Schwarzer Ozean

Verlorene Unschuld im Mururoa-Atoll.

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Ein französisches Marineschiff mitten im Pazifik. Junge schöne Männer in adretten Vintage-Uniformen führen hier in abwechselnden Schichten ihren Dienst aus, eine endlose Wiederholung der immer gleichen Rituale. Die einen halten Ausschau oder achten darauf, dass das Schiff auf Kurs bleibt, die anderen warten auf eingehende Funknachrichten. Was die genaue Mission dieses Schiffs ist, lässt Schwarzer Ozean (Noir Océan) zunächst aber im Unklaren. 

Nach Der Teufel und die tiefe blaue See (The Devil and the Deep Blue Sea, 1995) verschlägt es die belgische Filmemacherin Marion Hänsel ein weiteres Mal aufs hohe Meer. Wir schreiben das Jahr 1972, wobei sich die poetisch überhöhte Welt des Films mit realer Geschichtsschreibung nicht so recht vertragen will. Vielmehr wirkt das Leben auf Deck wie eine romantische Seefahrer-Fantasie. Der Offizier ermahnt zwar auch mal seine Untergebenen, wenn sie unartig sind, und auch zu eher milden Formen des Mobbings kommt es, eine raue Männerwelt ist das hier aber keineswegs, eher schon eine Oase der Unschuld. Bei deren Darstellung schreckt die Regisseurin dann mit naiven, bildschönen Jünglingen und einem treuherzigen Hund auch nicht vor den Untiefen kalkulierter Niedlichkeit zurück.

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Der Schleier des Geheimnisvollen, der die Figuren und ihre Handlungen umgibt, weckt aber zunächst einmal Neugierde. Drei Matrosen sind es schließlich, die sich aus der Besatzung herauskristallisieren, ohne für den Zuschauer wirklich greifbar zu werden: Der sensible Massina (Nicolas Robin), der nachdenkliche Moriaty (Adrien Jolivet) und der ungeschickte Da Maggio (Romain David). Ihre Vorgeschichte oder soziale Herkunft klammert der Film fast vollständig aus, die Uniform macht alle gleich. Und auch die etwas bemüht lyrischen Gespräche und die Beziehungen untereinander bleiben immer ein wenig abstrakt, wechseln zwischen Zu- und Abneigung und lassen es mitunter auch homoerotisch knistern, ohne dass einer der Beteiligten sein Begehren aussprechen würde.

Hänsel belässt es jedoch nicht bei dieser leicht verkitschten Darstellung von jugendlicher Unschuld. Im Gegenteil dient die zunächst etablierte Idylle vor allem dazu, gebrochen zu werden. In kleinen Portionen werden einem Hinweise gegeben, worauf das alles zuläuft: Offiziere tuscheln über wissenschaftliche Experimente, ein Arbeiter kotzt sich nach einer Expedition die Seele aus dem Leib, und schließlich dürfen auch die Matrosen an einem Versuch teilhaben. Es knallt, gleißendes Licht legt sich über die Weite des Ozeans, und am Horizont steigt eine pilzförmige Rauchwolke auf.

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Plötzlich wird Schwarzer Ozean politisch. Im Auftrag der französischen Regierung wurden seit den 1960er Jahren Atomversuche im Südpazifik durchgeführt. Die Folgen für die Bewohner dieser Regionen, aber auch für die unzureichend informierte Schiffsbesatzung wurden im Namen der Forschung hingenommen. Auch die meisten der jungen Männer bei Hänsel freuen sich über die spektakuläre Explosion, ohne sich über die Auswirkungen bewusst zu sein. In dieser Hinsicht ist Schwarzer Ozean Aleksandr Mindadzes Tschernobyl-Drama An einem Samstag (V Subbotu, 2010) nicht unähnlich, denn in beiden Filmen entsteht ein Spannungsverhältnis aus Atomkatastrophe und unwissender Bevölkerung, die weiterhin auf dem Vulkan tanzt.

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Doch für die Atomversuche interessiert sich Hänsel nur bedingt. Sie dienen vor allem als Metapher für die brutale Realität, die in das sorglose Leben der Matrosen einbricht. Auf einmal wird die keimfreie Welt des Films von ungewöhnlich drastischen Szenen wie tatsächlichen Tierquälereien kontrastiert. Die Wandlung von Moriaty dient schließlich exemplarisch für einen ausgesprochen schmerzhaften Eintritt in die Welt der Erwachsenen. Wer von der Grausamkeit der Welt weiß, wird dementsprechend sein Verhalten ändern.

Mit Schwarzer Ozean verhält es sich streckenweise wie mit dem Marineschiff: Es treibt ruhig im Ozean, ohne seinen Passagieren mitzuteilen, wohin die Reise geht. Irgendwo zwischen skizzenhafter Coming-of-Age-Geschichte und rudimentärem politischem Anliegen bewegt sich der Film und weiß nicht so recht, was er eigentlich erzählen will. Den Freiraum, den Hänsel ihren Zuschauern durch ihre Zurückhaltung bei Figurenzeichnung und dramatischer Zuspitzung gönnt, füllt sie letztlich auch wieder, mit bedeutungsschwangeren Bildern von verlorener Unschuld.

 

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Kommentare


Martin Zopick

Es gibt langweilige Filme und spannende, informative und inhaltsarme. Der hier ist von der letzten Kategorie. Dabei behandelt er ein äußerst wichtiges Thema. Doch an dem erzählt er geradewegs vorbei. Die französischen Atombombenversuche auf dem Mururoa Atoll. Über 30 Jahre lang wurden die Tests von über hundert A-Bomben hier durchgeführt und erst nach heftigem internationalem Protest gestoppt. Noch heute ist das traumhaft schöne Gebiet verseucht und ein Depot von atomarem Müll.
Davon erfahren wir nichts. Man sieht in ewiglangen Einstellungen die Alltagsroutine auf einem Kriegsschiff. Die üblichen Reibereien bei der Besatzung. Ein Hund ist auch mit an Bord! Dann erfährt man von den damals üblichen Schutzmaßnahmen nach Zündung einer Atombombe: Brille aufziehen und hinknien. Nach wenigen Sekunden ist alles vorbei. Das war zynisch! Wenn uns das aber heutzutage (2010) kommentarlos verkauft wird - danach machen die Matrosen einen Angelausflug – ist das nicht nur naiv, sondern auch gefährlich. Die Filmlegende John Wayne wollte damals die Unbedenklichkeit der nuklearen Strahlung beweisen und drehte in einem Gebiet, kurz nachdem eine Bombe gezündet worden war. Er starb an Krebs. Es war wohl nicht sein hoher Zigarettenkonsum. Damals wusste man es nicht besser. Regisseurin Hänsel heute aber schon. Dann lässt sie auch noch völlig unverständlich einen der Matrosen (Adrien Jolivet) aus unerklärlichem Grund weinen. Ein Freund (Nikolas Robin), der Hundefreund, schaut ihm dabei ebenso verständnislos zu wie die Zuschauer. Eine unglaubliche Dreistigkeit so einen Film zu drehen und/oder ihn auch noch im Fernsehen zu zeigen. Die Darsteller wirken laienhaft, es ist auch keine Werbung für die Marine. Nur der Hund Giovanni ist gut. K.V.






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