Serena

Nimm dich in Acht vor Pumas und Frauen: Susanne Bier versetzt Jennifer Lawrence und Bradley Cooper in die 1930er Jahre und stattet sie reichlich mit Kostüm, Tragik und niederen Instinkten aus.

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Ein Mann steht nach einem langen Arbeitstag vor seinem Haus. Mit den Augen streift er das Land, das ihm gehört und in dem das Versprechen auf eine gute Zukunft verbürgt ist. Ein kurzer Augenblick der Rast, auf den fast zwei Stunden des Rackerns, des Schwitzens und des Abmühens folgen werden. Die dänische Regisseurin Susanne Bier lässt die Handlung 1929 beginnen, im Jahr des Börsenkrachs und der anschließenden Großen Depression, und legt die Grundpfeiler des American Dream frei: Ehrgeiz und Fleiß, vereint in der Person George Pembertons (und freilich ergänzt um eine verhängnisvolle Mogelbereitschaft, bei der Serena aber stets ein Auge zudrückt). Ein rastloser Pionier, ein Mann mit einem großen, aber einfachen Traum, der nie deutlichere Konturen annimmt als in dem von ihm so oft heraufbeschworenen Begriff der „Zukunft“. Der Glaube an den Fortschritt, an den Aufstieg hat wahrhaftig die Kraft einer Religion bei George Pemberton (Bradley Cooper). Er betet nicht, er schindet sich, getrieben von der Überzeugung, Herr seines Schicksals zu sein. Ein Holzimperium möchte er in den Smoky Mountains errichten, unbehelligt von der Wirtschaftskrise und der unwirtlichen Umgebung. Doch so wie George und seine Arbeiter der schroffen Natur gewalttätig die Ressourcen entreißen, so scheint auch der Wald einen Blutzoll zu fordern. Mit erschreckender Beiläufigkeit werden Glieder aus Versehen abgehakt und Männer von Baumstämmen zerdrückt. Die Verletzten und die Toten sind dabei nicht mehr als Hobelspäne des Unterfangens, eine anonyme, erneuerbare Masse. Es zählt einzig der Fortschritt und sein unermüdlicher Gestalter, der Sympathieträger, George.

Femme fatale in harter Männerwelt

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Als der Serena (Jennifer Lawrence) kennenlernt, wähnt er sie aus demselben Holz geschnitzt wie sich. In seidener Bluse reitet sie auf ihrem weißen Pferd, als er ihr zum ersten Mal begegnet. Geschwind springt er auf sein schwarzes Pferd und holt sie ein; noch hoch zu Ross macht er ihr einen Heiratsantrag und ehelicht sie im nächsten Schnitt. Was wie eine Parodie anmutet, stellt sich aber als das Fundament der Geschichte heraus, ein entsprechend brüchiges. Denn die nebelverhangenen Wälder, die nimmersatte Holzmaschinerie, all das ist Staffage, einer von vielen denkbaren Hintergründen für eine destruktive Liebesbeziehung, die auch in andere Settings hätte eingebettet werden können. Wie aber soll Interesse, gar Bangen für die Geschicke eines Paares aufkommen, das mit wenig Zeit und viel Plattitüden zu einem solchen postuliert wurde?

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Interessanter ist Serena selbst, platinblonde Retroschönheit mit exakt sitzenden Wasserwellen. Auf einer Skala, die vom Püppchen zur Femme fatale reicht, wäre Serena vermutlich Mitte-oben einzuordnen. Unübersehbar sind indes die Bemühungen der Regisseurin, sie als gleichberechtigte Unternehmerin in dieser schroffen man’s world im Westen der USA darzustellen: Serena reitet, zähmt Adler, bindet Amputationswunden ab und schwingt die Axt, in gehabter Eleganz. Ein feministisch anmutender Ansatz, und doch ist es fast unmöglich, anders auf Serena zu schauen als durch Georges gierigen Blick; Serena ist der Puma, die seltene Jagdbeute, von der George besessen ist, und wie ein Wildtier zeigt sie die Kamera, heimisch in dieser kargen, harten Gegend, agil und kräftig wie eine Raubkatze. Die Metaphorik wird sich bis zum Ende halten: Einen Puma zähmt man nicht, man jagt ihn.

