Schwerkraft
Schwerkraft gleicht dem blutbefleckten Anzug seines Hauptdarstellers: Stilvolles, großartig inszeniertes Kino mit kleinen Ungereimtheiten, das Fabian Hinrichs wie auf den Leib geschneidert scheint.
Blau. Penibel aufgereiht hängen die dunklen Sakkos auf der Stange. Abstand, Ausrichtung, Farbe: Exakt gleich. Eine symmetrisch aufgeteilte Kommode. Ein Tisch, zwei Stühle, gleiche Distanz zur Kante. Ein Mann, gepflegt, dunkler Trainingsanzug, auf dem Ergometer. Frederik (Fabian Hinrichs) strampelt in seinem Apartment. Soweit läuft alles rund.
Exkurs: „Wenn du eine Waffe zeigst, dann musst du sie auch abfeuern.“ Vielleicht das Paradigma der Thrillerinszenierung. Der Zuschauer kennt die Konventionen, wenn auch unbewusst, er sieht die Waffe, er wartet auf den Schuss. Mittlerweile kommt dieser immer öfter nicht: Diebe der Nacht (Les Voleurs, 1996) von André Téchiné, 4 Monate, 3 Wochen, 2 Tage (4 luni, 3 saptamâni si 2 zile, 2007) von Christian Mungiu. Doch es gibt ein zweites Paradigma, die Umkehrung: künftige Aktion wird nicht durch eine Präsenz (die der Waffe) sondern durch eine Absenz (des Lebens in Frederiks Apartment) vorbereitet. Tricks (Matchstick Men, 2003) von Ridley Scott, Léon – Der Profi (Léon, 1994) von Luc Besson. Beide Logiken gehorchen, gewissermaßen, dem Gesetz der Entropie, wonach jede Ordnung nach größtmöglicher Unordnung strebt: Wo Leben ist, geraten Strukturen aus den Fugen. Chaos wird einkehren in Frederiks Alltag, das Apartment wird verwüstet werden. Hundertprozentig.
In der Bank, Frederiks Arbeitsplatz, sieht es genauso aus wie zuhause. Alles sehr aufgeräumt. Nuancen von Anthrazit, Grau mit einer Tendenz zum Blauen. Emphatisch könnte man sagen: Unterkühlt. Die Kamera bleibt meist statisch, die Farben sind entsättigt, der Raum klar strukturiert. In dieser Welt wird Frederik zu Beginn verortet. Er ist verkörperte Regelbefolgung, Gesten des Emotionalen ruft er, ganz funktional, ebenso ab wie den „professionellen Gesichtsausdruck“. Ngo The Chau, der director of photography, denkt bei der Kadrierung der Figuren immer in drei Dimensionen: Farbe, Bewegung der Kamera, Abstraktion des Raumes. Er moduliert die Beschaffenheit dieser Triade analog zu den Veränderungen der Figuren. Die Bilder von Schwerkraft sind psychologisiert.
Rot. Ein heruntergewirtschafteter Kreditnehmer (Henning Peker) nimmt Frederiks Erklärungen über den desolaten Zustand seiner Finanzen ungerührt hin, sagt „Wiedersehen“ und schießt sich das Hirn aus dem Kopf. Blut spritzt über die funktionale Einrichtung, Rot auf Blau. Der Schuss verwundet Frederiks organisierte Existenz, darunter ruht ein wilder, aufgewühlter Charakter. Schnell wird klar, dass seine kontrollierte Haltung nur das Ergebnis rigoroser Selbstkonditionierung ist, seine Vergangenheit war die des Psychobilly. Fabian Hinrichs ist der ideale Schauspieler für diese Rolle, er kann auf einen beliebigen Gesichtsausdruck unmittelbar jeden anderen folgen lassen. Präzise und kontrolliert verkörpert er die Unberechenbarkeit Frederiks, die Erosion der Oberfläche. Seine Gesten gleichen immer mehr Bruchstücken einer ehedem fest gefügten Schale, die auf einem Fluss anarchischer Magma treiben.
Gut für ihn und für die Story des Filmes, dass er seinem ehemaligen Bandkollegen, dem Ex-Knacki Vince (Jürgen Vogel), über den Weg läuft. Sie treffen sich in einer ranzigen Bar, getaucht in tiefrotes Halbdunkel. Frederik bestellt einen knallblauen Cocktail. Damit ist die Achse seiner Charakterentwicklung aufgespannt: Es geht von blau nach rot, vom Hellen ins Dunkel, von Kontrolle zu Chaos. Hin zur Unordnung des Lebens. Gemeinsam beginnen sie, die Anwesen von Frederiks Kunden auszurauben.
