Secret Sunshine

Nach dem Tod ihres Mannes zieht die alleinerziehende Mutter Shin-ae für einen Neuanfang in die Provinz. Ein weiteres tragisches Ereignis treibt sie in die Arme der Kirche.

Secret Sunshine

Secret Sunshine (Milyang, 2007) ist der Titel von Lee Chang-dongs letztem Film und die englische Übersetzung des Stadtnamens Milyang. In dieses beschauliche Städtchen zieht die verwitwete Shin-ae (Jeon Do-yeon) mit ihrem Sohn Jun (Seon Jung-yeop), um als Klavierlehrerin noch einmal von vorne anzufangen. Schnell stellt sich heraus, dass in Milyang andere Strukturen herrschen als in der Großstadt Seoul: Man kennt sich und seine Geheimnisse. Als sich herumspricht, dass sich Shin-ae ein Grundstück kaufen möchte, führt sozialer Neid zur Entführung ihres Sohnes. Obwohl das geforderte Lösegeld bezahlt wird, muss Jun sterben, und seine Mutter fällt in eine tiefe Depression.

Für die Geschichte einer Frau, die in kurzer Zeit mehrere Schicksalsschläge verarbeiten muss, wählt Lee Chang-dong eine sehr unscheinbare, nüchterne Inszenierung. Zwar bedient sich der Film mit dem Motiv einer gezeichneten Heldin, die gegen sämtliche Widerstände ihr Leben zu meistern versucht, einer typisch melodramatischen Handlung, jedoch greift Secret Sunshine dabei nicht auf die genreüblichen, stilisierenden Mittel zurück. Weder die dramatischen Höhepunkte noch der Schmerz der Hauptfigur werden zusätzlich betont. Stattdessen bleibt der Zuschauer durch die überwiegende Verwendung halbtotaler Einstellungen und den weitgehenden Verzicht auf Musik in einer distanzierten Position. So wirkt eine Szene wie die Entdeckung von Juns Leiche gerade in ihrer Beiläufigkeit so brutal. Gleichzeitig läuft dieser unbeteiligte Blick auch Gefahr, Gleichgültigkeit gegenüber seinen Figuren zu erzeugen. Ein Umstand, der durch die Überlänge des Films noch begünstigt wird.

Secret Sunshine

Es gibt nur wenige Augenblicke, in denen sich die Kamera von der Hauptfigur löst, und doch reduziert der Film Shin-ae nicht auf die Rolle der einsamen Märtyrerin in einer mitleidlosen Welt. Lee Chang-dong zeigt selbst in den kleinsten Nebenfiguren, dass jeder Bewohner von Milyang sein eigenes Kreuz zu tragen hat: Ob es nun die von allen geprügelte Tochter des Mörders ist oder der Automechaniker Jong-chan (Song Kang-ho), der Shin-ae den gesamten Film über Avancen macht und sich doch nur eine Abfuhr nach der anderen einfängt.

Shin-ae dagegen ist durch den Tod ihres Sohnes derart einsam und orientierungslos, dass sie sich als überzeugte Rationalistin dem Christentum zuwendet. Tatsächlich scheint sie im Glauben Trost zu finden, leistet fleißig Gemeindearbeit und trägt auch wieder ein Lächeln auf den Lippen. Dabei macht es sich der Film nicht so einfach, die Heil bringende Wirkung von Religion zu preisen und den Wandel seiner Hauptfigur zur Musterchristin als Mittel zur Erlösung darzustellen. Als Shin-ae in ihrem christlichen Übermut dem Mörder ihres Sohnes gegenübertreten möchte, um ihm zu vergeben, scheitert sie kläglich. 

Secret Sunshine

Secret Sunshine nimmt sich viel Zeit, um sich den verschiedenen Stadien der Trauer zu widmen: der Ratlosigkeit, der inneren Leere, dem Schmerz, aber auch der Wut, die Shin-ae schließlich vor allem an der Kirche und ihren Mitgliedern auslässt. So stört sie etwa eine christliche Veranstaltung, indem sie die besinnliche Hintergrundmusik gegen einen in ohrenbetäubender Lautstärke abgespielten Popsong über die Lügen und Enttäuschungen in einer Beziehung auswechselt. Zwar greift Lee Chang-dong mit Einstellungen vom Himmel und Sonnenlicht teilweise auf typische Metaphern des Göttlichen zurück, jedoch nehmen diese Bilder nie die Funktion von kitschigen Bibelillustrationen ein, sondern bleiben durch den sachlichen Blick ambivalent. Wenn Shin-ae auf wundersame Weise immer wieder aufs Neue mit ihrem traumatischen Erlebnis konfrontiert wird, lässt der Film im Unklaren, ob das göttliche Fügung ist oder nur ein Zufall.

Diese Haltung bewahrt sich der Film auch bei der Entwicklung seiner Hauptfigur. Wenn Shi-ae in der Gebetsrunde oder im Gottesdienst ihren Schmerz herausschreit, bleibt eine wirkliche Katharsis aus. Seinen differenzierten Blick beweist Secret Sunshine schließlich dadurch, dass die Trauer ein schwieriger und langwieriger Prozess bleibt, der für seine Protagonistin auch mit dem Ende des Films noch nicht abgeschlossen ist.

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