Scherbenpark

Sascha hat zwei Ziele vor Augen: etwas schreiben und jemanden töten. Nicht ganz leicht im Gefühlschaos des Coming of Age.

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Erwürgen, Erstechen, vom Balkon werfen. Es gibt viele Möglichkeiten, jemanden loszuwerden. Während Sascha (Jasna Fritzi Bauer) die verschiedensten Mordmethoden ausbreitet, hört ihr Bruder Anton (Cedric Koch) gespannt, aber gelassen zu. Etwas einzuwenden hätte er nicht, obwohl sich die bösen Gedanken gegen den eigenen Stiefvater richten. Die Motivation hinter dem Plan erfahren wir en passant. Er ist Konsequenz eines schockierenden Ereignisses, was aber mit einer Nonchalance vermittelt wird, die so gar nicht zu den dreckigen, grauen Betonmassen passt, die die beiden Geschwister umringen. Regisseurin Bettina Blümner begibt sich mit ihrem zweiten Langfilm Scherbenpark (2013) in vertraute Gefilde. Bereits in ihrer Dokumentation Prinzessinnenbad (2007) begleitete sie junge heranwachsende Frauen in ihrem sozialen Milieu.

Sascha ist Tochter einer alleinerziehenden russischen Einwanderin und lebt im Plattenbau. Als sie einen beschönigenden Zeitungsbericht über ihren wegen Mordes an der Mutter inhaftierten Stiefvater entdeckt, nimmt sie Kontakt zur Redaktion auf, um sich zu beschweren. Redakteur Volker Trebur (Ulrich Noethen) will Wiedergutmachung leisten und nimmt die 17-Jährige bei sich auf.

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Coming-of-Age-Geschichten haben es in Deutschland eigentlich nicht leicht. Während Jugendabenteuer im Stile von TKKG (2006) die ganz großen Leinwände füllen, werden Filme wie Ein Tick anders (2011) oder Am Ende eines viel zu kurzen Tages (Death of a Superhero, 2011) gerne ins Arthouse-Programm abgedrängt. Das hat vielleicht weniger mit dem Fokus auf Randgruppen oder heteronormative Abweichungen zu tun als mit Produktionshintergründen. Scherbenpark, der soziale Brennpunkte und Migration thematisiert, könnte bei der Kinoauswertung Glück haben, immerhin basiert der Spielfilm auf dem gleichnamigen Erfolgsroman der Deutsch-Russin Alina Bronsky. Auffällig ist, wie das Drehbuch von Katharina Kress den Fokus der Romanvorlage verschiebt. Während Bronsky neben der Liebesgeschichte viel mehr auf den Mord an der Mutter und die Familiensituation eingeht, konzentriert sich der Spielfilm fast ausschließlich auf das Verhältnis der jungen Frau zu den Männern, mit denen sie Kontakt hat.

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Es ist ein Changieren zwischen abgrundtiefem Hass und einer großen Faszination für das andere Geschlecht. Sascha begegnet ihren männlichen Kommunikationspartnern oft von vornherein ruppig oder verfällt recht schnell in einen rüden Ton. Männer sind der allgegenwärtige Dreh- und Angelpunkt ihrer Gedanken und Handlungen, was manchmal gar nicht so explizit herausgearbeitet wird. In Gesprächen mit anderen Frauen im Film gerät Sascha oft in Rage, doch diese Wut ist letztlich eng an einen männlichen Auslöser gekoppelt. Freundin Anna (Maria Dragus) will sich schwängern lassen, und Tante Mascha (Jana Lissovskaia) hat eine Affäre mit einem Bekannten aus der Gegend. Verständnis hat Sascha weder für das eine noch das andere.

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Scherbenpark erzählt von der komplexen Gefühlswelt einer jungen Frau gegenüber der unergründlichen Männerwelt und wechselt dabei zwischen Sozialdrama und Liebesgeschichte. Ihrer neuen Bekanntschaft Felix (Max Hegewald) versichert sie, dass sie keinen Mann an ihrer Seite brauche. Der Wunsch nach Unabhängigkeit, den sie beteuert, zeigt sich aber bald als bloßer Schutzmechanismus beziehungsweise Stolz. Glücklicherweise wählt Blümner hier nicht den Weg des psychologisierenden Dramas, was sich durchaus angeboten hätte. Überhaupt wird hier nichts dramatisch oder komödiantisch überhöht, vielmehr versucht die Regisseurin, sich unverkrampft an eine aufgewühlte Lebenswelt anzunähern. Leichter Sarkasmus und ironische Zwischentöne schleichen sich ein, Sozialkitsch und Ausschmückungen – wie sie bereits beweisen konnte – liegen Blümner nicht.

Leider überschlagen sich die Ereignisse etwas, das Drehbuch versucht, so viel wie möglich von der Romanvorlage zu übernehmen, wobei einiges notdürftig hineingepresst wird. Felix’ Krankheit ist hier nur bloßes Beiwerk und wird hastig abgearbeitet, Sascha hangelt sich rasch von einer Annäherung zur nächsten, was immerhin drei verschiedene Männer umfasst. Diese rapide Abarbeitung verhindert jedoch, etwas differenzierter auf die Figur der 17-Jährigen einzugehen, deren sexuelles Erwachen im Vordergrund steht. Einige Male wird sie von den Jungs aus dem Block als Streberin bezeichnet. Sie scheint trotz ihres rabiaten Auftretens gebildet zu sein, darauf wird jedoch überhaupt nicht eingegangen.

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Formal lehnt sich Scherbenpark auch nicht zu weit aus dem Fenster, denn er hält sich ein Zielpublikum vor Augen. Einem Film, der sich zuallererst an jugendliche Zuschauer richtet, Geradlinigkeit vorzuwerfen, ist allerdings nicht angebracht. Schließlich hat man das Gefühl, ein nicht ganz standardisiertes Jugenddrama gesehen zu haben, denn abgeschmackt oder zu glatt wirkt der Film nie. Am Ende hat sich einiges getan, und Sascha tritt eine besondere Reise an. Ein Happy End? Nun ja, zunächst ist es einfach nur mal ein Schritt nach vorne. Ihre bisherigen männlichen Bekanntschaften lässt sie jedenfalls erst einmal hinter sich, denn ein viel wichtigerer Mann tritt in ihr Leben.

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