Session 9

The Machinist ist der bislang einzige von sechs Spielfilmen des Regisseurs Brad Anderson, der in deutschen Kinos startet. Seine Filme liefen bislang auch in den USA nur in ausgewählten Kinos, wurden zwar ebenso außerhalb der amerikanischen Grenzen auf etlichen Festivals vorgestellt, schafften es aber kaum auf reguläre Kinopläne. Mit seinem vorletzten Film, Session 9 (2001) lieferte Anderson bereits einen stilsicheren Schocker, der als Wegbereiter zu The Machinist zu verstehen ist. Bei critic.de können Sie exklusiv auch die Kritik zu Session 9 lesen.

Die Grenze zwischen Horrorthrillern und Psychothrillern ist fließend, der Begriff des phantastischen Films wird zudem gleichsam inflationär wie irritierend verwendet. „Postmodern“ und „Neo Noir“ ist in der Filmkritik mittlerweile ohnehin fast alles. Seit den Erfolgen des Regisseurs M. Night Shyamalan und der TV-Serie The X Files ist das immer schwammiger werdende Horrorgenre offiziell auch noch um die Mystery Movies erweitert. Auf der einen Seite ist es schwer, in so populären und transformierenden Genres Individualität zu bewahren, auf der anderen bieten gerade diese aufgeweichten Grenzen der benachbarten Genres Regisseuren die Möglichkeit ästhetisch visionäre und narratologisch komplexe Geschichten zu erzählen. Brad Anderson hat diese Chance entdeckt und für sich genutzt, wie sein derzeit in den deutschen Kinos anlaufendes Meisterwerk The Machinist eindrucksvoll unter Beweis stellt. Schon der im Jahr 2001 entstandene Session 9 zeugt vom Talent und der Virtuosität dieses jungen Regisseurs, der zwischenzeitlich jeweils eine Folge der amerikanischen Erfolgsserien The Shield (Folge Inferno) und The Wire (Folge The Cost) inszenierte.

Das „Cabin Fever“, also - frei übersetzt – der Lagerkoller, ein klassisches Horrormotiv, steht für die einsetzenden gruppendynamischen Prozesse, wenn Menschen in Extremsituationen, oft abgeschieden, aufeinander angewiesen sind. Die „Haunted Mansion“ ist ein weiteres klassisches Motiv sowohl der Gothic Novels als auch der, oftmals auf diesen basierenden, Grusel- oder Horrorfilme. Brad Anderson vereint diese beiden Elemente zur Ausgangsbasis seines Seelentrips. Fünf Männer sollen innerhalb von nur einer Woche ein unter Denkmalschutz stehendes ehemaliges Hospital für mental Geschädigte sterilisieren. Schon bald befördert das Gothic House in jedem von ihnen die problematischsten Charaktereigenschaften hervor und es ist nur eine Frage der Zeit, bis sich die negative Energie in körperlichen Repressionen oder Repressalien niederschlägt.

Erstaunlich sind bei der Umsetzung dieses schlichten Plots drei Faktoren: Erst einmal überrascht der völlige Verzicht auf gängige technische Trickmittel des Genres. Der Film erzielt seine schockierenden Momente nicht aufgrund von Soundeffekten, computeranimierten Bildern oder einer entfesselten Kamera. Die mittlerweile gängigen Anlehnungen an Splatter- und Goremovies sind hier verschwindend gering. Wenn denn einmal ein Körper in Mitleidenschaft gezogen wird, zeigt Anderson dies nur als Resultat – die eigentliche Tat wird immer unterschnitten. Damit unterläuft er gängige Regeln des Genres wie der Suspensetechnik und kehrt sie um: nicht der Affekt ist entscheidend, sondern sein Effekt. Session 9 ist kein Film darüber, was Menschen sich antun können, sondern darüber, was menschliche Taten auslösen.

