Schwesterherz – Kritik

Heike Makatsch und Anna Maria Mühe erleben als ungleiches Schwesternpaar einen Urlaub voller emotionaler Höhen und Tiefen. Für Makatsch, die auch am Drehbuch mitschrieb, ist es die erste Arbeit vor und gleichzeitig hinter der Kamera.

Schwesterherz

„Ist die Welt so scheiße, in der Du lebst?“ muss sich die Musik-Managerin Anne (Heike Makatsch) von ihrer kleinen Schwester Marie (Anna Maria Mühe) an einer Stelle fragen lassen. Annes Welt ist die einer Karrierefrau. Immer muss sie für ihre Kollegen und Mitarbeiter erreichbar sein. Ein Umstand, der ihr im gemeinsamen Urlaub mit Marie einigen Stress beschert. Sie kann sich eigentlich nie entspannen, das Gefühl des „Sich-fallen-lassens“ ist ihr fremd. Eher scheint sie ständig von einer inneren Unruhe angetrieben zu sein, worunter auch die Beziehung zu ihrem Freund Phillip (Marc Hosemann) leidet.

Der neue Film von Ed Herzog (Almost Heaven, 2004) blickt auf zwei gegensätzliche Frauen, die in einem Urlaub – herausgerissen aus dem Alltagstrott und ihrer gewohnten Umgebung – dazu gezwungen werden, sich mit der jeweils anderen auseinanderzusetzen. Dabei ist es die ältere Schwester, die sich einigen für sie unbequemen Wahrheiten stellen muss. Was sie vom Leben und von sich selber erwartet, was sie tatsächlich will und mit welchen Teilen ihrer Biographie sie bereit ist zu brechen, all das stürzt an Gedanken und Fragen auf die nach außen hin taffe Musik-Managerin ein. Während ihre 18jährige Schwester unbeschwert die Tage unter der Sonne und den zunehmend ernster werdenden Urlaubsflirt mit dem gleichaltrigen Max (Sebastian Urzendowsky) genießt, verliert Anne immer mehr den Boden unter den Füßen.

Schwesterherz

Für Heike Makatsch markiert Schwesterherz in gewisser Hinsicht filmisches Neuland. Erstmals stand sie nicht nur als Schauspielerin vor der Kamera, gemeinsam mit der Journalistin Johanna Adorján verfasste sie darüber hinaus auch das Drehbuch. Wenngleich dessen dualistische Struktur leicht zu durchschauen ist – erst die Konfrontation der gegensätzlichen Charaktere Anne und Marie setzt die Dramaturgie und damit Annes Prozess einer schmerzhaften Selbstreflexion in Gang – überraschen Makatsch und ihre Co-Autorin mit einer Reihe stimmiger Beobachtungen einer ansonsten selten portraitierten Frauen-Generation.

Im Kern verbergen sich hinter Annes Selbstzweifeln nämlich moderne gesellschaftliche Mechanismen und Rollenvorstellungen, die dem verstaubten 50er-Jahre-Ideal der treusorgenden Hausfrau und Mutter den selbstbewussten Karrieretypus als neues Leitbild gegenüberstellen. Besonders in dem von Oberflächlichkeit und vorgetäuschter Gutelaune infiltrierten Mediengeschäft machen Frauen, wie Anne eine repräsentiert, die Erfahrung, dass der berufliche Erfolg über den Verlust der Individualität teuer erkauft werden muss. Makatsch selber dürfte das zu spüren bekommen haben, als sie nicht länger bereit war, das ihr jahrelang oktroyierte Girlie-Image zu bedienen.

Schwesterherz

Die Mise-en-scène kehrt sehr direkt und klar Annes Inneres nach außen. Über weite Strecken des Films dominiert eine kalte, geometrische Architektur. Modern, aber gleichsam ohne Eigenschaften, erscheint ihr Zuhause. Sogar das spanische Benidorm wirkt nicht wie ein einladender, sonniger Urlaubsort. Kühles Grau und Blau sind auch dort die vorherrschenden Farben. Kameramann Sebastian Edschmid vertraut auf grobkörnige Digital-Aufnahmen, was dem Film in Verbindung mit der vorrangig verwendeten Handkamera einen insgesamt geerdeten und rauen Grundton verleiht. Im Stil ähnelt Schwesterherz damit den nüchternen Werken der Berliner Schule.

Mit der Rolle der Anne geht Heike Makatsch ein für sie nicht geringes Wagnis ein. Denn ihre Karrierefrau taugt zunächst nicht als echte Identifikationsfigur. Makatsch spielt sie als überdrehte, unausgeglichene, rastlose und zuweilen ungerechte Person, deren Unmut sich gegen sich selber und andere Menschen in ihrem Umfeld richtet. Weil es Anne nicht gelingt, den zerstörerischen Stress aus Beruf und Beziehung hinter sich zu lassen, droht sie zu zerbrechen, was Herzog als dramatischen, emotionalen Wendepunkt inszeniert, ab dem der Zuschauer gewillt sein dürfte, Annes vorheriges Verhalten zu entschuldigen. Anna Maria Mühe hat es da leichter. Ihr Charakter bildet von Beginn an den ruhenden Gegenpol, dem die meisten Sympathien gewiss sind.

Schwesterherz empfiehlt sich vor allem als Schauspielerfilm, der die Leistungen von Mühe und Makatsch in den Mittelpunkt stellt. Der in der Figur der rastlosen Musik-Managerin angelegte Konflikt zwischen charakterlicher Verbiegung im oftmals oberflächlichen Medien-Business und den eigenen Wünschen entlädt sich in einer schlussendlich heilsamen Implosion, die Herzogs Schwesternstück mit einem unerwarteten Hoffnungsschimmer enden lässt.

 

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