Secretariat – Ein Pferd wird zur Legende

Alles Glück dieser Erde liegt auf dem Rücken der Pferde in der Disney-Version eines legendären Kapitels der Rennsportgeschichte.

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Die ungeahnten Qualitäten, die sich in dem zukünftigen Rennpferd Secretariat verbergen, enthüllen sich erst auf den zweiten Blick. Genauso verhält es sich mit Randall Wallace' gleichnamigen Film – allerdings in einem ideologisch zweifelhaften Sinne, gerade für einen Kinder- und Familienfilm. Secretariat ist mehr als eine ansprechend in Szene gesetzte Pferdegeschichte in der Tradition von Kleines Mädchen, großes Herz (National Velvet, 1944) oder Black Beauty (1972 - 1974). Rasse, Abstammung, Prestige: Das magische Dreigestirn entscheidet alles in Randall Wallace’ Filmbiografie Secretariat.

Ein Blick auf die Ahnentafel des ungeborenen Titelhelden, und das Urteil ist gefällt: dass „dark horse“ den Sieg im Blut trägt. Nicht anders verhält es sich mit seiner zukünftigen Gefährtin, der Rennstallbesitzerin Penny Chenery (Diane Lane). Und so vermehren sie gegenseitig ihren Ruhm. Secretariat ist Pennys bestes Pferd im Stall, legendärer Gewinner der Triple Crown. Für ihn riskiert die wohlhabende Erbin ihre Ehe und behauptet sich in einer Männerdomäne. In der prüden amerikanischen Oberschicht der 1960er erscheint Penny als Vorkämpferin weiblicher Emanzipation, obwohl sie privat weiterhin die Rolle der Familienmutter einnimmt. Ihr Ehemann John (Dylan Walsh) betrachtet Pennys Engagement in der Welt des Rennsports skeptisch, doch Penny verfolgt unbeirrbar ihre Ziele.

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Fast magisch erscheint die Bindung zwischen Penny und ihrem Pferd, doch die Rennstallbesitzerin ist keine mystische „Pferdeflüsterin“. Diane Lane spielt sie als zielstrebige Businessfrau, die mit Mischung aus Sachkenntnis und Instinkt das Potenzial Secretariats erkennt. Dass auch er eine besondere Bindung zu seiner Besitzerin hat, soll der intensive Kamerablick in die Pferdeaugen vermitteln. Einen Eindruck vom Temperament und Wesen Secretariats erschaffen die Nahaufnahmen nicht. Den donnernden Galopp der Tiere über die Rennbahn inszeniert Regisseur Wallace in routinierter Makellosigkeit, doch gerade diese formelle Perfektion nimmt den Szenen das Gefühl der Unvorhersehbarkeit und Anspannung eines realen Pferderennens.  Selbst die Statisten scheinen sich gelangweilt abzuwenden, denn am Rande der Rennstrecke ist die Inszenierung weniger sorgfältig: Während die Pferde galoppieren, blicken die Zuschauer woanders hin. Ja, wo laufen sie denn? Solche Anschlussfehler bemerken nicht nur Rennspezialisten. Die schwelgerischen Kameraaufnahmen entwickeln dennoch einen nostalgischen Sog, dem man sich mitunter nur schwer entziehen kann.

Die Geschichte Secretariats, des zentralen Protagonisten der realen Ereignisse, bleibt unerzählt, obwohl sie weit interessanter scheint als die der menschlichen Figuren. Die Pferde in Secretariat verkörpern vor allem eine Heroisierung der Kraft und indirekt der edlen Abstammung und des Drills, der dahinter steht. Ihre Leistung soll die der Besitzer noch heller strahlen lassen. In der Realität kam der Erfolg für die Heldin keineswegs so überraschend, wie es der Film suggeriert. Die reale Penny war tatsächlich jahrelang im Rennbetrieb aktiv, als sie Secretariat erbte, der Jockey Ron Turcotte (Otto Thorawarth), dem sie im Film erstmals begegnet, war schon siegreich für sie angetreten. Im Film ist ihre Erfolgsgeschichte geglättet zu einem Filmmärchen über den Sieg von Strebsamkeit.

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Secretariat erscheint als Projektionsfläche für die Wunschträume eines bigotten Gesellschaftszirkels, getrieben vom Gedanken an die eigene Überlegenheit und den wiederholt beschworenen Willen zum Sieg. Dieser Siegeswille, nicht Geld sei das Erbe ihres Vaters, betont Penny. Eine vom Regisseur der Disney-Produktion als „Leute mit durchschnittlichen amerikanischen Werten“ beschriebene Klientel ist das offenkundige Zielpublikum von Secretariat.

Unterschwellig beschwören zahlreiche Dialogzeilen, die mentale Eigenschaften wie Mut und Siegeswille als vererbbar darstellen, wie wichtig das Bewahren traditioneller Werte – im Falle der Figuren einer weißen, wohlhabenden Oberschicht – sei, damit das Heimatland international so führt, wie es Secretariat auf der Rennstrecke tut. Weltgeschichtliche Ereignisse der Handlungszeit – etwa der Vietnamkrieg und die Watergate-Affäre – bleiben ausgeblendet, der Film spielt in einer geschönten Wunschvorstellung jener Jahre. Das Leben ist ein Ponyhof. Wer das anders sieht, wird zurechtgewiesen wie Pennys Tochter. Als diese gegen den Krieg protestieren möchte, hält ihr Penny entgegen: „Politische Einstellungen könnten sich ändern, aber nicht die Notwendigkeit, das Richtige zu tun.“

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Hochglanzsequenzen erzählen die Geschichte zweier geborener Sieger: Secretariat und seiner reichen Eigentümerin, die dank ihm noch reicher wird. Daran, dass Pferde in edler Geisteshaltung und Sensibilität schnöde Durchschnittsmenschen übertreffen, erlaubt die Handlung keinen Zweifel. Penny und ihr Hengst teilen den langen, innigen Blick einander in die Augen, der in Filmen tiefe Seelenverbundenheit suggeriert. Mit ihrem Ehemann John teilt sie diesen Blick niemals.

Von Secretariat hingegen erwartet man fast, dass er zu sprechen anfinge. Groß umgeschrieben werden müssten die Dialoge nicht: „Als ich vom College kam, fühlte ich mich wie dieses Fohlen: voller Verheißung und Abenteuerlust.“ Beides hat sich für Penny erfüllt, am Filmende noch etwas mehr, als es zu Beginn schon der Fall war. Ihrem Pferd bleibt die Ehre, dass sein ganzer Körper begraben wird, statt wie bei Rennpferden üblich nur Kopf, Hufe und Herz. In gewisser Hinsicht ist Secretariats Tod eine Erlösung.

Trailer zu „Secretariat – Ein Pferd wird zur Legende“


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Kommentare


Nicole

Schade, ich hätte den Film gerne gesehen, doch leider gab es kein Kino der den Film gezeigt hat.






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