Selbstgespräche

Die Einsamkeit des Callcenter-Angestellten: Zwischen steriler Tragik und warmherziger Komik schwankt der diesjährige Max-Ophüls-Preis-Gewinner dem Happy End entgegen.

Selbstgespräche

Der Begrüßungssatz des Callcenterchefs gibt die Stoßrichtung von Selbstgespräche vor: „Come in and burn out“ – mit diesen Worten wird Sascha (Maximilian Brückner), der Neue, der eigentlich angehender Fernsehstar ist, im Kreise der TelefonistInnen-Familie willkommen geheißen. Ausgebrannt sind hier fast alle: Zum Beispiel Adrian (Johannes Allmayer), ein Profi, wenn es darum geht, telefonisch Kunden für eine überteuerte DSL-Flatrate zu gewinnen, aber im direkten Kontakt zu Menschen hilflos überfordert. Oder Marie (Antje Widdra), die allein erziehende Mutter, die ihren Job hasst, aber keine Anstellung als technische Zeichnerin findet. Von Richard (August Zirner), dem Chef, ganz zu schweigen. Sein Hang, alles und jeden mit drögen Motivationsreden zu „coachen“, treibt neben seinen Angestellten vor allem seine Ehefrau in den Wahnsinn. Selbstgespräche beobachtet diese liebenswert-traurigen Figuren voller Mitleid bei ihrem täglichen absurden Kampf mit ihren gescheiterten Träumen.

Selbstgespräche

Mitfühlen will man jedoch nicht, denn Sascha und die anderen sind genauso von Pappe wie die Bürowände im Callcenter. So wie ihr Arbeitsplatz ein überzogenes Zerrbild realer Telefonzentralen abgibt, sind die flachen Charaktere auf die desolaten Aspekte ihrer Persönlichkeiten und Lebensumstände reduziert. Leere Blicke in die Kamera, hartes Licht, blasse Gesichter – hier scheint so ziemlich alles im Argen zu sein. Selbstgespräche versucht daraus komödiantisches Potenzial zu schlagen, doch der zuweilen etwas schenkelklopfende Humor kollidiert scharf mit hartem Realismus, der etwa mit einer Fehlgeburt, die Saschas Freundin erleidet, in die Geschichte einfällt. Einzig im Handlungsstrang um das amouröse Erwachen Adrians funktioniert die Mischung aus Witz und Depression, was nicht zuletzt am großartig agierenden Darsteller Johannes Allmayer liegt. Im Rest des Films gelingt es Regisseur André Erkau oft nicht, ein tragikomisches Gesamtbild zu etablieren, vielmehr zerfällt seine Geschichte in tragische und komische Momente, zwischen denen der Bruch überdeutlich ist.

Selbstgespräche

Auch der an Die fabelhafte Welt der Amélie (Le Fabuleux destin d'Amélie Poulain, 2001) gemahnende Soundtrack, der die vielen Parallelhandlungen formal gekonnt miteinander verbindet, kann diese Lücke nicht schließen. Vielmehr fügt er den kargen Bildern eine süßliche, romantisierende Ebene hinzu. Unter den maritimen Harmoniumklängen und traurigen Gitarrenmelodien verwässern alle vorhandenen Anlagen einer beißenden Satire auf prekäre Arbeitsverhältnisse in der Dienstleistungsgesellschaft. Das kritische Potenzial des Films verpufft zu emotionalisierender Musik in den Plotwindungen seichter Comedy und dem unbedingten Willen zum Happy End. Zwar erweist man mit Günter Wallraff, der einen kleinen Cameoauftritt absolviert, einem großen Anprangerer die Ehre. In Selbstgespräche bleibt die Welt der Callcenter jedoch bloße Folie für ästhetisierte Einsamkeit und Melancholie.

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Kommentare


Sascha

Diese Kritik wird dem Film nicht gerecht. Er ist großartig besetzt und wirklich gut umgesetzt. Ich bin begeistert und kann ihn nur empfehlen.






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