Shame

Eine Träne im richtigen Augenblick auf Michael Fassbenders Gesicht. Apathie und Shame.

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Regungslos liegt Fassbender in der ersten Szene auf dem Bett, ein seidenes Laken bedeckt ihn nur halb, kaltes Licht scheint auf seinen nackten Oberkörper. Und dann doch: ein Wimpernschlag. Brandon lebt. Steve McQueen inszeniert das Sichtbare und bohrt sich hinein, hinein in die Welt von Brandon, ein New York als Hafenstadt, ein Amerika als Land der vorgeblichen Freiheiten. Er bohrt sich durch, ohne die Oberfläche je dafür verlassen zu müssen. Alles liegt dort, ausgebreitet, ohne Erklärung. Brandon lebt und bebt. Bebt in sich hinein bis zum nächsten Ausbruch, im Subway, im Büro, in der Gasse. Seine Obsession ist der Fick, der ohne Gefühl, der gegen Bezahlung, mit Fremden, mit sich selbst, per Webcam. Shame ist ein Film über einen krankhaften Fetisch. Und als Film der Erscheinungen, der glänzenden Flächen, der Fensterfronten, der perfekten Arrangements, zeigt er uns den Akt, die Masturbation, die Hure, das Pornoheft, den Penis. Bis auf letzteres alles im Plural. Aber McQueen ist ein Künstler der Konzentration und der Evokation.

Shame 4

Shame ist genauso explizit wie implizit. Er legt offen, zeigt. Er ist zu jedem Zeitpunkt gegenwärtig: fast jede Szene eine Momentaufnahme, eine Emotion oder ihre Abwesenheit, ein Empfinden, eine Stimmung. Das Verstehen ist hier immer erst eine Konsequenz des Wahrnehmens. Brandons Alltag, Routinen, Arbeit, und die Flucht. Die Flucht ins innere Exil, die Flucht aufs Klo für die Onanie im Büro, die Flucht vor der Schwester, die ihre existenzielle Krise teilen will. Und wie Brandon sich dem psychologischen Zugriff entzieht, so prägt den Film mehr als alles andere das Ausschnitthafte, das Fragment. Es ist nicht mysteriös, sondern radikal genau. Wir sehen einen Rücken und wissen. Wir entdecken ein Lächeln und verstehen. Wir hören Atemzüge und begreifen. Ein Schatten und wir erinnern. Und schon sind wir wieder bei Michael Fassbender. Von seiner Physis, seinem durchgehenden Kraftakt, von einem verzweifelten Blick und einer Träne lebt Shame. Dazwischen und darin eine ganze Welt des Schmerzes.

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Der richtige Augenblick, das ist eine Frage des Kontextes, im Film schafft den der Schnitt. Die eine einsame Träne auf Fassbenders Gesicht ist ein Echo – der Gegenschuss – einer langen, schlichten, beeindruckenden Großaufnahme von Carey Mulligan, die den Part der Schwester übernimmt, eine begnadete Sängerin. Bei einem Auftritt in einem noblen Club singt sie die wohl bluesigste, traurigste Interpretation von „New York, New York“ jemals. Auch Mulligan ist ein Glück für Shame, der durch ihre zerbrechliche, impulsive, vergeblich nach Anschluss suchende Sissy erst das Gleichgewicht zwischen Leere und Fülle findet. Was emotional zu verstehen ist, gilt auch bildlich: Steve McQueen nutzt die Gegensätze der amerikanischen Metropole, begibt sich wiederholt in den menschenbepackten Untergrund, in Bars und die Arbeitswelt, um dann die ausdrucksstärksten Bilder in sterilen (Hotel-)Zimmern und am Hafen zu finden.

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Der britische Künstler McQueen, der nicht nur mit Shame im Wettbewerb von Venedig zu sehen ist, sondern bereits mit einer Videoarbeit bei der Kunstbiennale vertreten war, legt nach seinem überwältigenden Spielfilmdebüt Hunger (2008) nun erst seinen zweiten Kinofilm vor. Der ist zwar formal weniger streng angelegt, birst aber wieder an vielen Stellen vor millimetergenau durchkomponierten Bildern und trifft erneut ins Herz menschlicher Fragen nach Körper und Freiheit in unserer Gesellschaft. Der Film begleitet einen weiter, auch nach dem Schluss. Die existenzielle Scham überträgt sich auf den Zuschauer, aber nicht als Ergebnis, sondern als Prozess mit offenem Ende: „We’re not bad people. We just come from a bad place.“

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Kommentare


Stefan Jung

Ganz genau: Ein Film der unablässig weiterbegleitet, wenn man ihn einmal gesehen hat. New York als Schauplatz menschlicher Isolation und Entfremdung ist wirklich atemberaubend inszeniert. McQueen ist ein wahrhaftiger Künstler, auch das sagst du so richtig. Genau aus dem Grund, polarisiert der Film so stark, viele können dann doch mit den intensiven Bildern der Verzweiflung und Extase leider wenig anfangen. Es ist wirklich eine Schande, dass der Film - genau wie HUNGER - fast schon wieder unterzugehen droht. Für mich persönlich ist es der beste Film seit langem! Fantastisch gespielt und inszeniert!


