Schindlers Häuser

Rudolph M. Schindler zählt zu den wichtigsten Vertretern der klassischen Architektur-Moderne des letzten Jahrhunderts, war jedoch bislang nur Kennern bekannt. Heinz Emigholz suchte Schindlers unkonventionelle Bauten in Südkalifornien auf und legte ein außergewöhnliches filmfotografisches Album an.

Schindlers Häuser

Zunächst ist die Stimme des Filmemachers zu hören. Sie nennt Tag und Uhrzeit und beschreibt eine scheinbar beliebige Straßenecke in West-Hollywood an einem Sonntag des Jahres 2006, 11 Uhr, 4 Minuten. Wir sehen zwei Werbetafeln, wenige Autos, einen Passanten. „Irgendwo auf diesem Bild ist ein Haus von Rudolph Schindler versteckt.“ Gerade, als man bereit ist, sich von der leicht trägen Männerstimme durch den weiteren Film und das Werk des in Wien geborenen und nach Amerika emigrierten Architekten Rudolph Schindler (1887-1953) führen zu lassen, schweigt der Erzähler und lässt die Gebäude für sich sprechen.

Schindlers Häuser haben ihre Türen für Heinz Emigholz geöffnet. Es sind vierzig Bauten, zumeist kleinere Privathäuser, die jeweils mit einer schlichten Texttafel eingeführt werden. Dann folgen verschiedene Einstellungen von außen und innen. Sie sind mehrere Sekunden lang, statisch, meist menschenleer und dennoch mit einer eigenartigen Spannung aufgeladen. Das Kameraauge nimmt stets eine leicht angeschrägte Perspektive ein, und interessiert sich weniger für Totalen als für den fragmentierten Blick: für Details, die Reibung zwischen den verschiedenen Baustoffen Beton und Holz, für Ecken, Stützen und ungewöhnliche Fensterfachungen, für das Zusammenspiel zwischen wild wuchernder Natur und steinerner Behausung, für die angenehm natürliche Lichtführung und die Durchdringung von Außen und Innen. Die faszinierende Ausbeute des aufmerksamen Blicks von Regisseur, Kameramann und Cutter Emigholz ist genau das Gegenteil jener Hochglanzpanoramen und Weitwinkelposen, wie sie häufig in Architektur-Katalogen zu finden sind.

Schindlers Häuser

Die geruhsame Stimmung eines menschenleeren Sonntagmorgens zieht sich durch den gesamten Film. Nur ferne Straßengeräusche, leises Klavierspiel, Hundegebell oder ein einsames Telefonklingeln zeugen von der äußeren Gegenwart und den Menschen, die tatsächlich mit und in Schindlers Häusern leben. Sie haben merkwürdig wenig Spuren in den aufgeräumten bis nahezu unbewohnt wirkenden Räumen hinterlassen. In den „intimsten“ Einstellungen ist ein leeres Schlafzimmer zu sehen, darauf ein Wohnzimmer mit mehreren dösenden Katzen. Man könnte annehmen, Schindlers Häuser sei ein meditativer Film. Doch unablässig projiziert sich der Zuschauer im Geiste selbst in die dreidimensionale Welt der Häuser und versucht, sich in ihnen zurechtzufinden – bis die Reise durch den architektonischen und den filmischen Raum mit dem nächsten Schnitt unaufhaltsam weitergeht.

Dabei bewahren die Gebäude immer einen Rest Fremdheit. Sie sind einladend und lebhaft, aber roh und kantig, lichtdurchflutet, aber komplex und verschachtelt – sie haben Charakter. Heinz Emigholz, den man in Ermangelung einer treffenderen Bezeichnung „Experimentalfilmer“ nennen kann, schätzt und schützt das Eigenwillige, indem er es nicht durch Kommentare oder aufdringliche Narration bevormundet. Das ist selten und verdient ebensoviel staunende Beachtung wie die großartigen Häuser Rudolph Schindlers.

 

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