Schießen Sie auf den Pianisten

Der Film ist die erste einer Reihe von Adaptionen amerikanischer Kriminalromane, die sich Truffaut auf originelle Weise aneignet.

Schießen Sie auf den Pianisten

Nach ihren überragend erfolgreichen Debütfilmen traf Truffaut wie Godard die schwerste Herausforderung jeder Regisseurskarriere: der zweite Film. Und beide entschieden sich thematisch für einen Richtungswechsel. In Schießen Sie auf den Pianisten (Tirez sur le pianiste, 1960), einer Adaption des gleichnamigen amerikanischen Kriminalromans von David Goodis, liefert Truffaut eine komische Replik auf die Hollywood-B-Movies.

Charlie Kohler (Charles Aznavour), Pianist in einem obskuren Pariser Tanzlokal, hegt ein Geheimnis, das außer ihm nur seine Freundin Léna (Marie Dubois) kennt. Sie möchte ihm helfen, wieder so erfolgreich zu werden, wie er gewesen ist. Aber Charlie hat seltsame Brüder, die in kriminelle Machenschaften verstrickt sind. Und weil man seinem Schicksal nicht entkommen kann, werden die beiden Liebenden gegen ihren Willen in die Konflikte der Gangsterwelt hineingezogen, die in einem tödlichen Showdown auf dem Land enden.

Wie in Außer Atem werden hier Melodrama, Gangsterfilm, Komödie und Liebesstory zu einem überraschenden Genremix mit vielen unerwarteten Stimmungswechseln verquickt. Zudem teilt Schießen Sie auf den Pianisten, der mit den Erzählnormen bewusst bricht und einer burlesken Logik mit einem Feuerwerk von Gags folgt, mit Godards Debütfilm dessen anarchistische Seite. Und ähnlich wie Godard in Der kleine Soldat experimentiert Truffaut mit der literarischen Technik des inneren Monologs.

Schießen Sie auf den Pianisten

Vor allem ist Schießen Sie auf den Pianisten aber auch eine Fortsetzung des autobiographischen Projekts, das Truffaut in Sie küssten und sie schlugen ihn begonnen hat. Der Regisseur liefert sich in der vermeintlich objektiven Geschichte vielleicht sogar noch mehr aus, denn hinter der Gangsterintrige erzählt er seine zentralen persönlichen Themen: Es ist ein Film über die Freundschaft zwischen Männern, über die Schüchternheit gegenüber dem anderen Geschlecht, aber auch über eine Baudelaire’sche Obsession für die Frauen, die allen männlichen Figuren des Films anhaftet.

Im Gegensatz zu Godards zweitem Film wurde Schießen Sie auf den Pianisten von den zeitgenössischen Kritikern gelobt. Weil der große Publikumserfolg jedoch ausblieb, sprach Truffaut selbst aber von einem Misserfolg und hat sich in seiner Laufbahn nie wieder an einen derart idiosynkratischen Film herangewagt.

Mehr zu „Schießen Sie auf den Pianisten“

Kommentare

Es gibt bisher noch keine Kommentare.






Kommentare der Nutzer geben nur deren Meinung wieder. Durch das Schreiben eines Kommentars stimmen sie unseren Regeln zu.