Broadway Therapy

In seinem ersten Film seit 13 Jahren holt Peter Bogdanovich klassisches Hollywood ins Theatre District. Bei gleichem Setting wie Birdman könnten Gestus und Stil nicht unterschiedlicher sein.

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Fast alles, was man diesem Film vorwerfen könnte, gibt er gleich nach Öffnen des Vorhangs selbst zu: Ja, es wird nostalgisch, ja, es wird verklärend, und ja, auch das lässt sich schon erahnen, es wird, wie man so schön fortschrittskonservativ sagt, einem Genre nichts Neues hinzugefügt werden. Während Fred Astaire „Heaven, I’m in heaven …“ trällert, legt eine altmodische Texttafel nicht nur die Rahmenhandlung fest – eine junge Schauspielerin erzählt einer Journalistin namens Judy, wie ihr Stern aufging –, sondern ergreift auch gleich eindeutig Partei: „Like most people today, Judy was a cynic and was offended by the slightest hint of fantasy. Not us. We believe in the old saying that the facts should never get in the way of a good yarn.“ Not us: Die sanfte Autorität dieses das Publikum umschmeichelnden Plurals lässt keinen Zweifel, dass die zynische Judy mit ihrer Sichtweise in Broadway Therapy (She’s Funny That Way) nicht durchkommen wird.

Ein nostalgischer Kinotraum

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„I believe in happy-endings“ ist denn auch gleich der erste Satz in Peter Bogdanovichs Screwball-Komödie, den Hauptfigur Izzy (Imogen Poots) in die Kamera spricht. Von ihrem leichtherzigen Glauben ans Gute bleibt die gesamte Binnenhandlung gefärbt (was für deren Kopplung an die Erzählerfigur entscheidender ist als ein formales Einhalten ihrer Perspektive, um die sich die frei bewegliche Narration nur wenig schert). Sichtbar wird das schon daran, dass die männliche Hauptfigur, charakterlich durchaus ein chauvinistischer Arsch, stets in Gestalt Owen-Wilson’scher Knuddelbärigkeit auf den Plan tritt. Der Broadway-Regisseur Arnold vergnügt sich zu Beginn mit Callgirl Izzy in einem Hotelzimmer – und trifft sie kurz darauf bei einem Casting für sein aktuelles Stück wieder, wo sie für die Rolle eines, na so was, Callgirls vorspricht. Ihre Szenenpartnerin ist Arnolds ahnungslose Ehefrau (Kathryn Hahn), deren Ex-Lover (Rhys Ifans) gehört auch zum Cast, und der Playwright (Will Forte) verguckt sich ebenfalls sofort in Izzy – und damit ist der Reigen der Verwicklungen, Verwirrungen und Play-in-a-play-Wechselwirkungen auch schon eröffnet. Zu allem Überfluss laufen Arnold auch noch ständig andere (Ex-)Callgirls über den Weg, die er einst alle mit dem gleichen Spruch über Eichhörnchen und Nüsse umgarnt und mit der gleichen Riesen-Ablösesumme aus der Sexarbeit gekauft hat wie Izzy.

Screwball-Standardsituationen

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Genretypisch gewinnen die meisten Szenen ihren Witz daraus, dass Figuren mit ganz unterschiedlichem Wissensstand über ihre Verstrickungen aufeinandertreffen, und das Hereinplatzen der falschen Person ins Restaurant oder ein unbefugter Blick hinter die Badezimmertür dann für Verheerungen sorgt. Wobei gerade in den Hotelflur-Zimmertüren-Szenen deutlich wird, dass der Film in Sachen Tempo und Anarchie mit Bogdanovichs Klassiker Is’ was, Doc? (What’s up, Doc, 1972)  sicher nicht mithalten kann. Doch in der eher gemessen-unauffälligen Inszenierung, die mehr auf Dialogwitz als auf Körpereinsatz setzt, spielt das Ensemble dann doch recht beschwingt und pointiert, wobei vor allem der weibliche Teil glänzt: Jennifer Aniston als für ihren Beruf grandios untaugliche Psychotherapeutin ebenso wie Imogen Poots und Kathryn Hahn in ihren von Doppeldeutigkeiten durchwirkten Bühnenszenen.

She s Funny That Way 01

Broadway Therapy ist Peter Bogdanovichs erster Film seit The Cat’s Meow von 2001, einer zu Unrecht links liegen gelassenen, schwelgerisch-schönen Reminiszenz an die Stummfilmära, die hierzulande nicht mal im Kino lief. Nach bisher mauen Resonanzen in den USA ist es eher unwahrscheinlich, dass dem Nachfolger mehr Glück beschieden sein wird – auch wenn Bogdanovich, der zwar an seine New-Hollywood-Anfangserfolge nie wieder anknüpfen, aber dabei immer irgendwie einen leitsternhaften Nimbus wahren konnte, auch für diesen Film prominente Mitstreiter wie Noah Baumbach, Wes Anderson und Quentin Tarantino ins Boot geholt hat. So wird der Film voraussichtlich abgeschlagen im Windschatten von Birdman bleiben, dessen fast zeitgleicher filmischer Zugriff auf die Broadway-Theaterwelt in Gestus und Stil kaum unterschiedlicher sein könnte.

Holly und Cluny wohnen nebenan

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Wo bei Iñárritu die Bühne auf der Leinwand unter jedem Schritt welthaltig zittert, da bleiben bei Bogdanovich Bühne und Leinwand die ganze Welt. Zwar beginnt der Einleitungstext statt mit „Once upon a time“ mit „Not so long ago“, zwar werfen sich die Figuren in zeitgemäße Schalen und benutzen Laptops und Smartphones (es wird auch viel telefoniert), doch spielt She’s Funny That Way deshalb in keinem irgendwie ernst zu nehmenden Sinn in der Gegenwart. All die Schauplätze – die von Tischlampen illuminierten Hotelzimmer, das schnieke italienische Restaurant, selbst die Arbeiterwohnung von Izzys Eltern – sind weder anachronistisch noch zeitgemäß, sondern in einem reinen, über die Zeiten hin offenen Kino-Raum angesiedelt, wo Izzy gleichsam in direkter Nachbarschaft Holly Golightlys wohnt, wo ihr Arnold auf Freiersfüßen die gleichen Lebensweisheiten ins Ohr haucht wie Adam Belinski seiner Cluny Brown (1946) und wo der halbe stadtneurotische Bekanntenkreis in Woody-Allen-Manier seine Beziehungsticks zur Therapeutin trägt. Folgenlos, versteht sich.

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Ebenso folgenlos bleiben, wie gesagt, die Versuche der zynischen Journalistin, Izzys eskapistische Darstellung zu korrigieren, womit dem Film der schöne erzählerische Kniff gelingt, den märchenhaften Modus seiner Figur zuzuschlagen und eine mögliche Wirklichkeit zwar im Blick zu behalten, aber nonchalant schulterzuckend zu ignorieren. Nach dem Realitätssättigungsgrad von Izzys Escortservice-Alltag beispielsweise braucht man gar nicht erst zu fragen. Immerhin, wenn Arnold einmal zu dem erstaunlichen Selbstbefund „I’m sort of a feminist … that’s not the right word“ kommt, scheint der Film kurz auf das gelegentliche Stirnrunzeln seines zeitgenössischen Zuschauers zu reagieren, bevor er ihn mit der nächsten sitzenden Pointe zurück in seinen nostalgischen Kinotraum lockt.

Trailer zu „Broadway Therapy“


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