She, a Chinese

Warum das Porträt eines chinesischen Teenagers beim vergangenen Filmfestival von Locarno den Hauptpreis gewann, erscheint beinah so rätselhaft wie die Protagonistin des Debütfilms.

She, a Chinese

Mei (Lu Huang) stellt sich das Leben als Musikvideo vor. In der Exposition malt sich die junge Chinesin aus, wie sie darin einen Strand entlang geht und aufs Meer blickt. Die letzte Szene greift die erste noch einmal auf. Die Aufnahmen von Meis Gesicht sind identisch, aber was man darin zu lesen glaubt, variiert. Wegen der verschiedenen Soundtracks, die den Bildern unterschiedliche Stimmungen verleihen, und mit dem Wissen, was die Protagonistin im Handlungsverlauf erlebt hat. Wie aus ihrer schönen Traumwelt nüchterne Realität geworden ist.

Meis ausdrucksarmes Gesicht ist die meiste Zeit Projektionsfläche. Es offenbart nur wenige und oft gar keine Gefühlsregungen. Mei spricht kaum, ist meistens gelangweilt und mit einem iPod unterwegs, blättert in Modemagazinen oder lackiert sich lieber die Zehennägel, als ihrer Mutter bei der Arbeit zu helfen. Die will ihre faule Tochter mit einem soliden Mann mit großer Brille verheiraten, was das trotzige Mädchen, nachdem es von einem Lastwagenfahrer vergewaltigt wurde, endgültig aus der Provinz in die Großstadt flüchten lässt.

She, a Chinese

Meis Arbeitseifer wächst hier allerdings nicht, sodass sie ihre Anstellung als Näherin schnell wieder verliert und in einem „Love Salon“ landet, wo sie sich in den Kleinmafioso Spikey (Wei Yi Bo) verliebt (Meis offensichtlichste Eigenschaft ist ihr fragwürdiger Männergeschmack). Spikey lässt sich gerne von Mei schlagen, will sie nach dem Sex bezahlen und meint, dass Frauen schließlich nur lächeln müssten, um Geld zu verdienen. Der Macho mit den vielen Narben ist eine der fast durchweg unsympathisch und chauvinistisch angelegten Männerfiguren des Films, die die junge Asiatin vorwiegend als Kind oder (Sex-)Objekt behandeln.

Als Spikey getötet wird, reist Mei mit seinem Geld nach London, wo sie einen verwitweten Rentner (Geoffrey Hutchings) für eine Aufenthaltsgenehmigung heiratet, der erst väterlich agiert und später seine Hände doch nicht über der Bettdecke lassen kann. Sie schlägt sich mit Aushilfsjobs durch, als verkleideter Werbe-Panda für ein Chinarestaurant oder als nacktes Anatomiemodel für Medizinstudenten, die sie dabei lüstern oder abfällig mustern. Und erneut verguckt sie sich in den Falschen: einen bigotten Inder (Chris Ryman), der kein Schweinefleisch isst, aber Stehlen mit seiner Religion vereinbaren kann, Mei zur Begrüßung einen Bonbon schenkt und ihr später Zöpfe machen möchte, damit sie aussieht wie die „oriental girls“ seiner „Love DVDs“.   

She, a Chinese

Es ist eine größtenteils trübsinnige, vereinzelt komische, insgesamt etwas eintönige Coming-of-Age-Odyssee, die Autorin und Regisseurin Xiaolu Guo in ihrem Spielfilmdebüt entwirft. Die aus China stammende und in England lebende Guo hat bislang einige Kurzfilme und Dokumentation gedreht und sich ansonsten mit Pop-Romanen einen Namen gemacht, in denen sie wie in She, a Chinese auch die eigene Autobiografie verarbeitete. Ihre verschlossene Hauptfigur soll laut der Regisseurin die jüngste Generation Chinas in Zeiten der Globalisierung repräsentieren. Die Definition dieser Rolle bleibt jedoch vage. Die Konzentration auf Meis private Pleiten macht den Film eher zu einem Beziehungs- denn zu einem Sozialdrama.

Guo inszeniert ihre Protagonistin mehrfach in Musikclip-Manier. Dann übertönen die Songs die Bilder und das mitunter recht aufdringlich. Emotionale Momente verstärkt die Regisseurin unnötigerweise noch mit Zeitlupen. Eine schwangere und verlassene Mei muss an einem Graffiti mit dem Slogan „Save the Youth“ vorbeimarschieren. Ähnlich unsubtil wird die episodenhafte Erzählung regelmäßig von Zwischentiteln zusammengefasst, ironisch oder lakonisch kommentiert.

She, a Chinese

Trotz einiger plumper Stilmittel, der wenig originellen Ästhetik und den Schwächen des Drehbuchs vermag She, a Chinese zu fesseln. Meis Abfolge persönlicher und beruflicher Abhängigkeiten und Ausbeutungen wirkt auf Dauer zwar zu eindimensional und lässt die Geschichte schließlich auf der Stelle treten, ihre wortkarge Undurchsichtigkeit und stoische Stehaufmännchenmentalität machen sie aber zu einem eigenwilligen und spannenden Charakter, der im Gegensatz zu manchen Nebenfiguren keinen nationalen oder religiösen Stereotyp darstellt.

In der Schlussszene am Strand meint man, in Meis außergewöhnlich animiert erscheinendem Gesicht Unabhängigkeit und Einsamkeit, Traurigkeit und Entschlossenheit, Weichheit und Stärke zu erkennen. Vielleicht ist das aber vor allem eine Projektion. Oder ein Resultat der wieder zu aufdringlichen Musikbegleitung.

Trailer zu „She, a Chinese“


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