Séraphine

Das unspektakuläre Biopic einer unscheinbaren Putzfrau gewann sieben Césars. Séraphine Louis schrubbt Holzdielen ebenso gottergeben wie sie Blätter malt. Die Französin zählt heute zu den bedeutendsten Vertretern der naiven Kunst.

Séraphine

In Martin Provosts Porträt ist sie zunächst aber nur eine wortkarge und eigenbrötlerische Haushälterin (Yolande Moreau), die hingebungsvoll singt und barfuß Tee serviert, Hühnerblut stibitzt und Kerzenwachs aus der Kirche klaut. Bäume sind Séraphines wichtigste Inspiration und Kraftquelle. Sie klettert darauf, setzt sich darunter oder umarmt sie zärtlich. Aus Blut und Wachs rührt sie nachts in ihrer Kammer ihre eigenen Farben an.

Ein Schutzengel führe ihr beim Malen die Hand und sie sei mit der heiligen Jungfrau verbunden, glaubt die Natur liebende Autodidaktin, deren Werke in einer Art Trancezustand entstehen. Als eine Nonne in einer späten Szene eines ihrer wilden und beunruhigenden Pflanzenbilder betrachtet, kann sie allerdings gar nichts Engelhaftes darin erkennen. Zu diesem Zeitpunkt steht Séraphine kurz davor, in eine psychiatrische Klinik eingewiesen zu werden, nachdem sie im Brautkleid durch die Straßen der französischen Kleinstadt Senlis gezogen ist, um ihre Besitztümer vor den Haustüren der Einwohner zu verteilen. Sie stirbt 1942 im Alter von 78 Jahren in einer Nervenheilanstalt.

Séraphine

Das mag exzentrisch und dramatisch klingen, ist von Provost bis auf wenige Momente aber auffallend schlicht und angenehm zurückhaltend inszeniert. Der französische Autor und Regisseur arbeitet mit statischer Kamera, langen Einstellungen und gedeckten Farben, die Séraphines farbenprächtige Bilder umso eindrucksvoller erscheinen lassen. Seine Protagonistin stellt er in einem langsamen Erzähltempo und fast ohne Dialoge vor. Wir sehen der in sich gekehrten Frau mit ihrem fülligen Körper, dem kindlichen Gesicht und den wachen Augen für eine ganze Weile beim Arbeiten, Essen und Beten zu. Wie sie singend und mit festen Schritten über Wiesen stapft oder nackt und selbstvergessen in einem Fluss badet.

Spannung bietet weniger das unaufgeregte Geschehen von Séraphine als vielmehr das ereignisreiche Gesicht von Yolande Moreau (Louis Hires a Contract Killer, Louis-Michel, 2008). Mit sparsamer Mimik und ausdrucksstarken Blicken lässt die belgische Theater- und Filmschauspielerin schon früh erahnen, dass für die stets etwas entrückt wirkende Putzfrau und Malerin alltägliche und scheinbar nebensächliche Handlungen rituelle und spirituelle Bedeutungen besitzen und dass ihre gewöhnliche Erscheinung ein außergewöhnliches Innenleben verbirgt. Für ihre berührende und auch komische Darstellung wurde Moreau mit einem César ausgezeichnet.

Séraphine

Als der deutsche Kunsthändler Wilhelm Uhde (Ulrich Tukur, Das weiße Band, 2009) 1914 nach Senlis zieht, entdeckt er durch Zufall ein Bild seiner neuen, merkwürdigen Haushälterin, die ihm lieber selbst gemixten Alkohol statt Tee auftischt. Er beginnt, Séraphines herausragendes Talent zu fördern, lässt sie im Verlauf ihrer Beziehung aber auch mehrfach wieder fallen. So geduldig und facettenreich wie der Regisseur das Porträt seiner Hauptfigur entwirft, so gestaltet er auch das komplexe Verhältnis zwischen Séraphine und Uhde, in dem manches unausgesprochen und ohne Erklärungen bleibt.

Obwohl Uhde als einflussreicher Mentor auftritt, bewahrt sich die kauzige Künstlerin dennoch ihre Freiheit und Eigensinnigkeit und begegnet ihrem wohlhabenden Förderer bisweilen mit mütterlicher Fürsorge und einem resoluten Dickkopf. Der Umgang der beiden beruht wie der gesamte Film nur bedingt auf historischen Fakten. Séraphine Louise hat in der Realität Zeichenkurse in Paris besucht und war keine reine Autodidaktin. In Provosts Version ist der homosexuelle Uhde, der als Entdecker von Pablo Picasso und Henri Rousseau gilt, wie seine wunderliche Angestellte ein gesellschaftlicher Außenseiter, was ihn über soziale Schranken hinweg mit ihr verbindet.

Séraphine

Die engsten Beziehungen scheint Séraphine aber nicht mit Menschen, sondern mit der Natur und mit ihrem Schutzengel zu führen. Provosts nüchterne Inszenierung und Moreaus subtiles Spiel verhindern, dass sie dabei lächerlich wirkt. Der Regisseur bringt uns seine Hauptfigur nah und lässt ihr trotzdem ihre Geheimnisse. Ihre künstlerische Begabung wird ebenso wenig enträtselt und analysiert wie ihre psychische Störung. Séraphine Louis’ Biografie ist vor allem eine Schilderung vom Tun und Kreieren, ein Porträt vom Putzen und Malen. Zu beidem ist die Protagonistin am Ende nicht mehr in der Lage. Ihr bleiben eine unverschlossene Anstalttür, ein Stuhl und ein Baum.

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Kommentare


Martin Z.

Ein leiser Film über eine autodidaktische Malerin, die ihre Impulse von ihrer tiefen Religiosität (sie hört Engelsstimmen!)und aus der Natur bekommt, von wo sie ihre Farben nimmt. Der Gegensatz zu ihrem Alltag, in dem sie als Putzfrau arbeitet, bildet einen künstlerischen Rahmen. Historisch eingebettet in die Zeit vor und nach dem 1. Weltkrieg, mit kleinen Seitenhieben auf das deutsch-französische Verhältnis. Yolande Moreau gibt dieser Figur ihre unnachahmliche Gestalt. Sie schaut mit naiv mürrischem Blick in die Welt, tapst durch die Landschaft und verändert sich auch äußerlich von einer brav-biederen Zugehfrau zu einer vorübergehend wohlhabenden Künstlerin. Dabei lässt die Kamera sie fast nie aus der Linse. Manche Szenen verschwinden optisch in undurchsichtigem Schwarz, was hier allerdings zur Verstärkung der Atmosphäre verwendet wird. Und dann kommt am Ende eine überraschende Wende, die auch akustisch zulegt. Aber eigentlich ist es nur eine von mehreren Optionen, wenn man den religiösen Wahn von Séraphine in letzter Konsequenz zu Ende denkt. Dieser Film hebt sich inhaltlich und stilistisch wohltuend vom Mainstream ab.






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