Martin Peters

Ein grausamer Film ... was will der Autor uns damit nur sagen? Kaputte Typen gibt es, das weiß man. Ein Film ohne Erklärung ... ohne Botschaft ... ohne Perspektive ... einzelne Szenen unendlich in die Länge gezogen. Brandon macht alles mit sich selbst aus. Ausser daß er ständig schlecht drauf und verzweifelt ist, lernt man nichts über ihn.


murkelaki

Stimmt doch gar nich! Die Geschwister sind offensichtlich geschädigt durch ihre Herkunft/Kindheit (siehe oben: We came from a bad place) und es ist doch mal wirklich was neues, dass eben nicht haarklein erklärt wird, was da jetzt genau passiert ist. Das macht es nicht minder anrührend, im Gegenteil. Meine Güte, hat man in letzter Zeit irgendwas traurigeres gesehen, als diesen Typen der sich nach jedem Ansatz von emotionaler Nähe erst mal - im wahrsten Sinne des Wortes - die Seele aus dem Leib vögeln muss?? Großes Kino, keine Frage.


guillaume

so einen puritanischen Film.
„We’re not bad people. We just come from a bad place.“
An der punkt habe ich mich fast übergeben wahrend ich onanierte...
Dann doch nicht gemacht. Ich komme aus einem guten Ort...


Frédéric

@guillaume
Ich habe diesen Vorwurf schon mehrfach gehört, allerdings ist mir der nicht ganz eingängig. Was ist an dem Film für Dich puritanisch? Die Vorstellung von Sexsucht als Krankheit? Ich begreife übrigens "bad place" nicht als eine soziogeographische (und damit vielleicht verurteilende) sondern als eine zeitliche Markierung.


carsten

Ich klinke mich einfach mal ein: Puritanisch könnte man bezeichnen, dass der negative Zustand des Protagonisten mit Bildern von Prostituierten und einem infernalischen Schwulenclub verknüpft werden. Oder dass Pornos als schmutzig und nichts andres dargestellt werden. Oder das ausgerechnet ein Ehering in Großaufnahme eine sich möglicherweise anbahnende Veränderung Brandons illustriert. Und inwiefern das ganze tatsächlich was mit Sexsucht zutun hat oder nicht doch nur zur Bebilderung einer recht platten Gesellschaftskritik dient, sei mal dahingestellt...


Frédéric

Danke für die Ausführungen, Carsten. Ich verstehe den Film nicht als Gesellschaftskritik, weil er nicht verallgemeinert. Das Leid ist ein persönliches. Was wir da sehen ist ein Zugang zu New York, aber nicht New York an sich. Interessant, was Du zum Schwulenclub und zu der Porno-Darstellung schreibst. Ich hatte beides nicht als wertend wahrgenommen, sein Leiden als losgekoppelt von dem Symptom Porno-Konsum. Wenn er die Müllsäcke voll Heftchen füllt, geht es ihm keinen Deut besser. Wo ich Dir vielleicht besser folgen kann ist in der Frage der Symbolik. Ja, "Shame" ist in der Hinsicht explizit, deutlich - überdeutlich? Mich hat es fasziniert, dass es McQueen gelingt, evokativ und zugleich ausstellend zu sein.


carsten

Ich selber bin kein großer Freund von Film als Gesellschaftskritik, weil der Gesellschaftsbegriff dabei oft sehr vage bleibt und ich bin mir auch nicht sicher ob Kino erfolgreich als Gesellschaftskritik funktionieren kann oder muss. Fakt ist aber, dass der Film von vielen Rezensenten als solche gelesen wurde und der Regisseur mit seinen Aussagen von den Freiheiten der modernen westlichen Gesellschaft und dem sexuellen Gefängnis eine solche Lesart auch nahe legt. Ich habe im Film schon Wertungen wahrgenommen, der Soundtrack war mit seiner Emotionalisierung ja nicht gerade zurückhaltend... Naja auf jeden Fall ein Film über den man streiten kann, aber nicht in diesem kleinen Kommentarkästchen ;)


Frédéric

Fair enough. Auf Intentionserklärungen von Filmemachern setze ich grundsätzlich nicht viel. Ich würde "Shame" übrigens eher als emphatisch distanziert (statt als wertend) beschreiben, gerade der Soundtrack spielt da eine wichtige Rolle, das stimmt. Er schlägt sich auch eher auf die emphatische Seite, was vielleicht diejenigen stört, die ihn als Gesellschaftskritik sehen (wollen).






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