Schräger als Fiktion – Kritik

Marc Fosters zarte Liebesgeschichte hat einen leichtfüßigen Dreh ins Unwahrscheinliche: Harold Crick sieht sich plötzlich zu einer Figur in einem Roman degradiert. Das ist die Chance seines Lebens.

Schräger als Fiktion

Wer weiß, ob der Film nicht noch die spannendere Wendung bekommen hätte, wäre gar nichts passiert.

Das ist vorher passiert: Harold Crick (Will Ferrell), ein Langweiler, wie er im Buche steht, Steuerbeamter, von Zahlen und vom Zählen geradezu besessen, hört eines Morgens eine weibliche Stimme, die von seinem Leben erzählt, wie es sich gerade abspielt. Da die gebildet klingt und mit größerem Wortschatz spricht, als er selbst es könnte, sucht er zwar zunächst eine Psychologin auf, dann aber einen seltsamen Literaturprofessor (Dustin Hoffman), der ihm nach einigen Versuchen vorschlägt, zur Überprüfung der Theorie, er sei tatsächlich eine Romanfigur, einfach zu Hause zu bleiben und nichts zu tun: wer Hauptfigur in einem Roman ist, so seine Argumentation, den holt die Handlung früher oder später immer ein.

Schräger als Fiktion

Harold folgt seinem Rat: er setzt sich auf sein Sofa, umgeben von Snacks und anderem ungesunden Essen, sieht fern und rührt sich nicht von der Stelle. Die Tierdokumentationen langweilen ihn rasch, aber er wagt es nicht, sich zu bewegen, ans Telefon zu gehen, das ab und an klingelt, oder eben auch nur zur Fernbedienung zu greifen und den Kanal zu wechseln.

Es eröffneten sich ganz neue Möglichkeiten, geschähe nichts: würde Harold, den die mysteriöse Stimme aus seiner alltäglichen Routine gerissen hat, auch ohne die Stimme weiter um die anarchistische Steuerhinterzieherin Ana Pascal (Maggie Gyllenhaal) werben, in die er sich verliebt hat? Wahrscheinlich nicht – Harold ist so ein Typ, der einen richtig großen Schubs braucht, um sein Glück zu finden.

Und so bekommt Schräger als Fiktion (Stranger Than Fiction) seine unerwartete Wendung nicht, Harold Crick aber seinen gewaltigen Schubs: sein Warten und Hoffen darauf, dass nichts passieren möge, wird höchst plötzlich und – es ist ein alter und hier sehr bewusst offensichtlicher Erzähltrick – per deus ex leibhaftiger machina beendet.

Schräger als Fiktion

Denn Schräger als Fiktion handelt natürlich nicht nur davon, was Harold als Figur in dem gerade entstehenden Roman einer Schriftstellerin zu erleiden hat, die dafür bekannt ist, dass alle ihre Hauptfiguren am Ende des Buches das Zeitliche segnen – zu allem Überfluss hat Karen Eiffel (Emma Thompson) eine Schreibblockade, wodurch Harold lange Zeit über sein Schicksal im Unklaren gelassen wird. Der Film verhandelt zugleich natürlich die Strukturen genau jenes Erzählkinos, dem er selbst entstammt: keine Szene ist ohne Bedeutung, alles treibt irgendwie die Handlung voran oder setzt zumindest die Figuren in jene Positionen, aus denen heraus sie aufeinander treffen.

Schräger als Fiktion macht das, das sollte man betonen, durchaus sehr charmant. Die Beziehungen zwischen den Figuren sind, obwohl die Handlung als solche natürlich allen Realitätsbezug vermissen lässt (die Frage, wie Karen Harolds Leben überhaupt erzählen kann, wird weder aufgelöst noch erklärt), überzeugend, und vor allem die zarte, leise Chemie, die sich zwischen dem hier ungewohnt zurückhaltend agierenden Ferrell und Gyllenhaal entwickelt, ist tatsächlich sehr berührend, während Hoffman und Thompson sich in ihren Rollen als weltfremde Literaten sichtlich wohl fühlen und das komische Potential, das darin steckt, voll auszukosten versuchen.

Dass der Film dennoch nicht so recht zum Meisterwerk geraten will, liegt daran, dass vieles zu einfach gestrickt scheint: das Setdesign macht einen zu klaren Unterschied zwischen den geraden Linien, harten Kanten und leeren, kalten Flächen, die – orientiert an Jacques Tatis Play Time (1967) – Harolds Welt ursprünglich bevölkern und den Rundungen und warmen Farben in und um Anas Bäckerei. Die Graphiken, die als Einblendungen Harolds mathematisch strukturierten Geist illustrieren sollen, wirken dabei zu modern und flippig für diesen erst langsam auftauenden Charakter. Auch das Metaspiel mit den eigenen Mitteln des Erzählens ist schon besser und poetischer, spielerischer umgesetzt worden, meist in Filmen, in denen Charlie Kaufman (Being John Malkovich, 1999, Adaption, Adaptation, 2002) als Drehbuchautor seine Finger mit im Spiel hatte.

Schräger als Fiktion

Dennoch gelingt es Schräger als Fiktion durchaus, reflektiert und amüsant zugleich zu sein, wenn Harold etwa Strichlisten über traurige und lustige Momente führt, um herauszufinden, ob er sich wohl in einer Komödie oder einer Tragödie befinde – eine strikte Trennung, die der Film in seiner Erzählweise selbst widerlegt. Und wenn man zu diesem Film raten möchte, dann mit Sicherheit nur zur englischen Originalfassung: Nicht nur wegen des dummen deutschen Verleihtitels, der das offene strange für ein langweiliges schräg eintauscht, und auch nicht nur wegen Emma Thompsons Stimme, die über all dem Geschehen liegt, sondern vor allem für einen einzigen Moment, für eines der romantischsten Wortspiele, das je eine Liebesgeschichte auf der Leinwand hervorbrachte und bei dem man lernt: Zum Rendezvous müssen es nicht immer Blumen sein.

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