Sex & Drugs & Rock & Roll

Sie kommen wieder. Einer nach dem anderen. Und so erlebt nun auch der britische Rockmusiker Ian Dury seine mediale Wiederauferstehung in einer Reihe immergleicher filmischer Phantome.

Sex & Drugs & Rock & Roll

Legenden leben ewig, sagt man. Und da Film oft als magisches Medium bezeichnet wird, erweist er sich als recht zuträglich, verblichene Musikikonen im populärkulturellen Gedächtnis zu verankern. Der Kinosaal wird zur mystischen Kultstätte, in der zelluloidgewordene Ehrerweisungen stattfinden. Die letzten Jahre zeigten dies des Öfteren und sowohl Ray Charles (Ray, 2004), als auch Johnny Cash (Walk the line, 2005) oder Ian Curtis (Control, 2007) erlebten Reinterpretationen ihrer Körper.
Regisseur Mat Whitecross hat es sich zur Aufgabe gemacht, dem exzentrischen Rocker Ian Dury cineastisch neues Leben einzuhauchen und skizziert das Porträt eines musikalischen Sonderlings, der in den 80er Jahren ein Stück Musikgeschichte schrieb. Inwieweit Ausnahmerocker aber mit Ausnahmefilm einhergeht, zeigt sich in Sex & Drugs & Rock & Roll bald recht deutlich.

Ein Mann tritt aus der Dunkelheit auf die Bühne. Mit einem Mal verwandelt sich der baufällige Saal in ein Meer aus grellen Lichtern und schroffen Tönen. Hunderte von Armen schnellen in die Höhe und zelebrieren die groteske Gestalt hinter dem Mikrofon. Die schnellen Schnitte fügen sich dem Rhythmus der Instrumente, bunte Animationen schieben sich zwischen die Filmbilder.

Sex & Drugs & Rock & Roll

Die schrille Exposition vermag wahrlich mitzureißen, sie intendiert eine vielversprechende ästhetische Eigenart, an der festgehalten wird. Eine Szene zeigt Dury am Pool, langsam fällt sein Körper ins Wasser, was jedoch in eine furiose Unterwasserperformance samt Band umschlägt. Eben diese musikalischen Darbietungen sind es, in denen der videoclipartige Stil zum Tragen kommt. Die Auftritte werden fragmentarisch in die Erzählung eingebettet, sie tauchen als Klammern im eigentlichen Plot auf. In diesen Momenten zeigt der Film seine Magie und sein Vermögen, eine zauberhafte Kultstätte zu sein. Die Außerkraftsetzung des Rationalen folgt somit nicht nur einer bestimmten Stilistik. Genau in diesen Momenten vollzieht sich die Mystifizierung der Figur und Person Ian Dury. Die logischen Brüche haften sich an den Protagonisten und verleihen ihm seinen Sonderstatus bar jeglicher Normalität.

Dennoch schafft es die Figur nicht, diesen Status aufrecht zu erhalten, da ihr permanent etwas anhaftet: ein standardisierter Kanon der Konflikte.

Sex & Drugs & Rock & Roll

Biopics als eigenständiges Genre zu erachten ist sicher nicht falsch. Dass man sich jedoch auf die gängigsten Hollywoodkonventionen stützt, ist ärgerlich. Während Gus van Sant in seiner unnachahmlichen Cobain-Studie (Last Days, 2005) völlig auf Handlung verzichtet und sich der Eigenart der Figur widmet, muss Dury ein festes Repertoire durchlaufen. Sex & Drugs & Rock & Roll bedient sich ganz unverfroren der Klischee-Kiste, die sich wohl für noch so interessante und vielschichtige Figuren als erstrebenswert erweist: Ehe und Affären, Söhne, die es zu erziehen und Traumata, die es zu bewältigen gilt. Unvorteilhaft ist vor allem, dass die verschiedenen Auseinandersetzungen abwechselnd in den Vordergrund rücken. Nach einigen Sequenzen, die den schmerzhaften Erinnerungen aus der Kindheit gewidmet werden, rückt plötzlich wieder die Ex-Frau ins Geschehen, der lange keine Aufmerksamkeit geschenkt, geschweige denn ein Filmbild gewidmet wurde. Nach und nach konstituiert sich so ein mühevolles Abarbeiten der narrativen Elemente.

Sex & Drugs & Rock & Roll

Dabei hätte beispielsweise die Konzentration auf den Kampf mit der körperlichen Behinderung dem Film sehr dienlich sein können. Stattdessen wird er durch einen ganzen Schwulst an Problematiken seiner Originalität beraubt und Whitecross führt dem Zuschauer exakt das vor Augen, was von seinen amerikanischen Kollegen schon zur Genüge durchexerziert worden ist. Heraus kommt dabei eine tragikomische Motiv-Mixtur, die nicht mehr anzubieten hat als solide Unterhaltung. Schade um die verschrobene Figur des Ian Dury, dessen Neugier erweckender Charakter ein paar erzählerische Innovationen verdient hätte.

Für eine kurze Zeit haben wir ihn wieder gesehen, den rockigen Eigenbrötler, doch auch er ist einer von vielen in einer ganzen Reihe schablonenartiger Wiederbelebungsversuche. Durch das Beharren auf ein dramaturgisches Regelwerk wird der Künstler austauschbar und das macht es leicht für den Zuschauer, ihn wieder zu vergessen. Es gibt eben doch nichts, was für die Ewigkeit gemacht ist.

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