Sehnsucht

Ein Drama in der brandenburgischen Provinz: Ein eigentlich glücklich verheirateter Mann stolpert in eine seltsame Liebesaffäre. Die heile Welt bekommt erste Risse und der Zuschauer seine erste Müdigkeitsattacke.

Sehnsucht

Bonjour Tristesse! Lange, ruhige Einstellungen. Menschen, die gedankenverloren in die Ferne starren oder sich gegenseitig anschweigen. Eine kleine einfache Liebesgeschichte, die als Tragödie enden soll. Der in diesem Jahr bereits auf der Berlinale, und da sogar im Wettbewerb, aufgeführte Sehnsucht von Valeska Grisebach besitzt alle Zutaten, um erfolgreich ein Filmfestival zu bestehen und gleichzeitig außerhalb dieses Kosmos sang- und klanglos in der filmischen Versenkung zu verschwinden. Denn eigentlich ist ihre zweite Regiearbeit nichts weiter als Problemkino, dem es nicht gelingt, aus dem interessanten Zusammenprall von authentischen Laiendarstellern - Grisebach bevorzugt die Formulierung „nicht-professionelle Schauspieler“ - mit einer langsam eskalierenden Situation etwas Fesselndes entstehen zu lassen. Das fast unisono über die Regisseurin einbrechende Kritikerlob ist dann auch das einzig Faszinierende an Sehnsucht.

Das Drama hat seinen Schauplatz irgendwo in der brandenburgischen Provinz. Dort, wo baufällige Häuser aus DDR-Zeiten vermodern und gesellige Abende bei der Freiwilligen Feuerwehr die einzige Abwechslung im Arbeitsalltag darstellen, ist auch Markus (Andreas Müller) zu Hause. Der gelernte Schlosser lebt mit seiner Jugendliebe Ella (Ilka Welz) zusammen. Die beiden scheinen das perfekte Paar zu sein, immer glücklich, immer noch frisch verliebt. Nur selten gehen sie getrennte Wege. Markus hat seine Kameraden bei der Freiwilligen Feuerwehr, Ella singt in einem Frauenchor. Als Markus während einer Dienstreise mit der Feuerwehr eine Frau (Anett Dornbusch) kennenlernt und am nächsten Morgen in deren Wohnung aufwacht, gerät sein Leben aus dem Gleichgewicht. Er versucht herauszufinden, was in der Nacht geschehen ist. Doch statt sich von dieser Bekanntschaft zu lösen, sucht er sie immer wieder auf. Zunächst, um ihr mitzuteilen, dass er sie nicht wiedersehen kann, dann weil er sich eingestehen muss, dass er auch Gefühle für sie empfindet.

Sehnsucht

Die von Grisebach als universelle Geschichte konzipierte Leidenserfahrung dreier Menschen, die wie in Zeitlupe in eine emotionale Abwärtsspirale hineingeraten, welche sich letztlich nicht mehr kontrollieren lässt, krankt an dem vermeintlichen Paradox einer prätentiös unprätentiösen Darstellung. Obwohl vieles von einem beiläufigen, fast schon improvisierten Ton beherrscht wird, fühlt sich ihr Film nicht „echt“ an. Weil schlichtweg aus jeder Einstellung, jeder Dialogzeile („Ich begehre Dich so sehr!“) der Ehrgeiz, ambitioniertes Arthouse-Kino erschaffen zu wollen, hervordringt, weil die Protagonisten auch Archetypen sein sollen, erstickt und erstarrt die Handlung in einer Abfolge melancholischer bis tief deprimierender Bilder. Das fortwährende Grau des Himmels, die kahlen Alleen - diese Bilder verleihen Sehnsucht trotz der Arbeit mit engagierten und überzeugenden nicht-professionellen Schauspielern eine aufgezwungene Schwere.

Sehnsucht

Jedes mögliche Interesse an den Charakteren verschwindet, wenn sich Grisebachs dröge Stilmittel zwischen sie und den Zuschauer geschoben haben. In einem ermüdenden Wechselspiel zwischen Nähe und Distanz fängt die Kamera mit extremen Nahaufnahmen und statischen Totalen den Zerfall des vermeintlich unerschütterlichen Beziehungsglücks ein. Der ausschließliche Einsatz von Originalmusik und der Verzicht auf ein eigenes musikalisches Thema unterstreichen den puristischen Ansatz, der auch Grisebachs Interesse für dokumentarische Arbeiten widerspiegelt. Vergleichbar mit dem ebenfalls in Zusammenarbeit mit der ZDF-Reihe „Das kleine Fernsehspiel“ entstandenen Jugenddrama Lucy (2006) hat sich hier unter dem Namen der „Berliner Schule“ so etwas wie ein neuer deutscher Realismus herausgebildet, dessen Credo „Steigerung durch Zurücknahme“ lauten könnte. Nur führt diese Form der Zurücknahme bei Grisebach zu nichts. Die sich abzeichnende Tragödie zieht am Zuschauer ungerührt vorbei.

„Come on hold my hand, I wanna contact the living. Not sure I understand, This role I’ve been given.” singt Markus, während er wie in Trance einsam auf der Tanzfläche nach etwas zu suchen scheint, das ihm Halt gewährt. Es ist einer der seltenen Augenblicke, in dem die Schwächen der Inszenierung hinter den Stärken der Darsteller zurücktreten. Davon hätte man sich gerne mehr erhofft. Was bleibt, ist die Sehnsucht nach Kino, das vor lauter Anspruchsfixierung seine Geschichte nicht vergisst.

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