Schmetterling und Taucherglocke

Julian Schnabel will uns spüren lassen, was es heißt, gelähmt zu sein. Seine Regie wurde in Cannes und mit einem Golden Globe prämiert – Auszeichnungen, die auch der erstaunlichen Hauptfigur gelten könnten.

Schmetterling und Taucherglocke

In vielen Filmen erfährt man die Welt durch den Blick eines Anderen oder wird an Orte versetzt, die man in seinem Leben sonst nie erreichen würde. Der New Yorker Maler und Regisseur Julian Schnabel (Bevor es Nacht wird, Before Night Falls, 2000) versucht darüber hinaus, die minimierte Bewegungsfreiheit und eingeschränkte Sicht seines Protagonisten auf uns zu übertragen: Das Geschehen der ersten halben Stunde sehen wir ausschließlich durch das linke Auge eines Mannes, dessen restlicher Körper paralysiert ist. Wir hören seine Gedanken und flattern mit ihm wie ein Schmetterling durch die Landschaft seines Geistes, den sein Zustand nicht lähmen kann, der ganz im Gegenteil wacher denn je ist.

Schnabel schickt uns auf eine Reise in das Innere von Jean-Dominique Bauby. Der Chefredakteur der französischen „Elle“ und Vater von drei Kindern (der wirkliche Bauby hatte nur zwei) erleidet während einer Autofahrt einen Schlaganfall, der seinen Hirnstamm schädigt. Aus dem Koma erwacht, realisiert der 43-Jährige, dass er nicht nur gelähmt, sondern auch stumm ist. Die Ärzte erklären ihm, dass er am „Locked-In-Syndrom“ leidet, und die Heilungschancen hierfür schlecht stehen. Lediglich seinen Kopf kann er noch etwas bewegen und mit dem linken Augenlid blinzeln – es wird zu seinem einzigen Sprachrohr und zum Diktiergerät.

Schmetterling und Taucherglocke

Mit Hilfe eines Alphabets, welches die Buchstaben nach ihrer Häufigkeit in der französischen Sprache ordnet, verfasst Bauby die 28 Kapitel seiner Autobiographie Schmetterling und Taucherglocke. Eine geduldige Verlagslektorin liest ihm immer wieder aufs Neue „E-S-A-R-I-N-T-U…“ vor, und er blinzelt bei dem Buchstaben, der notiert werden soll. Der einstige Dandy, der bislang vor allem schnelle Flitzer und schöne Frauen im Kopf hatte, wird während dieser mühsamen vierzehnmonatigen Arbeit zum nachdenklichen, phantasievollen und sehr amüsanten Schriftsteller. Drei Tage nach der Veröffentlichung des Buches stirbt Bauby an Herzversagen.

Das Experiment des Regisseurs und seines Kameramanns Janusz Kaminski, uns im ersten Teil der Handlung mittels subjektiver Kamera vollständig die Rolle der Hauptfigur einnehmen zu lassen, ist für eine Produktion, die ein breites Publikum ansprechen möchte, ein ebenso ungewöhnliches wie gewagtes. Ob es funktioniert und tatsächlich einer intensiveren Identifikation dient oder eher als allzu offensichtlicher ästhetischer Trick, möglicherweise sogar als Überinszenierung empfunden wird, hängt stärker als es jede konventionellere Erzählweise ohnehin tut, von der individuellen Rezeption und Akzeptanz des Zuschauers ab. Was in der Literatur selbstverständlich ist und mühelos gelingt, kann im Film künstlich oder forciert wirken, besonders bei einem derart speziellen Blickwinkel wie in diesem Fall.

In der Eingangssequenz wachen wir als Bauby in einem Krankenhausbett auf. Die Bilder sind teils scharf, teils unscharf, Gesichter von Ärzten rücken extrem dicht an uns heran, Geräusche nehmen an Lautstärke zu, dann wieder ab. Selbst als dem Patienten das rechte Auge zugenäht werden muss, verharrt die Kamera in der Ich-Perspektive. Das hiermit bezweckte klaustrophobische Gefühl wird allein durch die häufig sarkastischen Off-Monologe Baubys durchbrochen. Wenn ihm eine Logopädin mit auffallend erotischem Mund direkt vor der Nase Zungenübungen vormacht, und sich der Frauenheld ihr nicht nähern kann, kommentiert er seine unfreiwillige Passivität mit einem „Das ist so ungerecht“.

Schmetterling und Taucherglocke

Erst die Addition der Außensicht und die folgenden Perspektivwechsel erzeugen Empathie und lassen erahnen, was es bedeutet, in Baubys Haut zu stecken. Die verzerrten Gesichtszüge, das zugenähte rechte Auge und die Schläuche an seinem Körper stehen im Kontrast zu zeitlich und räumlich ausschweifenden Erinnerungs- und Phantasieszenarien. Mit diesen entflieht der Mann in der Taucherglocke seinem physischen Korsett und wandelt seinen anfänglichen Wunsch zu sterben in eine neue introvertierte Art zu leben um. Mit Aufnahmen von Stränden, Schnee- und Wüstenlandschaften zelebriert Schnabel die unbegrenzten Fähigkeiten und Schönheiten eines gesunden Geistes. Schmetterling und Taucherglocke (Le Scaphandre et le Papillon) wird so zum atmosphärischen Gegenentwurf zu Dalton Trumbos Johnny zieht in den Krieg (Johnny Got His Gun, 1971) , in dem die Psyche eines kriegsversehrten Soldaten vorrangig Albtraumbilder kreiert.

Julian Schnabels Portrait ist am erfolgreichsten und ergreifendsten in der Veranschaulichung von Baubys Angewiesenheit auf die Menschen in seinem Umfeld. Er begegnet ihr mit gedanklicher Unabhängigkeit, erfrischendem Trotz und beißendem Humor. In Schnabels Debütfilm Basquiat (1996) wird ein Surfer von einer Welle ins Meer gerissen als Metapher für den körperlichen und emotionalen Absturz des Protagonisten. Als Jean-Dominique Bauby zum ersten Mal den Ernst seiner Lage begreift und an ihr zu verzweifeln droht, bricht ein riesiger Eisberg in sich zusammen – ein Bild, das nach der Vollendung seines Buches zurückkehrt. Nur diesmal spult der Regisseur den Zerfall zurück, und der Berg baut sich zum Abspann wieder auf. Es ist ein wuchtiger Anblick, der in einem Film, der Schwerelosigkeit ausstrahlt, umso kraftvoller ist.

Trailer zu „Schmetterling und Taucherglocke“


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Kommentare


Auskenner

Die Golden Globes gibts nicht in Cannes! Bin zum ersten Mal auf der Seite. So ein grober Fehler gleich zu Beginn überzeugt nicht unbedingt.


Frédéric

Hallo Auskenner,

zwischen Cannes und den Golden Globes steht ein *und*. Schnabel wurde sowohl in Cannes als auch mit einem Golden Globe prämiert.


Auskenner

Oh, ja, wie unangenehm - der Auskenner kann nicht richtig lesen - sorry!


FilmNerd23

Ich kann den Film nur empfehlen. Meine Empathie mag wohl sehr ausgepägt sein, denn dieses Meisterwerk hat mich zu Tränen gerührt.






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