Schnupfen im Kopf

Psychose – das ist die Diagnose. Aber wie lebt es sich mit dieser Krankheit im Kopf? Gamma Bak hat einen Dokumentarfilm über ihr „Verrücktsein“ mit all seinen Risiken und Nebenwirkungen gemacht.

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Im Grunde genommen ist es doch ein biologisches Wunder, wenn das eigene Hirn täglich reibungslos funktioniert – rational und emotional, mit den üblichen Verschleißerscheinungen, aber ohne große Aussetzer. Wer schon einmal schwere Krisen durchlebt oder Drogenmissbrauch betrieben hat, kann vielleicht erahnen, wie es sich anfühlt, wenn diese graue Masse der unendlichen Molekülverknüpfungen zeitweise ihren geregelten Geist aufgibt. Aber was ist, wenn man sein Leben dauerhaft mit einer schweren Geisteskrankheit teilen muss?

Die Autorin und Regisseurin Gamma Bak erlebte im Alter von 30 Jahren nach der Trennung von ihrem damaligen Freund einen Nervenzusammenbruch. Das war 1995, und die sogenannte „paranoide halluzinatorische Psychose“ kam – und blieb. Bak beschreibt in Schnupfen im Kopf die akuten Phasen der Krankheit wie ein Heraustreten aus der Realität und einen ständigen Wechsel zwischen Angst, Größenwahn, extremer Verwirrung oder Paranoia. Zunächst stapelt sie zwanghaft Dinge in den Ecken ihrer Wohnung, später wird sie auch Blackouts haben und sich selbst gefährden. Es folgen Psychiatrieaufenthalte, unzählige Termine bei Neurologen, Psychiatern, Analytikern und Gesprächsgruppen. Im Laufe der Zeit macht Bak Erfahrungen mit einer langen Liste von Medikamenten. Im Abspann des Films werden sie alle genannt: Atosil, Diazepam, Fluanxol, Haldol, Lithium, Truxal ... Sieben Jahre nach dem Ausbruch der Krankheit beginnt Gamma Bak, an einem filmischen Selbstporträt zu arbeiten. Schnupfen im Kopf ist auch ein Akt der Selbstbehauptung gegenüber einem fremd gewordenen Leib und einem durcheinander gewirbelten Leben.

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Der Film mischt Ausschnitte aus Baks früheren Kurzfilmen und Videotagebüchern mit Interviews aus ihrem Freundes- und Familienkreis. Dazwischen nehmen künstlerische Montagen Details der Vergangenheit und der Gegenwart in den Blick: Koffer voll Fotos und unzählige Postkarten zeugen von dem, was war. Dann wieder zeigt die Filmemacherin ihren durch Krankheit und Psychopharmaka gezeichneten Körper in hart ausgeleuchteten Detailaufnahmen. Man bekommt eine Vorstellung vom Inneren einer psychiatrischen Abteilung, ebenso wie vom inneren Medikamentennebel: „Ich finde, die Wirkung von den starken Neuroleptika ist eigentlich so, wie man sich manipulierte menschliche Zustände in Science-Fiction-Romanen vorstellt“, beschreibt es die Regisseurin: „Das Leben mit den Medikamenten ist ‘ne Welt, in der fast alle Gefühle abgeschnitten sind. Ich spüre fast nichts mehr.“

Gamma Bak tritt sich und dem Zuschauer sehr reflektiert und offen gegenüber. Durch die a-chronologische Struktur des Films und durch dessen intime Perspektive wird allerdings auch der Beobachter immer wieder verunsichert und muss sich neu orientieren: Die Aufnahmen springen zwischen den Zeiten und Sprachen hin und her, zwischen Deutsch, Englisch und Ungarisch. Gamma Baks Ex-Freund Dieter Vervuurt, der auch die hauptsächliche Kameraarbeit übernommen hat, spricht zunächst in der Vergangenheit von Gamma, andere reden in der dritten Person über sie. Dadurch entsteht der merkwürdige Effekt, dass die Regisseurin zwar immer Gegenstand der Auseinandersetzung ist – aber oft zugleich abwesend. Oder verdoppelt: In der Eingangsszene zündet sie sich selbst zwei Zigaretten an. Und noch so eine Leerstelle prägt Schnupfen im Kopf: Gamma Baks Mutter, die ihre Tochter jahrelang gepflegt hat, wollte nicht vor die Kamera treten.

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Dass hinter diesem anstrengenden Ringen mit einer lebenslangen Diagnose auch eine sehr spannende Familiengeschichte stecken muss, enthüllt sich nur stückweise. Baks Eltern sind aus dem kommunistischen Ungarn emigriert, und sie sind jüdisch. Gamma sollte sich als Kind der ersten Generation, die frei von Verfolgung und Repression aufwachsen kann, im Westen eine erfolgreiche und glückliche Existenz aufbauen. War dieser Druck zu groß? Oder haben innerhalb der Familie weitergegebene Traumata die junge Frau krank gemacht? Doch wie und warum eine Psychose genau entsteht, lässt sich letztlich nicht klären, auch wenn sich jeder die Schuldfrage stellt. Den Erkrankten bleibt nichts anderes übrig, als die Stoffwechselprozesse im Gehirn als tägliche Herausforderung zu verstehen und zu versuchen, ihren Alltag stets neu zu meistern.

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Schnupfen im Kopf ist nicht nur für Betroffene im weitesten Sinne interessant. Der Dokumentarfilm macht ein Thema öffentlich, das aus der allgemeinen Wahrnehmung gern an den Rand geschoben wird, ins irgendwie Anrüchige oder Obskure. Wer will schon zugeben, sich nicht „im Griff zu haben“, wenn es so wichtig ist, gesellschaftlich richtig zu „funktionieren“? Gleichzeitig wird die Langzeitbeobachtung zum Zeugnis dieser beeindruckenden menschlichen Kraft, die auch unter schwierigsten Bedingungen immer wieder um Autonomie, künstlerischen Ausdruck, ums eigene Leben kämpft.

Kommentare


berti

hallo ich werde den film auf jeden fall irgendwann sehen


lu teichmann

Ein eindrucksvoll ehrlicher Film. Leider reichte schon mein Englisch bei weitem nicht aus, um den wichtigen englischen Interviews folgen zu können - das schränkt leider das Verständnis ein wenig ein.
Der Film wäre sicher auch höchst interessant, um das psychiatrische Krankheitsverständnis kritisch zu hinterfragen.






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