Schneider vs. Bax

Archaische Riten in blitzsauberen Räumen: Der niederländische Regisseur Alex von Warmerdam lässt zwei Auftragskiller aufeinander los.

Schneider vs Bax 07

Schilf. Nichts als Schilf. Langsam wehen die Halme im Wind, ab und zu schiebt sich eine Gewehrmündung aus dem Dickicht. Ein klassischer Kriegsschauplatz. Vielleicht dachte Regisseur Alex van Warmerdam hier an Roberto Rossellinis neorealistischen Film Paisà: An dessen Ende wird kurz vor Ende des Zweiten Weltkriegs eine Gruppe von Partisanen in der ebenfalls schilfbewachsenen Mündung des Po hingerichtet – ein sinnloses Gräuel. Warmerdams Geschichte ist auch die eines Krieges, der trägt sich jedoch in der Jetztzeit zu: Auftragskiller Schneider (Tom Dewispelaere) soll den Schriftsteller Ramon Bax (gespielt von Warmerdam selbst) liquidieren. Bax wohnt in einem Pfahlbau an einem See, mitten in einer endlosen Weite aus Schilf und Wasser. Er ist ebenfalls als Killer tätig und erhält wiederum den Auftrag, Schneider umzubringen. Auftraggeber Mertens, den wir nur zunächst nur an seinem Schreibtisch zu Gesicht bekommen, spielt die beiden gegeneinander aus. So weit die Grundsituation von Schneider vs. Bax.

Rechteckigkeit allerorten

Schneider vs Bax 03

Viel interessanter als die Storyline aber ist die Geometrie des Films. Warmerdam erschafft einen klar strukturierten Raum, in dem er seine Figuren gegeneinander antreten lässt. Es ist der Abglanz scheinbarer Perfektion: Allein Schneiders Wohnung, seine Frau und seine Kinder, die wir zu Beginn sehen, scheinen geradewegs einem Werbekatalog entstiegen. Aber auch Bax’ einsames Künstlerdomizil passt so gar nicht zur Aura des raubeinigen Säuferpoeten. Alle Wände sind frisch geweißt, hübsche Kunstdrucke an der Wand, Rechteckigkeit allerorten und überhaupt, die schiere Sauberkeit des Films badet alles in einer teilnahmslosen Sterilität. Es gibt keine Close-ups und keine verwilderte Stilistik, die den emotionalen Ausbrüchen der Figuren entspräche. Dafür scheint die Sonne, und die Vögel zwitschern im Schilf. Nur was gesagt wird und was die Handlung vorantreibt, besteht im genauen Gegenteil: kaputte Familienverhältnisse, innerliche Verrohung, Selbsthass. Ist das Warmerdams gesellschaftskritischer Kommentar? Während wir uns äußerlich keine Blöße geben und das Bild eines perfekt sortierten Lebens aufrechterhalten, herrschen auf der Rückseite nur Missgunst, Rivalität und Gewalt? Mertens stachelt die beiden Killer immer wieder damit an, dass der jeweils andere ein Kindermörder sei. Bax’ Vater Gerard (Henri Garcin) hat, wie sich herausstellt, seine Enkelin Francisca (Maria Kraakman) missbraucht, die im Beisein ihres Vaters nicht den ersten Nervenzusammenbruch erleidet.

Zerrbild eigener Befindlichkeiten

Schneider vs Bax 09

In Schneider vs. Bax haben – so scheint es – alle Dreck am Stecken. Außer Schneider, mal von seinem Dasein als Auftragskiller abgesehen. Nur hat das eine klare dramaturgische Funktion: Er und Bax sind das Gegenbild des jeweils anderen. Während Schneider sich makellos im jungen Familienglück eingerichtet hat, zieht Bax ein bisschen Speed zum Frühstück und wird gegenüber seiner Geliebten und seiner Tochter zum Ekelpaket, weil er nicht in Ruhe an seinen Texten schreiben kann. Dass Bax von Warmerdam selbst gespielt wird, lässt natürlich die folgenreiche Annahme zu, dass der Regisseur hier seine eigenen Schaffensprobleme zum Sujet macht. Während Schneider das unerreichbare Idealbild abgibt. Er ist zielstrebig, optimistisch, und sein innigster Wunsch ist lediglich, nach dem Auftragsmord rechtzeitig zur Geburtstagsparty seiner Tochter zurück zu sein. „Ich muss stark sein und schlau – Schneider ist es auch“, sagt Bax irgendwann zu seiner Tochter Francisca und entlarvt somit seinen Kontrahenten endgültig als Zerrbild eigener Befindlichkeiten.

Krieg an der Oberfläche

Schneider vs Bax 11

Warmerdam erblickt unter dem Firnis der Wohlstandswelt nichts als eine archaische Tierhaftigkeit des Menschen. Aber das ist eine These, die keine weiteren Fragen aufwirft. Im endlosen Fadengekreuze rund um den finalen Showdown zwischen Schneider und Bax ist alles so flach wie die Szenerie, ein Krieg wütet lediglich an der Oberfläche. Die Figuren sind zwar in sich gefangen, aber in einer seltsam endlosen Weite, die weder Spannung erzeugt noch wirkliche Konflikte heraufbeschwört. Und so zieht Schneider vs. Bax trotz aller zwischenmenschlichen Dramatik an einem vorbei, ohne dass man sich wirklich betroffen oder auch nur gut unterhalten fühlt. Das makabre Setting sorgt zwar hin und wieder für ein Schmunzeln. Aber es bleibt das Gefühl, dass Warmerdam hier Sinnfragen lediglich im Gerüst eines Thrillers zur Schau stellt, ohne sich die Mühe einer ernst gemeinten Antwort zu geben. So bleibt Schneider vs. Bax eine etwas wirkungslose Spielerei, und das ist in diesem Fall schade.

Trailer zu „Schneider vs. Bax“


Trailer ansehen (1)

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.