Schönheit

Fassaden der Mittelschicht.

Schoenheit 04

Zwei Tücher benötigt die Frau in dem adretten Sommerkleid für die tägliche Arbeit im Haus. Mit dem feuchten wird zunächst abgewischt, das trockene dient der Nachbearbeitung. Putzmittel verwendet die Bankangestellte nicht, denn sonst würden die Katzen in ihrer Abwesenheit über den Tisch schleichen und mit Chemikalien in Kontakt kommen. Eine Zeit lang sehen wir ihr bei ihrer Beschäftigung zu, deren Regelhaftigkeit mehr und mehr auf der Leinwand in Erscheinung tritt, je genauer die Frau ihr Vorgehen beschreibt. Zwischendurch redet sie ein wenig auf eine Katze ein. Sie wirkt zufrieden.

Schoenheit 07

Zufriedenheit. Genau das ist es, wonach der Durchschnittsbürger immer zu streben versucht. In Carolin Schmitz’ Schönheit (2012) erzählen einige Personen aus der sogenannten Mitte unserer Gesellschaft vom Suchen und Finden des mittelständischen Glücks. Doch es ist nicht etwa die Familie, die diesen Menschen Erfüllung gibt. Viele der gezeigten Personen sind alleinstehend oder kinderlos. Sie finden ihre Zufriedenheit in etwas anderem, etwas, was ihnen scheinbar Individualität verleiht und sie der Durchschnittlichkeit entledigt: ästhetische Perfektionierung.

Nach Portraits deutscher Alkoholiker (2010) blickt die Dokumentarfilmerin erneut auf die Befindlichkeiten einer Handvoll deutscher Bundesbürger. Zunächst scheinen die von Makellosigkeit Getriebenen mit den Alkoholkranken wenig gemein zu haben, und dennoch verfolgt Schmitz eine Linie. Sie interessiert sich für die Abhängigen unter uns, für Menschen, die einer Sache verfallen sind. Dass Schönheitsoperationen zur Sucht werden können, gibt eine der Protagonistinnen widerstandslos zu, eine andere spricht vom Zwang, immer und überall geschminkt sein zu müssen.

Schoenheit 09

Bemerkenswert an Schmitz’ Alkoholiker-Dokumentation war die ungewöhnliche, strenge Form, in die die Berichte der Betroffenen eingebettet wurden. In 360-Grad-Schwenks erkundete die Kamera öffentliche und private Orte. Die Monologe der stets unsichtbaren Leidtragenden mochten dabei nicht recht zu den Ansichten von tadellos sauberen Häusern und neugebauten Wohnsiedlungen passen. Schönheit wirkt demgegenüber recht konventionell und folgt keinem festen formalen Konzept. Deswegen mag der Film zunächst etwas beliebig wirken, wahllos sind Schmitz’ Bilder aber nicht. Dieses Mal sehen wir die Personen sehr wohl, sehen sogar mehr von ihnen, als wir vielleicht möchten. Doch wie schon bei den Alkoholikern ist es Schmitz vor allem ein Anliegen, Räume zu zeigen. Sie versteht es, ihren Protagonisten Orte zuzuweisen und dadurch Aussagen zu treffen.

Schoenheit 02

Trotz ihrer Schlichtheit wirken viele der Einstellungen äußerst durchkomponiert. Räumlichkeiten werden dabei stark an die jeweiligen Befragten gebunden. Auffallend ist der Einsatz von Halbtotalen, die die Personen stets in ihr Umfeld einbinden. Die fast durchgehend statische Kamera positioniert sich vornehmlich in eleganten, aber allzu standardisierten Mittelstandswohnzimmern. Oft gibt es glatte Oberflächen zu sehen, alles wirkt symmetrisch und bieder. Auf der Seite der Dienstleister des Schönheitsgewerbes dominiert das Edle. Vor mondänen Tapeten preist der Silikonvertreter die Vorteile anatomischer Implantate an, Barockstühle zieren die hohen Zimmer einer Privatklinik. Hierin verdeutlicht Schmitz die dem Schönheitswahn zugrunde liegende Motivation. Die Kunden wähnen sich als Teil von etwas Exklusivem, als Nonkonformisten, die sich Privilegien geschaffen haben. Der freie Blick auf die Räume suggeriert dem Zuschauer jedoch etwas anderes, die nach Perfektion Strebenden werden von den Bildern nur als gewöhnliche Spießbürger entlarvt.

Schoenheit 05

Am Interessantesten bleibt in Schönheit daher der Subtext, der sich im Visuellen verbirgt. Das karriereorientierte junge Pärchen sitzt in seinem schicken BMW, während sich das Verdeck auf geradezu virtuose Weise in den Kofferraum klappt. Mit einem Mal prescht der Wagen los, und es bleibt die Ansicht des Grundstücks. Mit dem Wagen verschwindet auch das Auffällige aus dem Bild. Hinter dem alten Holzzaun ist eine Reihe der so häufig zu findenden Heckensträucher zu erkennen, gerade noch ragt der obere Stock des schmucklosen Einfamilienhauses hervor: Durchschnittsdeutschland. In derartigen kurzen Einstellungen zeigt sich, dass die Orientierung am Luxuriösen lediglich die schnöde Mittelmäßigkeit zu kaschieren versucht, die diese Personen stets umgibt. Fassaden können nun mal trügen.

Trailer zu „Schönheit“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.