Schläfer

Misstrauen, Neid, Paranoia. Mit Schläfer liefert Benjamin Heisenberg ein düsteres Bild unserer Gesellschaft anhand eines individuellen Schicksals vor einem hoch politischen Hintergrund.

Schläfer

Der Anfang von Schläfer erinnert stark an die ersten Bilder von Caché; sie stellen ebenfalls das Beobachten selbst in den Mittelpunkt und weniger das Beobachtete. In den ersten Minuten von Benjamin Heisenbergs Film ist ein Stadtpark bei Sonnenschein zu sehen. Trotz des heiteren Vogelgezwitschers erzeugen die Aufnahmen von Reinhold Vorschneider ein beklommenes Gefühl, ähnlich wie Christian Bergers Kamera, wenn sie den Hauseingang des bürgerlichen Ehepaares in Paris observiert. Man wird in die Position des ausgestellten Beobachters versetzt und fühlt sich zugleich selbst im Visier. Doch wer ist es dann, der einen beschattet, ausspioniert und verfolgt? Und vor allem zu welchem Zwecke?

Nicht nur in der Strategie der Verunsicherung ähneln sich die beiden Filme, sondern ebenso in der Haltung, das Private als etwas Politisches zu behandeln. Beide thematisieren den Verfall unserer von Misstrauen und Paranoia geprägten Gesellschaft anhand eines individuellen Schicksals vor einem hoch politischen Hintergrund. Beherrscht bei Michael Haneke der Algerienkrieg unterschwellig das Geschehen, ist es bei Heisenberg der Terrorismus, oder genauer die Rasterfahndung in Deutschland, deren Ursprung und Auswirkung zum Ausdruck kommt.

Schläfer

In Schläfer ist es der Verfassungsschutz, der ein jeden beobachtet, stets überall präsent ist – mit Hilfe von dem Verdächtigen nahe stehenden Personen, also einfachen Mitbürgern. Der junge Virologe Johannes soll seinen algerischen Kollegen Farid überwachen, fortlaufend Auskünfte über dessen Beziehungen, Gewohnheiten und Ansichten liefern, obwohl oder gerade weil er mit diesem befreundet ist. Widerwillig und mit ungutem Gefühl erfüllt er den Auftrag, jedoch mehr aus persönlichen Gründen denn aus höherer Verantwortung. Johannes und Farid sind Konkurrenten in der Wissenschaft und – trotz ihrer Freundschaft – auch auf privater Ebene. In der Uni arbeiten sie an demselben Virenprojekt, allerdings mit unterschiedlichen, sich eher ausschließenden Ansätzen; im Café verlieben sich beide in dieselbe Frau.

Eigentlich, könnte man denken, ist es eindeutig, auf welcher Seite man steht, wird jemand zum Denunzianten und liefert sogar seinen engsten Freund – und dazu noch aus niederen Gründen – dem Verfassungsschutz aus. Doch so leicht macht es Benjamin Heisenberg dem Zuschauer nicht. Durch die komplexe Konstruktion seiner Geschichte verweigert er eine eindeutige Positionierung. Ebenso verwirrt wie die Figuren im Film, die nicht wissen, wem sie trauen können, woran sie sind und was sie am besten tun sollten, ist man selbst. Zusammen mit ihnen irrt man durch das riesige Labyrinth an Gängen, sei es in den Laboratorien der Forschungsstätte, in der Ruinenlandschaft von „Ego-Shooter“-Spielen, die fortwährend von den Virologen ausgetragen werden, oder ganz einfach im Leben.

Schläfer

Nichts ist klar, alles zweifelhaft, alles wirkt duster und kalt. Weder kann man ein tiefes Mitgefühl für Farid als Opfer der Rasterfahndung entwickeln, noch lässt sich Johannes so leicht verurteilen. Vielleicht liegt dies an der Illoyalität Farids gegenüber seinem Freund. Erst kommt er ohne zu zaudern mit Beate zusammen, dann taucht plötzlich nur er als Mitarbeiter einer wichtigen Studie auf. Auf der einen Seite lässt sich das Verhalten des jeweiligen Freundes gut nachvollziehen und erklären, wenngleich auch nicht leicht akzeptieren, auf der anderen schafft Heisenberg durch ein recht abstraktes Figurenkonzept ohne jegliche psychologische Tiefe eine große Distanz, die ein empathisches Einfühlen unmöglich macht.

Der Film selbst erscheint als streng durchdachte Versuchsanordnung, die die gegenwärtigen Verhältnisse aufzeigt. Teils sehr direkt, vermittelt er ein eindringliches Bild einer vielmehr psychisch denn physisch gewaltvollen Gesellschaft, das „gewisse Grundrauschen“, welches die Auftraggeberin vom Verfassungsschutz zu spüren vermeint. Bewegt man sich durch die virtuelle Ruinenlandschaft wird deutlich: Nicht um die Verteidigung gegen Feinde, sondern um die Suche nach oder besser die Schaffung von diesen geht es.

In welcher Realität leben wir eigentlich? Was sehen wir und was wollen wir sehen? Heisenberg nimmt sich diesen Fragen an, behandelt sie auf verschiedenen Ebenen. Dass diese eigentlich eines jeden Alltags bestimmen (sollten), davon zeugt die unspektakuläre Ästhetik, in der der Film gehalten ist, die sich ähnlich wie bei Christoph Hochhäuslers Milchwald, an dessen Drehbuch Heisenberg mitschrieb, durch eine gewisse Beiläufigkeit auszeichnet. Alles geschieht, als könnte es sich ebenso gut auch anders ereignen, aber eigentlich, wiederum, zwangsläufig nur so. Ein latenter Fatalismus beherrscht das Geschehen. Am Ende sind die Tierversuche deutlich zu sehen, die Johannes mit den kleinen Mäusen in dem Labor macht: Erst bricht er ihnen das Genick, dann schlitzt er ihren Bauch auf, entnimmt ihnen die Eingeweide, zerschneidet und zerstampft diese. Wie das Experiment ausgehen wird, ist ungewiss.

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