Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt

Das ganze Leben ist ein Videospiel: Edgar Wright hat die Scott-Pilgrim-Comics von Bryan Lee O’Malley zu einem alle Mediengrenzen sprengenden Vergnügen gemacht, an dem nicht nur Nerds ihren Spaß haben werden.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt 05

Irgendwann nach ungezählten Stunden innerhalb des Videospiels „Mass Effect“ hält der amerikanische Autor Tom Bissell inne und starrt auf seinen Fernsehschirm, sich darüber wundernd, wie sehr er Anteil nimmt am Schicksal und am Liebesleben seines Avatars. In Bissells kürzlich in den USA erschienenem Buch „Extra Lives – Why Video Games Matter“ schreibt er über diesen Moment: „To say that any game that allows such surreally intense feelings of attachment and projection is divorced from questions of human identity, choice, perception, and empathy – what is, and always will be, the proper domain of art – is to miss the point not only of such a game but art itself.“

Der Gedanke, dass Videospiele Kunst sein könnten, ist für den Diskurs in Deutschland noch reichlich ungewohnt. Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt (Scott Pilgrim vs. The World) ist nicht unbedingt der Film, der angetreten ist, das zu ändern. Was er aber durchaus ändert, ist die Vorstellung der Kontemplation, die ein Videospiel ermöglicht. Wo Bissell fein die Unterschiede von Kunstformen wie Film, Comic und eben auch dem Videospiel ausarbeitet und darüber nachdenkt, was die eine besser kann als die andere, da wirft Scott Pilgrim fröhlich alles durcheinander zu einem hybriden Gemisch von unwiderstehlichem Tempo.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt 21

Anders als etwa eXistenZ von David Cronenberg, der in der virtuellen Realität eines Videospiels angesiedelt ist, die bis auf wenige Merkwürdigkeiten aussieht wie die herkömmliche Realität und gerade wegen dieser kurzen Anomalitäten sehr gruselig wirkt, lässt Scott Pilgrim in jeder Sekunde noch die obskursten Effekte als harmlosen Teil des Alltags erscheinen. Ob das Kunst ist? Keine Ahnung. Gute Unterhaltung ist es auf jeden Fall.

Scott (Michael Cera aus Juno und Superbad, beide 2007) ist ein 23-jähriger Slacker, der mit einem zutiefst ironischen Schwulen eine Wohnung teilt, in einer ziemlich lauten Band namens Sex Bob-omb spielt und mit einem Schulmädchen ausgeht, das ihn selbst und die Sex Bob-ombs für das Coolste hält, das jemals auf diesem Planeten erschaffen wurde. In Wahrheit ist Scott natürlich überhaupt nicht cool. Das kann man zum Beispiel schon daran sehen, dass sein Anbagger-Spruch in einem kleinen Vortrag über Pac-Man besteht. Als Scott sich in die stets mit einer neuen Haarfarbe auftauchende Ramona Flowers (Mary Elizabeth Winstead) verliebt, setzt er alles daran, ihr Herz zu erobern. Dafür muss er aber ihre sieben bösen Ex-Freunde besiegen, die im Verlauf des Films einer nach dem anderen auftauchen und Scott zum Zweikampf fordern. Diese Kämpfe um die schöne Frau sind das handlungstreibende Element. Dramaturgisch und geschlechterpolitisch ist Scott Pilgrim damit auf dem Niveau von „Donkey Kong“.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt 15

Die Parallelwelt, in der die Geschichte spielt, wird zwar „Toronto“ genannt, ist aber in Wahrheit ein zeit- und ortloser Raum, in dem alles möglich scheint. Personen wechseln mittels raffinierter Schnitttechnik innerhalb derselben Einstellung von einem Ort zum nächsten. Wenn Ramona mit ihren Rollerskates über den Bürgersteig fährt, schmilzt der Schnee. Lautstärke wird durch zuckende Blitze visualisiert. Bei jedem Kuss steigen bunte Herzchen in die Höhe.

Die mit großen Lettern auf die Leinwand geschriebenen Lautmalereien erinnern an frühe amerikanische Superhelden-Fernsehserien: Smack. Wuuuschsch. Scott Pilgrim ist aber nicht nur ein zum Leben erweckter Comic, der sich dessen Metaphorik zu eigen macht, sondern – darin besteht ja das doppelt- und dreifach Hybride – auch buchstäblich ein Videospiel: Geht Scott aufs Klo, erscheint am oberen rechten Bildrand ein Pinkel-Fortschrittsbalken, natürlich in Gelb. Kämpft er gegen Ramonas Ex-Freunde, dann mit der übermenschlichen Kraft, die nur durch viele Stunden an der Spielkonsole erreicht werden kann. Punktestand und erkämpfte Extraleben werden in ratternden Ziffern angezeigt, und am Ende fällt der Gegner als klimperndes Kleingeld zu Boden.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt 16

Dass der Film in einem Paralleluniversum spielt, macht er übrigens schon ganz zu Beginn klar, wenn die Fanfare zum Universal-Logo in der beschränkten Pieps-Akustik früher Videospiele ertönt. Auch das Fernsehen wird dem Konglomerat einverleibt, in einer der Sitcom nachempfundenen Szene zwischen Scott und seinem Mitbewohner, mit kräftigen Lachern vom Band. All das ist angereichert mit vielen, vielen popkulturellen Referenzen (die aber nur eine ganz bestimmte Zielgruppe erkennen kann) und sagenhaft schlagfertigen Dialogen. Regisseur Edgar Wright hatte schon mit Hot Fuzz (2007) und Shaun of the Dead (2004) bewiesen, dass er mit maßlosen Übertreibungen viel erreichen kann und ein grandioses Gefühl für Timing hat.

Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt 19

Kurz gesagt, Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt ist der wahrgewordene Traum eines jeden durch massiven Medienkonsum geprägten Nerds. Die Prüfungen der Adoleszenz – die Bewusstwerdung über jene von Bissell als Domänen der Kunst in Anspruch genommenen Dinge wie menschliche Identität, Empathie, Empfindsamkeit – werden zur mythischen Reise des Helden durch, nun ja, Levels. Darin zeigt sich das größte (aber auch das einzige) Problem des Films: Er verlässt sich völlig auf eine originelle Idee, die trotz aller klugen Variation irgendwann redundant wird. Einem Videospiel zuzuschauen ist dann doch weniger interessant, als eines zu spielen. Immerhin wartet am Schluss als Endgegner der großartige Jason Schwartzman.

Ist auch der besiegt, hält man kurz inne und starrt die Leinwand an. Und wundert sich darüber, dass man in diesem mit visuellem Süßstoff nur so um sich werfenden Film tatsächlich Anteil nimmt am Schicksal der Figuren, die so gar nicht als Avatare erscheinen, sondern als vollständige Wesen.

 

Mehr zu „Scott Pilgrim gegen den Rest der Welt“

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.