Im Metaphernzoo

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Es dauert allerdings nicht lange, bis der Zuschauer sich in einem Metaphernzoo wähnt. Fast jede Figur scheint ein Pendant im Tierreich zu haben, ein Alter Ego in der Wildnis, das wahlweise Erlösung oder Fluch mit sich bringt. In Serena tummeln sich Bär, Schlange, Adler und Puma; und weil in dem Film das Unglück von den Frauen ausgeht, wird natürlich der Puma den Tod bringen. Die Männer sind von Habgier getrieben, sie sind in zwielichtige Machenschaften verstrickt, verraten einander, aber der Zuschauer kann stets darauf vertrauen, dass das Problem sich mit beruhigender Klarheit im Duell erübrigt. Die niederen Instinkte der Frau dagegen wüten zunächst unter stillen Gewässern, treten dafür aber umso heftiger zutage und reichen bis in den Wahnsinn.

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Immer wieder verharrt die Kamera vor den Nebelschwaden im Wald, die Ruhe vor dem Sturm einfangend. Serena ist die Geschichte einer Frau, die mit dem Gesicht der Ruhe den Film betritt und schließlich den vernichtenden Sturm auslöst. Die in mörderischen Wahnsinn fällt, als sie das erste Kind verliert und erfährt, dass dies Kind auch das letzte war. Der Plot hatte Serenas Verletzlichkeit vorbereitet und sie mit einem tragischen Schicksal ausgestattet, das keine weiteren Verluste dulden würde, wie dem belehrungswilligen Zuschauer nahegelegt wurde. Die schwache psychologische Erklärung greift nicht ganz, allerdings ist das nicht so wichtig, denn dem Bruch in Serena entspricht ein Genrebruch im Film, der reichlich Dynamik einführt. Plätschert Serena in der ersten Hälfte gemächlich vor sich hin, um die frisch Vermählten und das junge Liebesglück kreisend, so gewinnt der Film bald an Fahrt, die rohen Motive werden freigelegt, und mit einer ominösen Prophezeiung bricht auch das Übernatürliche in die geordnete Welt ein. Nach einem kräftigen und verlustreichen Durchfegen ist diese zum Schluss wieder hergestellt: Die letzte Aufnahme, ganz in der Linie des Films, zeigt die Ruhe nach dem Sturm.

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Kommentare


Ansgar Skoda

Bier im Wilden Westen
Susanne Bier gelang es bisher in ihren bewegenden Filmen "Open Hearts" (2002) "Nach der Hochzeit" (2006) und "In einer besseren Welt" (2010) Lebenssituationen darzustellen, in denen sie erschütternd Menschliches zeigte. "Serena" bietet keine derartige Tiefe. Der Zuschauer wird anfangs von einer Nebenrolle über die traumatische Kindheit der Hauptrolle informiert. Das soll dann für das darauf folgende Drama genügen. Es gelingt den beiden Hauptrollen und auch der Regie aber nicht, einen Zusammenhang oder Beweggründe glaubhaft darzustellen. So bleibt der Film oberflächlich, mit beeindruckenden Landschaftsbildern und aufdringlich eine Dramatik zitierender Musik. Ein vorhersehbarer und hinsichtlich der Frage was das soll eher hilfloser Film. Ein Western eben, in dem an der einen Stelle kalt und unhinterfragt gemordet wird, am andern Ende aber eine Emotionalität ihren Platz finden soll. Was immer auch Susanne Bier damit beabsichtigen wollte - aufgrund der fehlenden Reflketion ist "Serena" ein eher ärgerlicher Film. Enttäuschend.






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