Sein oder Nichtsein

Antikriegsgelächter: In Ernst Lubitschs Komödienklassiker erfährt eine polnische Theatertruppe, was es heißt, ein Nazi zu sein.

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Auftritt: Hitler. Doch es ist nicht der echte. Kurz vor Kriegsbeginn probt ein polnisches Theater ein antifaschistisches Stück. Noch ist Polen nicht verloren, doch greift das Bühnengeschehen bereits dem Unheil der kommenden Ereignisse voraus: Das Werk wird auf Betreiben der polnischen Regierung abgesetzt und durch den politisch „neutralen“ Hamlet ersetzt. Man will es sich mit Hitlerdeutschland nicht verscherzen. Als dann die Deutschen einmarschieren und mit Hilfe des zwielichtigen Professors Siletsky (Stanley Ridges) den rasch sich formierenden polnischen Widerstand zu zerschlagen drohen, spielt das kleine Warschauer Ensemble um seinen Frontmann Joseph Tura (Jack Benny) förmlich um Sein oder Nichtsein: Es streift die Nazi-Uniformen über, lässt das Theater Polski in protziger Kulisse wieder auferstehen und bestellt Siletsky eigenmächtig ins „Gestapo-Hauptquartier“, um ihn auszuschalten.

Ernst Lubitschs Nazi-Farce hat sich erstaunlich gut gehalten. Die Witze ziehen noch heute, auch die geschmacklosen. Wenn da die Rede ist vom „Konzentrationslager-Ehrhardt“, wo andernorts die „Endlösung der Judenfrage“ bereits verbrieft war und mit industriellen Methoden umgesetzt wurde, dann lacht man noch in Kenntnis dieser Katastrophe, die eigentlich kein Lachen verdient. Gewiss haben Lubitsch und sein Drehbuchautor Edwin Justus Mayer die wahren Ausmaße des Mordens zur Drehzeit nicht gekannt; dass die Komik des Films auch noch im Wissen um den Holocaust Bestand hat, liegt fraglos an dem geschickt konstruierten Drehbuch, das die Nazi-Herrschaft eben nicht komödiantisch verharmlost, sondern bloßstellt.

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Nichts ist erbärmlicher als eine Komödie, die Hitler und seine Tyrannei verlachen will und dies nicht schafft. Daran sind viele gescheitert. Es reicht eben nicht, aus Hitler eine Witzfigur zu machen; man muss schon die Funktionsweise des „Systems Hitler“ vorführen, indem man es als Mummenschanz noch einmal inszeniert. Dem Film Sein oder Nichtsein (To Be or Not to Be) gelingt dies, indem er das repressive Machtgefüge als Vexierspiel mit vertauschten Rollen in Szene setzt. Sodann erkennen wir, was diese Herrschaft wirklich ist – ein auf Hörigkeit und Despotismus gründender Machtapparat, der Andersdenkende sofort beseitigt; ein Räderwerk der Diktatur, ideologisch gestählt und geschmiert durch blinden Kadavergehorsam. Hitlers Weltanschauung wird bei Lubitsch erst in Spiegelfunktion klar ersichtlich: im Widerschein des Spiels. Indem sie Nazis spielen, kommen die polnischen Darsteller allmählich der Unmenschlichkeit des Systems auf den Grund – und wir mit ihnen. Wir lachen nicht über die Nazis, wie sie sind, sondern über die Nazis, wie sie sind, wenn wir sie im Spiel erleben; und wir stellen fest, dass die echten Schergen nicht weniger grotesk agieren als ihre in Wehrmachtsuniformen steckenden polnischen Zerrbilder.

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Vorlage und Karikatur fallen so in eins zusammen. Da muss Tura gleich in beide Rollen schlüpfen: in die des Gruppenführers Ehrhardt (Sig Ruman), der den Professor Siletsky empfängt, und hernach in die Rolle des falschen Siletsky, der bei der echten Gestapo gastiert – nur um festzustellen, dass Original und Fälschung austauschbar sind. Sein joviales Geschwafel, mit dem er eben noch als falscher Ehrhardt Siletsky hinzuhalten versuchte, kommt nun Wort für Wort aus dem Munde des echten – so plump und durchschaubar ist dieser hochdekorierte Hanswurst, dass er ihn als sein verzerrtes Ebenbild erfährt.

Austauschbar ist auch das Bärtchen, das hier mehr ist als bloß ein handlungsstimulierendes Requisit: Es ist ein Zeichen der Potenz, des Anscheins und der Irreführung. Tura und Bronski verwenden Hitlers Maskerade geradewegs gegen ihn selbst, darauf vertrauend, dass ein Bärtchen seinen Träger auch dann noch als integeren Menschen ausweist, wenn es ein falsches ist. Jedoch, wenn es fehlt oder verloren geht, sind die Akteure wie entmannt, so als hätte man im Umkehrschluss dem echten Hitler nur sein Bärtchen abzunehmen, und seine Kraftquelle würde versiegen.

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Die Funktionsweise des NS-Regimes als Spiel im Spiel zu formulieren hat zweifellos den Vorteil, dass man durch Einziehen eines zweiten Bodens – eben jener Bühnenbretter für die polnischen Verstellungskünstler – immerzu die echten gegen die falschen Nazis ausspielen kann. Genau darin liegt der Doppelsinn des Films begründet: im buchstäblich spielerischen Gewahrwerden des Grauens. Indem Lubitsch der Erzählung von Beginn an eine zweite Illusionsebene unterschiebt, auf der die echten und falschen Nazis in wechselnden Rollen und Konstellationen agieren, erleben und erlernen wir im Bunde mit dem polnischen Widerstand die Mechanismen des Regimes auf gleichsam spielerische Weise. Der Film wird doppelbödig, und mit der theatralen Binnenstruktur birgt er zudem einen Metatext, der ihn in die Nähe des selbstreflexiven Films rückt.

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Sein oder Nichtsein ist ein Werk, das bis an die Wurzeln totalitärer Herrschaft hinablotet, evident etwa an Ehrhardts immer wiederkehrenden Hasstiraden, wodurch dieser nur sein eigenes Versagen auf seinen Adjutanten Schulz abwälzt; erkennbar auch am obligatorischen, in schöner Regelmäßigkeit (selbst zum Kuss) geleisteten Hitler-Gruß; ernsthafter, durchaus bewegend vorgetragen, als Grünberg, der im Theater immer nur den Chargen gibt, kurzzeitig das hierarchische Gepräge durchbricht und seinen großen Auftritt hat: Er spricht den Shylock-Monolog – „Hitler” ins Gesicht. Dagegen darf und soll munter angelacht werden. Dass Sein oder Nichtsein seine Regimekritik nicht einfach ungeschlacht ins Feld führt, sondern auf virtuose Weise illusionistisch zu brechen vermag, hat als genialer Kunstgriff von Lubitsch und Mayer zu gelten, dem der Film zu Recht seinen bis heute anhaltenden Klassikerstatus verdankt.

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