Schröders wunderbare Welt

Inmitten des trostlos-brachen Dreiländerecks Deutschland-Tschechien-Polen soll eine Lagune entstehen. Alle Planungsbeteiligten stehen Kopf, und doch ist das ausbrechende Chaos eher gemächlicher Natur.

Schröders wunderbare Welt

Wenn Filme in bestimmten, klar zuzuordnenden Regionen spielen und inhaltlich aktuelle politische oder soziale Problematiken aufgreifen, wird sehr oft missverständlich von einem Werk über „Befindlichkeiten“ dieser oder jener Region gesprochen. Je nachdem, wie das Ganze gefilmt ist, kann es schnell auch regional, provinziell wirken. Dem deutschen Kino, das aus verschiedenen eher strukturellen als historischen Gründen häufig sehr stark dem Fernsehen, seinen Erzählweisen und vor allem seiner Ästhetik verbunden ist, haftet häufig das unfreiwillige Etikett „regional“ an. Eine „nationale“ Kinematographie herauszubilden schien lange Zeit ein kaum realisierbares Unterfangen.

So unterschiedliche, in den siebziger Jahren prosperierende Autorenfilmer-Karrieren wie die eines Wim Wenders und Volker Schlöndorff mündeten irgendwann in den achtziger Jahren in europäische oder amerikanische Großproduktionen. Roland Klick und Reinhard Hauff verschwanden vom Regie-Schirm, und zwei Tode hinterließen nicht zu schließende Lücken. Werner Herzog verlor mit Klaus Kinski seinen kongenialen Konterpart, und mit Rainer Werner Fassbinder verstarb der Regisseur, der einem Kino in und über Deutschland am deutlichsten Kontur verleihen konnte.

Seit etwa einer Dekade sind nun wieder Regisseure aktiv, die Filme realisieren, welche ihrem Bezugsrahmen starke Bedeutung einräumen und dennoch international als eigenständige, stilbewusste Kinematographie wahrgenommen werden können. Als zwei Protagonisten können da Andreas Dresen und Christian Petzold genannt werden. Der erste hat sich mit einer rigiden Videoästhetik um intensive, authentisch-einfühlsame „Alltagsgeschichten“ rund um das Berlin-Brandenburgische Land verdient gemacht. Der andere seziert den Nordostdeutschen Raum wie ein Seismograph für gesellschaftlich-emotionale Strömungen.

Schröders wunderbare Welt

Geographisch ordnet sich auch Michael Schorr mit Schröders wunderbare Welt, dem Nachfolgefilm von Schultze gets the Blues (2003), ganz grob hier ein. Konkret soll Schröders (Peter Schneider) wunderbare Welt am Dreiländereck entstehen, und zwar in Form einer Lagunenlandschaft. Schröder kann seinen aus Russland entwurzelten amerikanischen Chef (Jürgen Prochnow) vor allem mit der Verheißung einer archaischen Wolfsjagd in die ländlichen Weiten locken. Bei den Projektplanungen unterstützen soll ihn seine Großstadt-Nachbarin Maria (Michaela Behal), die erfolglose Managerin eines sehr eigenwilligen deutschen Barden (Bernd Begemann). Als mindestens genauso schwierig wie die Projektgestaltung erweist sich der Umgang mit der eigenen Familie. Vater Theo (Karl-Fred Müller) ist Bürgermeister von Tauchritz, der Bruder Helmut (Clemens Deindl) ein wenig aufgeschlossener Skeptiker, die Mutter Anne (Gitta Schweighöfer) mit dem Haushalt beschäftigt und die schwerhörige Oma Henriette (Eva Maria Hagen) von der ewiggestrigen Sorte. Doch während vor allem die Männer sich über kurz oder lang für das ambitionierte Unterfangen gewinnen lassen, geht ein anderes Familienmitglied dazu über, die Sache zu torpedieren: Onkel Wigbert (Gerhard Olschewski), durch und durch Schlesier und graue Eminenz einer Kameradschaft.

Schröders wunderbare Welt

Dieses an sich schlichte Szenario böte genügend Potential für Kalauer und hektische Action. Nicht so bei Michael Schorr. Gerade dieser Regisseur scheint den vom Fernsehen geprägten Konventionen so fern wie kaum ein anderer. Schon Schultze gets the Blues bestach vor allem durch seine strenge Bildkomposition, die Wert auf viele Details, etwa auch im Bildhintergrund, legt. Diesem Stilprinzip bleibt Schorr treu. Seine vielen Protagonisten fängt er nur selten in Nahaufnahmen ein und das Gesamtgeschehen am liebsten in Totalen oder Halbtotalen, die innerhalb einer Einstellung durch Bewegungen der Figuren oder der Kamera einen Narrationsfluss erzeugen, der sich meistens fernab des Dialogs abspielt. Dieses Konzept macht es vor allem zu Beginn und auch über weite Strecken des Films interessant, dem Geschehen zu folgen. Es gibt jedoch einen Punkt, an dem man sich fragt, welche Geschichte einem eigentlich mit dieser Ästhetik erzählt wird. Und ausgerechnet jene entpuppt sich als so flach wie das dargestellte Land.

Innerhalb einer von Fäkalhumor und Brachial-Comedians dominierten Medienkultur auf Zoten zu verzichten, ist begrüßenswert, doch so ganz ohne Pointen kommt ein Film, der sich im Gewand der Komödie präsentiert, nur schwerlich aus. Insofern funktioniert Schröders neue Welt vor allem als Negation, so wie seinerzeit David Lynchs The Straight Story (1999), wenn auch weniger radikal. Gekonnt unterwandert der Film Sehgewohnheiten und weist eine hierzulande selten gesehene Ästhetik auf. Jetzt bleibt zu hoffen, dass der Regisseur, wie es ihm mit Schultze gets the Blues bereits gelungen war, demnächst wieder ein Sujet findet , in dem sein Konzept auch aufgeht und nicht nur formal, sondern ebenfalls inhaltlich in Erinnerung bleibt.

 

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