmutigen Aufnahmen, die großzügig vom Element Wasser Gebrauch machen, das im Kino immer wieder den Eindruck vermittelt, als sei es dafür geschaffen worden, in Bildern festgehalten zu werden.

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Als Harvey in einen Pool eintaucht, fängt die Kamera dieses visuelle Ereignis stark verlangsamt aus der Unterwasser-Perspektive ein, konzentriert sich dann aber kaum auf seinen Körper, sondern auf die durch den Sprung hervorgerufene Fortsetzung der Wellen. Später lässt Kameramann Aaron Platt aus einem ähnlichen Blickwinkel Licht von oben durch das transparente Nass scheinen. In einer weiteren Wasserszene hat sich ein seltsames Muster auf zwei untergetauchte Hände gelegt – die optische Verwirrung wird erst aufgelöst, als sich die Hände aus dem Wasser heben. Ähnlich eindrucksvoll komponiert sind einige Einstellungen, die Colleen in der Matrix-artigen Fantasie-Landschaft eines endlosen white cube zeigen, in der sie sich eine Harvey-Simulation produzieren lässt. Dabei sitzt Colleen an einem weißen, seine Umwelt spiegelnden Tisch, der von der Kamera so eingefangen wird, dass man seine Kante nicht erkennt, wodurch wiederum die von ihm ausgehenden Reflexionen zu einer optischen Täuschung führen, einer übergangslosen Dopplung der Szenerie.

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Gegen Ende kulminiert Archers visuelles Denken in einer minutenlangen surrealen Sequenz, in der maskierte Männer Colleen durch eine Häuserschlucht jagen, die Diva auf allen Vieren eine Treppe hinunterkriecht und sich ihr zunehmend überbelichtetes Gesicht schließlich ganz in Weiß auflöst. Das aufwändige Sound-Design von Nate Archer, dem Bruder des Regisseurs, sorgt zusätzlich dafür, dass aus den disparaten Realitäts- und Fantasieebenen eine scheinbar kohärente Traumwandel-Welt entsteht, als Colleens Wahrnehmung sich zunehmend von jeglicher Differenzierungsleistung verabschiedet. Dass Shit Year bestimmte Szenen und Textfetzen wie in einer Suggestionsübung mehrfach wiederholt, verstärkt diesen Trance-Effekt und unterstreicht zugleich, dass sich Archer nicht sonderlich um eine Weiterentwicklung der Erzählung schert.

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Primär ist Shit Year somit ein sinnliches, manchmal gar rauschhaftes Erlebnis, das indes gerade wegen seiner stilistischen Finessen nicht für jeden Zuschauer ein Gewinn sein dürfte, weil die visuelle und atmosphärische, mitunter auch intellektuelle Brillanz des Films auf Kosten der Erzählung geht. Dennoch kommen auch Freunde klassischer Kino-Unterhaltung immer wieder auf ihre Kosten. Die Dialoge der zynisch-desillusionierten Colleen mit ihrer geistig deutlich unterlegenen Nachbarin sind Meisterstücke des lakonischen Humors. Wenn die exzentrische Künstlerin und die naive Hausfrau sich begegnen, ist dies ein Frontalzusammenstoß zweier Welten, mit dessen komischem Potenzial Archer und Barkin merklich vergnügt spielen. Überhaupt wird Shit Year dank der großartig agierenden Ellen Barkin zu bestem Schauspielerkino, nur eben im Gewand eines experimentellen Kunstfilms. Barkin ist es auch, die am Schluss John Lee Hookers Lied „Don’t look back“ singt und ihrer Figur den einzig möglichen Ausweg aus der Lebenskrise weist: „Don’t look back / to the days of yester-year / You cannot live on in the past.“

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