Was weiterhin verwundert und zudem begeistert ist die Visualisierung des filmischen Raumes. Mit erstaunlichem Selbstbewusstsein, frei von Hybris, stellt sich Anderson in die Tradition eines der ganz großen stilbildenden Vorbilder, Stanley Kubricks The Shining (1979): Das herrschaftlich imposante Gebäude determiniert seine Bewohner, es transportiert den Geist und Ungeist der Vergangenheit. Virtuos gelingt es Anderson in der Exposition, die entscheidenden Räume des Films in ihrer Anordnung als dramaturgisches Spielbrett einzuführen. Nicht nur das Horrorhaus und seine Innenräume selbst, sondern auch ein Auto, dessen Pendant als weiterer abgeschlossener Raum, das schon zu Beginn als Fremdkörper in der Idylle fungiert und in der Folge als Konflikthandlungsraum funktioniert, steht hier im Mittelpunkt. Ein Jahr nach Session 9 war es David Fincher in Panic Room ähnlich gelungen, ein Gebäude derart geschickt und scheinbar beiläufig als Haupthandlungsort der dramaturgischen Versuchsanordnung zu inszenieren. Im Gegenteil zu Finchers technisch perfektem, jedoch unterkühlten und zu kalkuliertem wie kalkulierendem Erfolgsfilm, entwickelt Session 9 eine Sogwirkung, wie sie nur selten im Kino zu erleben ist. Diese Tatsache ist der dritte Grund, warum der mit einer hochauflösenden Digitalkamera gedrehte Session 9 mit seinen spartanischen Mitteln so zu überzeugen vermag. Weniger überraschend hingegen sind die Leistungen der intensiv agierenden Hauptdarsteller Peter Mullan und David Caruso, die ihre Vielseitigkeit hier nur ein weiteres Mal unter Beweis stellen.

Verfolgt man den noch kurzen Weg des Regisseurs Brad Anderson, ist dieses Frühwerk ein wichtiger Indikator für den meisterhaften Folgefilm The Machinist. Schon hier deuten sich viele Motive an, die sich in dem aktuellen Kinofilm wieder finden: die Paranoia des Protagonisten, die Gestaltung des Raumes als Labyrinth, das an einem Punkt die entscheidende Weggabelung aufweist und die Schlaflosigkeit als dramaturgisches Moment. Seinem alptraumhaften filmischen Universum übergeordnet ist der Begriff der Schuld, verbunden mit dem Schmerz der Opfer aber vor allem auch des Täters.

Technisch kann man Anderson als Vertreter eines beinahe puritanischen Kinos einordnen, der größten Wert auf eine kohärente Narration und ausgefeiltes Spiel der Hauptakteure legt. Seine Filme sind mit einer gerissenen Langsamkeit erzählt, die den dramatischen Knoten stetig fester zieht, ehe es für die Protagonisten und den Zuschauer kein Entkommen mehr gibt.

Der noch reifere und ästhetisch visionärere The Machinist ist in Anbetracht von Session 9 durchaus eine bemerkenswerte Weiterentwicklung. Auf diesem Niveau scheint Anderson auf bestem Wege in den filmischen Olymp, wo Stanley Kubrick ihn wohl bereits erwartet.

 

Zur Kritik von The Machinist

 

 

Kommentare


CrazyJohn

Just a TV-Movie
Leider ist der Film nicht so gruselig wie man es anfangs bei einem Blick auf das Cover dedacht hätte doch er enthält teilweise schon gruselige Sequenzen die aber eher durch plötzlich auftretende laute Posaunentöne entfacht werden. Die Geschichte wirkt anfangs spannend und sehr gruselig doch am Ende verliert sie sich in einem irrsinn, der Zuschauer wird mit viel zuvielen neuen Informationen übersäht und somit verwirrt. Von der Aura und den kamerafahrten hätte Brandson profitieren können wenn er ein Geister-Drehbuch genommen hätte und nicht ein Möchtegern-Exorzisten Drehbuch das nach meiner Ansicht seine so gut inszinierte Kulisse versaut ( denn es wird nicht mal erklärt oder jedenfalls nicht genau bei, wem und weswegen der Dämon auftritt und die Stimme des Dämonen gleicht mehr einem Stimmenverzehrer... ) Von der Bildqualität und teilweise der Kameraführung kann man nicht gerade begeistert sein denn das Ganze wurde mit billigen HD-Kameras gefilmt und teilweise wird die Kamera im Dokustyle geführt und teilweise wieder im Moviestil. Fazit: Wer sich nach einem Film keine Gedanken mehr darüber machen muss weil er den Zusammenhang nicht verstanden hat soll ihn sich ansehen......
2,5 von 5 Sternen 4 von 10 Punkten
CrazyJohn


Fabio

Ich finde den Film genial! Er ist durchgehend spannend und diverse Fragen, die während des Filmes aufkommen, werden zum Schluss in einer spektakulär dramatischen schlussszene geklärt, wodurch ich vom überraschenden ende begeister war! -> empfehlenswert! 7 von 10 pkt.






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