Shine a Light

Nach Dokumentationen über The Band und Bob Dylan drückt Martin Scorsese mit Shine A Light seine langjährige Verehrung für die Rolling Stones aus. Herausgekommen ist ein ausführlicher Konzertmitschnitt, der einen ergebenen Blick auf die Band wirft.

Shine A Light

Martin Scorsese hat ein Problem. Der legendäre Regisseur hat sich vorgenommen, einen Dokumentarfilm über keine geringere Band als die Rolling Stones zu drehen. Kernstück des Filmes ist ein Konzert im New Yorker Beacon Theatre. Leider ist Mick Jagger nicht begeistert von den vielen Kameras auf der Bühne und im Publikumsbereich. Und die Setlist der Songs, von der die Kamerapositionen abhängen, wird dem Filmteam erst in allerletzter Minute übergeben. „Ich mag Filme ... als Zuschauer“, fasst Schlagzeuger Charlie Watts die skeptische Auffassung der Band gegenüber Scorseses Filmprojekt zusammen.

Diese ersten Minuten über die Entstehung des Filmes sind vielversprechend. Durch die Montage bekommt man einen Eindruck davon, was es bedeuten muss, einen Dokumentarfilm über die Rolling Stones zu drehen und welchen Rhythmus ihr Leben auf Tour hat. Die Einstellungen sind kurz, farbige wechseln sich mit schwarzweißen Bildern ab, die Handkamera folgt der Band von einem Ort zum nächsten. Innerhalb weniger Sekunden springen wir von Chicago nach Detroit, von Vancouver nach Texas und schließlich nach New York, wo zwei Konzerte im September 2006 stattgefunden haben. Die Aufnahmen zeigen Martin Scorsese und Mick Jagger in einem stetigen Duell: Wie ist der Bühnenaufbau? Wo stehen die Kameras? Welche Lieder werden gespielt? Der gelassene und arrogante Mick Jagger, dem man nichts recht machen kann, treibt den nervösen, ironisch-humorvollen Martin Scorsese an den Rand des Wahnsinns. Das fulminante Finale des ersten Teils ist eine Parallelmontage von Bill Clintons Eröffnungsrede und den laufenden Vorbereitungen hinter der Bühne, die in den ersten Akkorden von Jumpin’ Jack Flash mündet.

Die witzigen Dialoge und schnellen Schnitte der ersten Minuten verschwinden abrupt im Hauptteil des Filmes. Die Bilder der wackligen Handkamera, die den Zuschauer am Tour-Alltag einer Rockband teilhaben ließen, werden nun zu aalglatten Konzertbildern, wie man sie aus dem Musikfernsehen kennt. Die Songs werden vom ersten bis zum letzten Akkord ausgespielt; Martin Scorsese gibt der Musik und dem Habitus der Band den Raum, den man sich eigentlich für Momente hinter den Kulissen gewünscht hätte.

Shine A Light

Technisch war der Aufwand groß: 17 namhafte Kameramänner und -frauen wie Robert Richardson (Oscar für The Aviator, 2004 und JFK, 1991) und Ellen Kuras (Emmy für 4 Little Girls, 1997) haben aus ebenso vielen Positionen heraus das Konzert gefilmt und dabei jedes Augenzwinkern, jedes selige Lächeln und jede vor Anstrengung aufgeblasene Wange der Rolling Stones festgehalten. Die Vielzahl der Perspektiven erlaubt eine Montage, die durch ihre Dynamik die Energie vermittelt, die Mick Jagger noch immer bei Live-Auftritten verbreitet. Er läuft auf der Bühne auf und ab, gestikuliert wild mit den Armen, springt auf seinen streichholzdünnen Beinen zum Takt und versprüht seine ungebrochene Lust an dem, was er tut. Auch wenn man denkt, dass er unter der Last seiner Gitarre jeden Augenblick zusammenbrechen könnte. Denn die strassbesetzten Gürtel, dicken Uhren, teuren Turnschuhe und ausgefallenen Accessoires der Bandmitglieder täuschen nicht über ihre Hörgeräte, künstlichen Gebisse und die tiefen Falten in den Gesichtern hinweg, die immer wieder in Close-ups gezeigt werden. Diese Inszenierung zwischen jugendlichem Rockstar und altersschwachem Greis wirkt wie eine demonstrative Selbstbestätigung. Es gibt uns noch. Wir sind noch wer.

Wie die Rolling Stones wurden, was sie sind, setzt Martin Scorsese als Allgemeinwissen voraus. Lediglich einige Ausschnitte von früheren Fernsehinterviews unterbrechen den Konzertmitschnitt; sie fassen die Hauptaussagen der Bandmitglieder über sich selbst zusammen. Wenn der Fernsehreporter fragt: „Was denken Sie in dem Moment, in dem Sie auf die Bühne kommen?“, und Keith Richards lässig antwortet: „Ich wache auf“, dann kann man erahnen, was den Erfolg des Phänomens Rolling Stones in den sechziger Jahren ausgemacht hat. Leider bleiben diese Szenen nur bruchstückhaft; der Film geht nach einigen Sekunden übergangslos zum Konzert zurück.

Shine A Light

„Ich kann mir mein Leben – oder das von irgendjemandem sonst – nicht vorstellen ohne Musik. Sie ist wie ein Licht in der Finsternis, das nie verlöschen wird“, sagt Martin Scorsese in einem Interview. Filme über Musik sind die Konsequenz. Er war am Schnitt von Woodstock (1970) beteiligt, Produzent bei der siebenteiligen Dokumentarserie Martin Scorsese presents: The Blues (2003) und führte Regie bei The Last Waltz (1978) sowie bei No direction home: Bob Dylan (2005). Was in Shine A Light außen vor bleibt, wird in diesem Film ausführlich behandelt: Bob Dylans Musik im Kontext der sechziger Jahre in den USA. Augenzeugen kommen zu Wort; Fotomaterial, Filmsequenzen und frühere Konzertmitschnitte verdichten sich nicht nur zu einer Collage der Person und des Musikers Bob Dylan, sondern auch zu einem tiefgründigen Gesellschaftsbild. Diese Gelegenheit verschenkt Martin Scorsese in Shine A Light zugunsten einer großspurigen Inszenierung der Rolling Stones.

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