Fleisch. Regisseur Maximilian Erlenwein drückt in Schwerkraft Lebendigkeit durch dreierlei Praktiken aus: Gewalt, Sex und Musik. Die beiden letzten können als relativ unproblematische Kategorien angesehen werden. Sex wurde hierzulande weitestgehend von religiösen Komplexen befreit und den Gefilden des Feel-Good und des persönlichen Genusses zugeordnet. Der Gedanke des musikalischen Rebellentums kann mittlerweile fast romantisch genannt werden, nur strenge Konservative mögen in Klang noch Gefährliches vermuten.
Anders verhält es sich jedoch mit der Gewalt. Schaut man Schwerkraft, möchte man Erlenwein beizeiten den Haneke an den Hals wünschen, so sehr abstrahiert er körperliche Gewalt von ihrem eigentlichen Wesen als Verletzung anderer. Stattdessen wird sie immer der Charakterentwicklung untergeordnet, als Mittel totaler Selbstbefreiung. Erlenwein selbst betont, dass Schwerkraft als Entertainment zu verstehen sei, dass Frederik „stellvertretend für den Zuschauer“ mal „alles ausleben“ dürfe. Wie opportunistisch er sich dabei gegenüber dem anvisierten Zielpublikum verhält, offenbart der Initationsritus, den Vince Frederik auferlegt, um Loyalität und Entschlossenheit unter Beweis zu stellen: Mit der Sturmhaube auf dem Gesicht und dem Aluschläger in der Hand lässt er ihn auf eine Horde Nazis los. Hier werden ganz dumpfe antifaschistische Träumereien bedient.
Diese Szene führt unmittelbar zu einer zweiten Schwachstelle des Filmes: Die Männerfreundschaft zwischen Vince und Frederik bleibt eine psychologische Leerstelle. Erlenwein entwickelt sie eher inszenatorisch als substantiell, ohne Dialoge und Auseinandersetzung. Auf das Nazikloppen folgt eine flotte Montagesequenz der Raubzüge, unterlegt mit treibender Musik, an deren Ende sich die beiden betrunken und lachend in den Armen liegen.
Welches Gewicht der Zuschauer diesen Einschränkungen beimessen mag, sei dahin gestellt. Das sollte jedoch nicht den Blick darauf verstellen, dass Schwerkraft ein extrem gut gemachter, beizeiten sogar beeindruckend starker Film ist. Für einen Debütanten gelingt es Erlenwein erstaunlich gut, die Geschichte zu rhythmisieren, Bilder zu entwerfen, die sowohl stilvoll als auch inszenatorisch schlüssig sind. Der größte Triumph ist allerdings seine Schauspielführung: Hinrichs und Vogel, aber auch die Nebendarsteller harmonieren perfekt miteinander und mit den Bildern. Schwerkraft ebnet damit einen Weg, den das deutsche Kino allzu selten begeht: Eigenständiges, professionell durchdachtes Erzählen, dass sich weder in formaler noch inhaltlicher Hinsicht vor irgendwem verstecken muss. Besseres, weiter reichendes Entertainment findet man hierzulande nicht.
Filmkritik von Nino Klingler
Veröffentlicht am 08.02.2010
Kommentare zu Schwerkraft
gerdchen 05.10.2010 13:05
Super Film, einfach nur geil!
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Blog: Berlinale im Dialog

Verfolgen Sie das Festivalgeschehen der Berlinale auch im deutsch-französischen Berlinale-Blog des DFJW auf critic.de/berlinale-im-dialog
Film-Angaben
Titel: Schwerkraft
Deutschland 2009
Laufzeit: 97 Minuten
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Regie: Maximilian Erlenwein
Drehbuch: Maximilian Erlenwein
Produktion: Manuel Bickenbach, Alexander Bickenbach
Bildgestaltung: Ngo The Chau
Montage: Gergana Voigt
Musik: Jakob Ilja
Darsteller: Fabian Hinrichs, Frederik Feinermann, Jürgen Vogel, Vince Holland, Nora von Waldstätten, Jule Böwe, Eleonore Weisgerber, Thorsten Merten, Jeroen Willems, Fahri Ogün Yardim, Henning Peker
Kinostart: 25.03.2010
DVD-Angaben
Titel: Schwerkraft
Vertrieb: EuroVideo
Bild: 2,35:1, 16:9
Sprache(n): Deutsch (DD 5.1)
Untertitel: keine
Altersfreigabe: ab 16 Jahren
Spieldauer: 99 Minuten
Extras: Making of;Kinotrailer
Verleih ab: 07.10.2010
Verkauf ab: 28.10.2010
Copyright Schwerkraft
Fotos: © Farbfilm
BERLINALE 2012

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