Sexy Durga

Wroclaw Film Festival: Der indische Regisseur Sanal Kumar Sasidharan schnallt seinen Kameramann aufs Dach eines Kleinbusses – und macht aus der Geschichte eines aus der Provinz fliehenden Paares einen der beklemmendsten Filme des Jahres.

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Durga und Kabeer haben ein Problem: Sie lieben einander. In ihrem Dorf im indischen Bundesstaat Kerala sind aber arrangierte Ehen an der Tagesordnung. Also beschließen sie, bei Nacht zu verschwinden, während die Dorfbewohner mit einem rituellen Fest beschäftigt sind, bei dem sich junge Männer Haken durch ihre Haut stechen lassen, auf dass ein Kran sie daran in die Luft ziehe und sie wahlweise ihre hypermaskuline Schmerztoleranz oder die Intensität ihres Glaubens demonstrieren können. Diese unsimulierten Bilder von penetrierter Rückenhaut und an Haken baumelnden Körpern stammen übrigens aus dem angenehmeren Teil von Sexy Durga, dem diesjährigen Gewinnerfilm des Festivals von Rotterdam.

Nice piece of ass

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Über den Rest der Laufzeit begleiten wir Durga (Rajshri Deshpande) und Kabeer (Kannan Nayar) bei ihrem Fluchtversuch. Der beginnt an einer Straßenecke, wo sie sich heimlich treffen. Busse fahren zu dieser Zeit nicht mehr, der nächste Bahnhof ist meilenweit entfernt, und die beiden müssen schnell weg, ehe sie jemand aus dem Dorf entdeckt. Politisch mag in Indien Bewegungsfreiheit bestehen, aber die soziale Kontrolle – selbst durch Wildfremde – ist enorm, wie der Film zeigen wird. Durga und Kabeer probieren es also per Anhalter. Tatsächlich lassen zwei Männer das Paar in ihren Kleinbus steigen. „Nice piece of ass“ ist einer ihrer ersten Kommentare. Im Folgenden bedrängen sie das Paar mit neugierigen Fragen und anzüglichen Witzen.

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Als es den Liebenden zu viel wird und sie aussteigen wollen, weigert sich der Fahrer anzuhalten. Von da an sind die beiden mit zwei fremden, aggressiven Männern eingesperrt, nachts in einem ziemlich verlassenen Landstrich. Zwar gelingt es Durga und Kabeer später, das Fahrzeug zu verlassen, allerdings werden sie trotz ihrer offensichtlichen Angst mehrfach wieder einsteigen, weil die Alternative nicht weniger bedrückend ist: Kaum jemand in dieser Gegend ist bereit, nachts Anhalter mitzunehmen, also müssten die zwei zu Fuß durch die Dunkelheit – in einer Region, in der die Mordrate hoch ist, überall selbsternannte Sittenwächter und Kriminelle lauern, ganz zu schweigen von den Polizisten, denen es offensichtlich eine große Freude ist, ihre Machtposition zu missbrauchen und Menschen grundlos zu drangsalieren.

Gewalt hängt in der Luft

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In nur 85 Minuten gelingt es Regisseur Sanal Kumar Sasidhara, jene Stimmung heraufzubeschwören, die in Indien zuletzt immer wieder zu brutalen Vergewaltigungen geführt hat. In der toxischen Mischung aus sehr konservativen Moralvorstellungen, einer erstaunlich strikten Geschlechtertrennung und Permissivität gegenüber männlichen Aggressionen braut sich eine Atmosphäre der permanenten Bedrohung zusammen. Ohne Unterbrechung dräut die Gewalt über dem Film; jeden Moment scheint es, als könnte die Situation eskalieren; stets ist unklar, ob hinter den Äußerungen der fremden Männer „nur“ dumme Witze stecken oder doch böse Absichten.

Von Gaspar Noés Irréversible (2003) abgesehen, schafft es vielleicht kaum ein Film so präzise wie Sexy Durga, männlichen Zuschauern zu vermitteln, wie es sich für Frauen vielerorts anfühlen mag, einen dunklen Waldweg oder eine einsame Bahnunterführung zu durchschreiten und dabei von der Angst vor sexueller Gewalt umfangen zu sein.

Mit den Werken Noés hat der indische Film noch etwas gemeinsam: einen extrem dynamischen Kameraeinsatz. Während Durga und Kabeer im Wagen gefangen sind, gleitet die Kamera bei hoher Fahrtgeschwindigkeit elegant aus dem Inneren heraus, um den Kleinbus herum oder auf das Dach, wo Kameramann Prathap Joseph während der Dreharbeiten festgeschnallt in Position lag. Die Freiheit ist spürbar nah und für die Protagonisten doch unerreichbar.

Mehr Horror als im Horrorgenre

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Sexy Durga ist in so ziemlich jeder Minute ein zutiefst unangenehmes Erlebnis. Anders als viele genuine Horrorfilme arbeitet er nicht mit simplen Schockeffekten, sondern mit einer verstörend realistischen Repräsentation körperlicher Bedrohung, die einen unruhig im Kinosessel hin und her rutschen lässt. Die Beklemmungen der Protagonisten übertragen sich auf den Zuschauer. Regisseur Sasidhara hält diese pausenlose Anspannung aufrecht, indem er den scheinbar unausweichlichen Gewaltausbruch immer weiter herauszögert. Während der finale Akt im Horrorgenre sich oft wie ein Ende mit Schrecken anfühlt, gleicht dieser Film einem Schrecken ohne Ende. Er balanciert dabei so geschickt auf dem Grat zwischen Exploitation und Sozialkritik wie Brillante Mendozas ähnlich düsterer Kinatay oder die Filme von Khavn De La Cruz, an deren stilistische Extravaganzen Sexy Durga sich vor allem im letzten Drittel annähert.

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