Scorpio Nights

Ein kleines, intensives Softsex- und Sozialdrama aus dem Manila der Mittachtziger, das in einem maroden Mietshaus mit allzu durchlässigen Wänden spielt.

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Der Regisseur Peque Gallaga ist auf den Philippinen (und in der filminteressierten Restwelt) vor allem bekannt für sein opulentes Historienepos Oro, Plata, Mata (Gold, Silver, Death) von 1982. Der drei Jahre später entstandene Scorpio Nights ist ideell wie ästhetisch am anderen – dem unteren – Ende der philippinischen Filmproduktionskultur angesiedelt und lässt sich in korrespondierende soziale Gefilde herab. In Oro, Plata, Mata stand die nationale Bourgeoisie (fatalistisch in die geopolitischen Verwerfungen des Zweiten Weltkriegs verstrickt) im Zentrum, hier ist es eine Hausgemeinschaft am lumpenproletarischen Bodensatz der Gesellschaft, der allerdings bis an die untere Mittelschicht heranreicht. Den eigentlichen Slums der Stadt ist das mit Wasser und Strom versorgte Haus immerhin noch überlegen, auch wenn die Wände genauso löchrig und dünn sind wie in Lino Brockas Slum-Melo Insiang (1976). Dadurch werden alle sozialen Konflikte unmittelbar zu intimen und mithin zu solchen der Sexualität. Eine Gruppe von Studenten, ein Wachmann und seine Frau wohnen in den maroden Wohneinheiten; ein Schmied, der im Innenhof sein Handwerk verrichtet, mit seiner transsexuellen Geliebten, sowie ein paar Tagediebe (das Militärregime würde sie vermutlich als „Asoziale“ bezeichnen), die in Dauerschräglage Karten oder (auf der Akustikgitarre) Simon und Garfunkels The Boxer spielen: „I am just a poor boy though my story’s seldom told ...“

Autoerotische Selbstversuche

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Gerade sind die Semesterferien angebrochen. Drei der vier Studenten verlassen die Stadt in Richtung der Dörfer, aus denen sie ursprünglich kommen. Einer, Danny (Daniel Fernando), bleibt allein zurück, in dem schäbigen Kabuff, das er und seine Freunde sich zur Miete teilen. Den in den Urlaub fahrenden Freunden gibt er einen Brief an seine Mutter mit: Auch Danny ist vom Land, einer von vielen, die ihr Glück in der Großstadt versuchen. Einmal allein, widmet er sich seiner Lieblingsbeschäftigung: der Onanie. Seine autoerotischen Selbstversuche sind erst rührend adoleszent, später werden sie immer rigoroser. Noch bevor der Film das Objekt von Dannys Begehren enthüllt, lenkt er das unsere auf Dannys superkurze Jeansshorts. Durch mehrere Löcher im Boden (wie ein Kameramann) beobachtet Danny die Frau des Wachmanns; um ihrem Tun folgen zu können, muss er (wie ein Filmmonteur) immer wieder zwischen den verschiedenen Löchern wechseln.

Intimität, sozial interpunktiert

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Abend für Abend sieht Danny zu, wie der Wachmann spätnachts nach Hause kommt, etwas von dem bereitgestellten Essen isst, um dann ins Bett zu schlüpfen und in seine halb schlafende Frau einzudringen. Nach dem dritten Mal kommt ihm Danny zuvor. Dem Bett nähert er sich nicht, ohne die häuslichen Gesten und Geräusche des Mannes nachzuahmen: Er klappert kurz mit dem Geschirr, hängt sein Hemd auf die Wäscheleine. Aus der Vergewaltigung (nicht dass der Film selbst das so nennen würde) wird eine Schweiß (und andere Körperflüssigkeiten) treibende Amour fou; aus Scorpio Nights eine eskalierende Reihe von Sexszenen. Die Intimität der fleischlichen Liebe wird jedoch interpunktiert, aufgebrochen durch Gespräche und Begegnungen mit den anderen Hausbewohnern. Die dünnen Wände sind durchlässig nicht nur für Dannys begehrliche Blicke (und einmal, in einer besonders delirierenden Szene, für seinen ganzen Arm), sondern für die gesamte soziale Umwelt.

Zwischen verschwitzten Laken der Anfang einer Haltung

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Einem der Studenten spürt ein namenlos bleibender Mann nach, der (wie einer der Hausbewohner bemerkt) verdächtig nach einem Agenten des Militärregimes aussieht. Auch später wird Danny, auf die angespannte politische Situation im Land und seine etwaige Verantwortung zum Handeln angesprochen, lediglich mit den Schultern zucken: Seine Welt endet mit den vier baufälligen Wänden, die das Bett seiner verheirateten Gespielin umgeben. Obwohl sich der Film Dannys eingeschränkte, im Intimbereich gefangene Sicht über weite Strecken zu eigen macht, weiß Scorpio Nights um das, was draußen vor sich geht. Der womöglich vom Regime gesuchte Student entpuppt sich später (wenn er Dannys débauche als „dekadent“ schmäht) als Aktivist. Klar, man müsste auf die Straße gehen, anstatt sich zwischen verschwitzen Laken zu verschanzen. Umgekehrt, so legt Gallaga nahe, liegt in der Weltflucht der ver- und entrückt Liebenden vielleicht doch auch der Anfang einer politischen Haltung.

Trailer zu „Scorpio Nights“


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