She's Lost Control

Ist professionelle Intimität möglich? In Anja Marquarts Regiedebüt bringt eine junge Therapeutin gehemmten Männern den Körperkontakt nahe.

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Bevor sich der Titel bewahrheitet, bevor hier jemand also tatsächlich die Kontrolle verliert, ist She’s Lost Control eine Leistungsschau zeitgenössischer Kontrollbestrebungen. Ronah (Brooke Bloom) friert ihre Eizellen ein, Chris (Tobias Segal) will mit Todgeweihten Souvenirvideos machen – zum posthumen Trost der Angehörigen. Von der Kontrolle über die eigene Fortpflanzungsfähigkeit bis hin zur Kontrolle über das eigene Dasein nach dem diesseitigen Ausscheiden, hier gibt es alles, was das kontrollwillige Herz begehrt; Kontrolle zur Überwindung des Körpers, dieses alten Verräters: ein Körper, der altert, der stirbt, der im Stich lässt. Oder der nicht da ist: Selbst das Skype-Gespräch passt da gut zum Topos.

Vorzimmer zum Liebesspiel

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Kontrolle ist auch Ronahs Geschäft. Es ist aber nicht die Kontrollwut, die einen zur Inanspruchnahme ihrer Dienste treibt, vielmehr ist es das Ringen mit der Kontrolle. Kontrolle über sich selbst erlangen, um sie wiederum dem anderen im Liebesspiel abtreten zu können. Was die meisten Menschen vermutlich nur im Bereich der Feinregelung ab und an vor Schwierigkeiten stellen dürfte, das scheitert hier schon am Gröbsten: Ronahs Patienten sind außerstande, körperliche Nähe herzustellen oder anzunehmen. Im geschützten Raum des Behandlungszimmers – mal ist es das Hotelzimmer, mal das des Patienten –, soll Stück für Stück Nähe zugelassen, erfahren, erlernt werden, soll diese Nähe abgespeichert werden als ein Gefühl, das nicht Gefährdung, sondern Geborgenheit verheißt. So sieht es jedenfalls Dr. Cassidy (Dennis Boutsikaris) vor, der Arzt, der gehemmte Männer an Ronah überweist, in einen Raum, der interessanter nicht sein könnte und in dem etwas geschaffen wird, das am besten mit Cassidys Oxymoron wiedergegeben wird: professional intimacy. Es ist ein Schutzraum, in dem der Patient vor dem Versagen bewahrt ist, ein Testraum, in dem er sich ausprobieren kann, ein Labor der Beziehung, ein Vorzimmer zum Liebespiel, aus dem er schließlich in die Selbstbestimmung entlassen werden soll, befreit seiner selbst.

Die Entzauberung des Miteinanders

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Dass Ronahs Sitzungen einen so interessanten Gegenstand liefern, liegt an der Verfremdung des Selbstverständlichen, der Formalisierung und des Explizit-Machens des sozialen Handelns. Alles, was in der Sitzung passiert, wird zeitgleich emphatisch ausgesprochen, erklärt, kommentiert und in den Kontext gesetzt; danach wird Rapport erstattet und analysiert. Die Automatismen des menschlichen Miteinanders sind außer Kraft gesetzt. Das Ergebnis ist ernüchternd: die Entzauberung des Miteinanders. Dabei ist es schwierig zu sehen, was an der Sitzung künstlich, erzwungen ist und was nicht: die Teilhabe am Leben des anderen, das Begehren für den anderen, die Nähe zum anderen. Am Anfang des Films, der in medias res in eine Sitzung führt, versichert Ronah einem Patienten, dass sie in jeder Sitzung ganz bei ihm ist. Später sagt sie, ihr Leben außerhalb der Sitzung spiele in der Sitzung absolut keine Rolle. Das mag – zunächst – stimmen. Fest steht aber, dass die Kamera das Drinnen und das Draußen gleichermaßen behandelt und damit aller Voraussicht nach das Überschwappen des einen ins andere ankündigt. Die Umgebung ist unnahbar und eisig, ebenso sind es die Menschen darin. Oft fängt sie die Kamera von hinten oder in Teilen ein, sie verweigert dem Zuschauer den ganzen Körper; er zerfällt in unzusammenhängende Stücke. Man mag sich an der Eindeutigkeit der Parallele stören, sie bleibt wirkmächtig: Der Film vermittelt entmenschlichende Kälte.

Der weite Weg von der Fingerspitze zum Ellenbogen

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She’s Lost Control gibt sich nicht als ein Plädoyer für die – umstrittene – Art von Therapie, die Ronah praktiziert, aber ebenso wenig nimmt er dezidiert gegen sie Stellung. Der Film legt Wert auf die Abgrenzung zur Prostitution – die Vertraulichkeitserklärung, die vor der ersten Sitzung unterzeichnet wird, stellt klar, dass die Treffen „weder der sexuellen Befriedigung noch der Unterhaltung dienen“. Sexuelle Befriedigung ist ohnehin etwas für Fortgeschrittene: Ronah holt ihre Patienten dort ab, wo sie stehen: vor der schieren Angst, jemandem ins Gesicht zu schauen oder das Unterhemd auszuziehen. In einer Übung muss ein Patient Ronahs Unterarm – von der Fingerspitze bis zum Ellenbogen – ertasten; nie war der Weg so weit, nie sah diese Bewegung so intim aus. Fernab von jeglichem Voyeurismus wird das Augenmerk auf diese scheinbar kleinen Errungenschaften gelegt.

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Irgendwann sagt Ronah, ihre Tätigkeit gefalle ihr, weil sie Menschen dabei zusehen dürfe, wie sie sich verändern. Ob das Interesse an der Änderung nun fachlich – sie studiert Verhaltenspsychologie im Master – oder persönlich motiviert ist, es schwappt nicht auf den Zuschauer über, weil es ihm vorenthalten bleibt: Bei zwei Patienten wird jeweils der Status quo gezeigt, und beim dritten, dem Unheilstifter Johnny (Marc Menchaca), findet ein spektakulärer Rückfall statt, der weniger das Vertrauen in den Erfolg einer solchen Therapie ankratzt als die Frage nach der Sicherheit der Therapeutin aufwirft. So bleibt die einzige Wandlung in She’s Lost Control Ronahs Wandlung: Wir sehen, wie in den Sitzungen „real-life“-Gefühle aufkeimen, und dann, wie Ronah langsam von einer diffusen Angst erfasst wird, die in ihrem Leben die Überhand gewinnt. Musste Ronah scheitern, weil es professional intimacy gar nicht geben kann? Dazu schweigt der Film.

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