Sherlock Holmes
Sherlock Holmes ist nur das Label. Arthur Conan Doyles Ur-Detektiv muss sich durch einen konventionellen Actionfilm prügeln.
Sherlock Holmes gilt als Meister der logischen Schlussfolgerung. Der breite Erfolg seiner Geschichten trug maßgeblich dazu bei, analytisch-rationales Denken auch in der Prosaliteratur zu kultivieren. Rationalität kennzeichnet nicht nur die Ermittlungen des am Ende des 19. Jahrhunderts von Arthur Conan Doyle erdachten Detektivs sondern ist nicht weniger als das Schlüsselmerkmal der ganzen Figur. Ebenso bezeichnend sind allerdings auch genau die feinen Unebenheiten an der Oberfläche der mittlerweile selbst zum Stereotyp gewordenen Detektivfigur. Sherlock Holmes wandelt zwischen „Upper Class“ und Morphiumrausch, und doch ist er in keinem dieser beiden Kontexte richtig zu Hause. Die große Stärke von Doyles Figur ist, dass er sie nur rudimentär erklärt. So bleibt immer etwas Rätselhaftes an ihr. Sherlock Holmes wurde damit stilbildend und blieb gleichzeitig einmalig.
Das relativ konstante Interesse der Filmindustrie am Stoff der Doyle-Romane kann folglich kaum verwundern. Seit Arthur Marvins Sherlock Holmes Baffled (1900), beschäftigten sich etwa 30 Regisseure (darunter auch Billy Wilder und Steven Spielberg) gemeinsam mit gut 20 Holmes-Darstellern in mindestens 50 Produktionen mit dem kauzigen Detektiv. Besonders in den 40er Jahren, als Universal unter anderem beginnt, aus Doyles Stoffen Anti-Nazi-Filme zu stricken, gelangte ein Sherlock Holmes nach dem anderen in die Kinos.
Wer Doyles Romane oder ältere Verfilmungen kennt, wird das Kino nach Guy Ritchies Sherlock Holmes zumindest ein wenig irritiert verlassen. Auch der englische Regisseur verlässt sich zwar auf die einzigartige Ambivalenz der Figur, betont aber gleichzeitig einen Aspekt des Detektivs, der für gewöhnlich eine Fußnote bleibt: seine Körperlichkeit.
Bereits die erste Sequenz gibt den Takt des Films vor. Sherlock Holmes (Robert Downey Jr.) hetzt durch die Londoner Kanalisation. Ob er jagt oder gejagt wird ist zunächst unklar. Plötzlich friert das Bild ein und die Kamera zeigt, sich um eine starre Achse drehend, wie Holmes einem finster dreinblickenden Gesellen gegenübersteht. Er bereitet im Geiste eine Nahkampfeinlage vor und lässt uns aus dem Off daran teilhaben. Es ist die erste Kostprobe seines messerscharfen analytischen Verstandes. Dann zertrümmert der Meisterdetektiv seinem Gegner die Kniescheibe.
Guy Ritchies Sherlock Holmes ist kein reines Actionkino und doch ist diese Szene symptomatisch für einen Film, der seinem bekannten Protagonisten zwar unterm Strich nichts andichtet (Sherlock Holmes war schon immer leidenschaftlicher Boxer) und seine ursprünglichen Eigenschaften keinesfalls verleugnet, aber ihn dennoch zugleich zweckentfremdet.
London Ende des 20. Jahrhundert: Nachdem Sherlock Holmes mit seinem Partner Dr. John Watson (Jude Law) eine Serie grausamer Ritualmorde beendet hat, steht dem Täter, Lord Blackwood (Mark Strong), der Galgen bevor. Doch kurz nachdem Watson noch selbst den Tod des dunklen Aristokraten festgestellt hat, scheint Blackwood von den Toten auferstanden und versetzt ganz London mit weiteren Morden in nackte Panik. Erschwerend kommt hinzu, dass Holmes ein ernsthaftes Interesse an der amerikanischen Trickdiebin Irene Adler (Rachel McAdams) entwickelt. Doch die spielt ein doppeltes Spiel.
Es sind gleich zwei Liebesgeschichten, die viel Raum der Erzählung beanspruchen. Während Watsons Werben um die schlagfertige Mary Morstan (Kelly Reilly) eher konservativ verläuft, kommt es schon mal vor, dass Irene Adler den ihr zu Füßen liegenden Holmes narkotisiert und dann nur mit einem Kissen bekleidet an ein Hotelbett kettet. Robert Downey Jr. bekommt so die Gelegenheit, seinen Körper zu präsentieren und Sherlock Holmes kann die hübsche Amerikanerin in konventionell inszenierten Actionsequenzen gleich mehrmals vor Lord Blackwood beschützen.
Ebendieser Lord Blackwood ist von Guy Ritchie übrigens als Zitat der amerikanischen Anti-Nazi-Holmes-Adaptionen der 30er und 40er Jahre (Sherlock Holmes and the Voice of Terror, 1942; Sherlock Holmes and the Secret Weapon, 1943) angelegt. Mit schwarzem Ledermantel und Hitlerfrisur will er die Macht an sich reißen, indem er Angst und Schrecken verbreitet. Dass er am Ende das gesamte britische Parlament mit Giftgas ermorden will, erhält in diesem Zusammenhang einen äußerst merkwürdigen Beigeschmack.
