Schneeland

Schneeland erzählt zwei Geschichten: die Geschichte von der Todessehnsucht der Schriftstellerin Elisabeth und die Geschichte vom Leiden und Lieben der Bauerntochter Ina. Beide Geschichten sollen zusammengehören und werden auch zusammengeführt. Trotz einiger herausragender Schauspieler ist Schneeland jedoch eine fast gänzlich misslungene Konstruktion, weil die Geschichte um Ina durch ihren Rückbezug auf Elisabeth nur instrumentalisiert wird.

Schneeland

Mit einigem Pomp wurde im vergangenen Jahr die 1000. Folge der Fernsehserie Lindenstraße gefeiert. Erfinder, Produzent und immer noch Mit-Autor der Serie Hans W. Geißendörfer präsentiert nun fast gleichzeitig seinen zehnten Kinofilm. Ein Dutzend Jahre nach seinem letzten, der Dürrenmatt-Adaption Justiz (1993), wartet der Regisseur nun – wie er selbst sagt – mit einem „riesigen Schauspielfilm“ auf, „wie er in Deutschland nicht alle Tage gemacht wird“. Und tatsächlich ist Schneeland zuallererst ein Werk großer Schauspieler. Ulrich Mühe, Julia Jentsch und Thomas Kretschmann präsentieren die von ihnen gespielten Charaktere mit Einsatz, Wucht und Ausdrucksstärke, wie es im Kino selten geworden ist. Dennoch vermag der Film als Ganzes nicht zu überzeugen, was wesentlich an seiner Erzählkonstruktion liegt, die Geißendörfer – wie so oft in seinen Literaturadaptionen – einfach 1:1 aus der schwedischen Romanvorlage Schneeland (Hohaj, 1997) von Elisabeth Rynell übernommen hat.

Mit der Schriftstellerin Elisabeth (Maria Schrader) beginnt der Film. Wir erfahren nichts von ihr – da sie aber einen sehr labilen Eindruck macht, ahnt man, dass irgendwann „etwas Schlimmes“ in ihrem Leben geschehen sein muss. Schwülstige Sätze wie „Für Elisabeth war es immer leichter zu lieben, als sich lieben zu lassen“ rücken die Figur zusätzlich weit weg. Dann geschieht noch etwas Schlimmes. Sie erhält einen Anruf: ihr Mann ist tödlich verunglückt. Die Kinder verstoßend und das eigene Leben wegwerfend, will Elisabeth dem Mann in den Tod folgen und macht sich auf den Weg in die verschneite schwedisch-lappländische Landschaft, um hier zu erfrieren. Dies ist die eine Geschichte, die der Film erzählt. In sie eingeflochten werden immer wieder Szenen, die sich mehr und mehr zu einer eigenen Geschichte verdichten, die das Schicksal der Elisabeth – so schlimm es freilich ist – vor allem in der Parallelmontage klein, nichtig und lächerlich erscheinen lassen.

Schneeland

In dieser eingeschachtelten Geschichte ist es Frühling, fast Sommer, der Schnee verschwunden, dennoch wirkt alles kälter als bei Elisabeth im Schnee. Auf einem kleinen Bauernhof lebt Knövel (Ulrich Mühe), ein buckliger Tyrann, dessen Frau (Susanne Lothar) gerade stirbt; die 20jährige Tochter Ina (Julia Jentsch) nimmt ihre Stelle ein – und zwar nicht nur als Bäuerin, Köchin und Magd, sondern auch ganz physisch als Frau. Knövel schlägt seine Tochter nicht nur blutig, wenn sie nicht gehorcht, er vergewaltigt sie, wenn ihn seine Lust überkommt. Es ist den Schauspielern in diesem 2-Personen-Stück hoch anzurechnen, dass die Konstellation nicht in einer Farce endet. Der immer überzeichnete Realismus, der alles zeigt und nichts andeutet, wird fast immer von den kleinen Gesten Jentschs und Mühes überboten. Das von Geißendörfer hier dennoch zelebrierte, ganz konventionelle Ausstattungskino, das schon seine Zauberberg-Adaption (1981) so kläglich scheitern ließ, weil er am Roman vorbei inszenierte, findet sich hier wieder und verdeckt einen großen Teil der inneren Dramatik mit seinem Kitsch.

Nun ist aber Elisabeth Rynell nicht Thomas Mann. Im Zauberbergfilm blieb zumindest die Geschichte glaubwürdig, da sie dem Roman folgte, in dem sie meisterhaft konsequent entwickelt wurde. Geißendörfers Schneeland wiederholt nun aber, was schon in der Romanvorlage nicht funktionierte: weil der Zuschauer Elisabeth gar nicht kennen lernen kann, gehört seine Empathie immer Ina. Sie wird zur Identifikationsfigur. Abzulesen ist das besonders an der Liebesgeschichte zwischen Ina und dem Hirten Aron (Thomas Kretschmann), deren Zuneigung sich langsam entwickelt. Ina ist verschüchtert und kann sich nur langsam darüber klar werden, dass dieser andere Mann Liebhaber und Freund sein kann. Thomas Kretschmann spielt Aron mit bewundernswerter Gelassenheit und Ruhe, mit Einfühlungsvermögen und dennoch stark erotisierender Männlichkeit.

Schneeland

Aber die Leidens- und Liebesgeschichte Inas wird immer vor der Folie des Geschehens um Elisabeths erzählt. Diese ist es dann auch, die in einer Hütte Aufzeichnungen von Ina findet und jene Geschichte daraus macht, die wir gerade gesehen haben. Das Zusammenfallen der Vergangenheit – die Szenen mit Knövel, Ina, Aron spielen 1937 – mit der Gegenwart hat natürlich ein Ziel: Denn als Elisabeth im Leben Inas liest, glaubt sie eine Seelenpartnerin, eine Mit-Leidende gefunden zu haben und Maria Schrader – die ohnehin den unglücklichsten Part des Filmes hat, weil sie fast unausgesetzt kitschig-schwülstige, im besten Falle nur unpassende Sätze sprechen muss – blickt als Elisabeth dann auch mit Tränen in den Augen gen Kamera: „Ich werde deine Geschichte erzählen! Danke, Ina! Ich werde gehen, wieder in mein Leben.“ – Ein Leiden, das der Zuschauer miterlebt hat, an dem er mitleiden konnte, dient hier vorsätzlich nur noch der Katharsis, der Schmerzstillung und Selbstbefreiung einer anderen Person und wird seiner Eigenheit so beraubt.

Kommentare


Ursula Hörmle

Dieser Film war so ergreifend, daß ich immer noch beim Gedanken an diese Geschichte Gänsehaut bekomme. Bei anderen Filmen im Kino ist es meist so, daß die Zuschauer bereits beim Abspann aufstehen und das Kino verlassen. Bei diesem Film war es bis zum Ende der Vorführung und sogar noch einige Minuten danach sehr still im Saal, und man spürte die Ergriffenheit der Zuschauer förmlich. Er nach einigen schweigenden Minuten verließen die Leute den Kinosaal. Gut gespielt, gut umgesetzt. Ich habe mir diesen Film sogleich auf DVD erworben.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.