Die jüngste Sherlock-Holmes-Adaption an Arthur Conan Doyles Romanen zu messen oder ihn mit früheren Verfilmungen zu vergleichen würde Guy Ritchies Film nicht gerecht, denn er hat schlichtweg etwas ganz anderes im Sinn. Auf Sherlock Holmes’ Oberfläche prangt zwar das Label „Sherlock Holmes“, aber Ritchie (Bube, Dame, König, grAs, 1998; Snatch – Schweine und Diamanten, 2000) verortet sich seit RocknRolla ohnehin wieder eher im Actionkino als im Kriminalfilm. Dass er aus Sherlock Holmes, dem Krimistoff par excellence, eine in jeder Szene konventionellen Actionkomödie macht, ist bezeichnend.
Kritik von Felix Frieler
Veröffentlicht am 27.01.2010
Kommentare zu Sherlock Holmes
Es gibt bisher noch keine Kommentare.
Hinterlassen Sie hier Ihre Meinung oder Anmerkungen zu Sherlock Holmes. Kommentare werden in der Regel innerhalb eines Tages freigeschaltet.
Kommentar zu Sherlock Holmes schreiben
Film-Angaben
Titel: Sherlock Holmes
Großbritannien, Australien, USA 2009
Laufzeit: 128 Minuten
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Regie: Guy Ritchie
Drehbuch: Michael Robert Johnson, Anthony Peckham, Simon Kinberg, Lionel Wigram
Produktion: Joel Silver, Lionel Wigram, Susan Downey, Dan Lin
Bildgestaltung: Philippe Rousselot
Montage: James Herbert
Musik: Hans Zimmer
Darsteller: Robert Downey Jr., Jude Law, Rachel McAdams, Mark Strong, Eddie Marsan, Robert Maillet, Geraldine James
Kinostart: 28.01.2010
DVD-Angaben
Titel: Sherlock Holmes
Vertrieb: Warner Home Video
Bild: 1,78:1
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1), Englisch (DD 5.1), Spanisch (DD 5.1)
Untertitel: Deutsch, Deutsch für Hörgeschädigte, Spanisch, Niederländisch, Arabisch
Altersfreigabe: ab 12 Jahren
Spieldauer: 128
Extras: Featurette; Special Edition:Dokumentationen; Featurette; Making Of
Verleih ab: 28.05.2010
Verkauf ab: 28.05.2010
Copyright Sherlock Holmes
Fotos : © Warner Bros.
Tatort – Schwarzes Wochenende
Der beste Tatort aller Zeiten!
Mi 08.09., 23:00 Uhr, WDR weiter
Agnès Varda: Filmfotomontage
„In meinem Kopf existieren Film und Fotografie nebeneinander als Paar, als verfeindete Geschwister ... nach dem Inzest.“ Textfragmente von Agnès Varda. weiter
Neu im Kino
09.09.2010
Zarte Parasiten
R: Christian Becker, Oliver Schwabe
Black Death
R: Christopher Smith
Rammbock
R: Marvin Kren
Rückkehr ans Meer
R: François Ozon
Humpday
R: Lynn Shelton
Bal
R: Semih Kaplanoğlu
Verlobung auf Umwegen
R: Anand Tucker
02.09.2010
The Happiest Girl in the World
R: Radu Jude
Zwischen uns das Paradies
R: Jasmila Žbanic
Männertrip
R: Nicholas Stoller
Duell der Magier
R: Jon Turteltaub
Demnächst im Kino
The American
R: Anton Corbijn
Mammuth
R: Benoît Delépine, Gustave de Kervern
Ponyo - Das große Abenteuer am Meer
R: Hayao Miyazaki
Jud Süß - Film ohne Gewissen
R: Oskar Roehler
Eat Pray Love
R: Ryan Murphy
Fish Tank
R: Andrea Arnold
Wall Street: Geld schläft nicht
R: Oliver Stone
Shahada
R: Burhan Qurbani
Adèle und das Geheimnis des Pharaos
R: Luc Besson
Uncle Boonmee Who Can Recall His Past Lives
R: Apichatpong Weerasethakul
Veronika beschließt zu sterben
R: Emily Young
Der letzte Exorzismus
R: Daniel Stamm
Orly
R: Angela Schanelec
Im Schatten
R: Thomas Arslan
Lebanon
R: Samuel Maoz
Ich bin die Liebe
R: Luca Guadagnino
Im Oktober werden Wunder wahr
R: Daniel Vega, Diego Vega
Ondine - Das Mädchen aus dem Meer
R: Neil Jordan
Buried - Lebend begraben
R: Rodrigo Cortés
Plug & Pray
R: Jens Schanze
The Kids Are All Right
R: Lisa Cholodenko
Fair Game
R: Doug Liman
Of Gods and Men
R: Xavier Beauvois
Another Year
R: Mike Leigh
Brothers
R: Jim Sheridan
Eine Familie
R: Pernille Bech Christensen
Biutiful
R: Alejandro González Iñárritu
Neu auf DVD
Friendship!
R: Markus Goller
Iron Man 2
R: Jon Favreau
Precious - Das Leben ist kostbar
R: Lee Daniels
Aktuell im TV
Ich habe keine Angst
Fr 10.09, 23:15 Uhr, WDR
Brokeback Mountain
Sa 11.09, 23:45 Uhr, RBB
Der Teufel mit der weißen Weste
Mo 13.09, 20:15 Uhr, Arte
Eine Frau ist eine Frau
Mo 13.09, 23:30 Uhr, HR
Infernal Affairs
Do 16.09, 20:15 Uhr, Arte
















